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Dermatologie 12. Dezember 2007

Fisch mit Folgen

Es muss nicht immer „Fugu-Sashimi“ sein. Auch vermeintlich harmlose, grätenfreie Fischgerichte können unangenehme, bisweilen auch gefährliche Folgen mit sich bringen und dem weihnachtlich-kulinarischen Genuss ein unerwartetes Ende bescheren.

 Fisch

Foto: depeche; manwalk / pixelio.de

Doz. Dr. Ines Swoboda vom Christian-Doppler-Labor für Allergieforschung/Institut für Pathophysiologie, AKH Wien, berichtet: „Die Häufigkeit von Allergien ist im Steigen begriffen, ca. 30 Prozent der europäischen Bevölkerung leiden daran. Fischallergien sind besonders oft in jenen geografischen Regionen anzutreffen, deren Einwohner häufig Fischgerichte essen. So sind etwa in mediterranen Ländern bereits viele Kinder betroffen. Ein Herauswachsen aus Fischallergien wird in der Regel nicht beobachtet. Patienten haben häufig lebenslang darunter zu leiden.“
Aber es gelte genau zu diagnostizieren, denn vermeintlich allergische Reaktionen könnten auch toxisch bedingt oder Symptome einer nicht-immunologischen Nahrungsmittel-Intoleranz sein. Die Diagnose erfolgt durch ausführliche Anamnese und Hauttests (PRICK). Den Goldenen Standard der Diagnostik stellt die kontrollierte doppelblinde placebokontrollierte Nahrungsmittel-Provokation dar.

Formen der Allergenexposition

Swoboda weist darauf hin, dass nicht nur perorale Aufnahme zur Symptomatik führen kann: „Bereits die Inhalation von Dämpfen, die beim Kochen von Fisch entstehen, oder auch perkutaner Kontakt kann zur Allergie führen!“ Dementsprechend unterschiedlich gestalten sich die Erscheinungsbilder der Erkrankung: orale Symptome, gastrointestinale Beschwerden, Rhinitis, Konjunktivitis, Larynxödem und Asthma, Urtikaria, Angioödem, Kontaktdermatitis, bis hin zum anaphylaktischen Schock.

Folgenschwerer Karpfen auf dem Festtagstisch

In der Regel sind Fischallergene Bestandteile des Muskelgewebes. „Beim Hauptallergen handelt es sich um ein sarkoplasmatisches, kalziumbindendes Protein, welches zu den Parvalbuminen zählt“, erläutert die Allergieexpertin. „Viele Fischarten besitzen ähnliche Parvalbumine mit ausgeprägter Sequenzhomologie, was die hohe Rate an Kreuzallergien erklärt. So zeigt sich zum Beispiel an der in Öster­reich am häufigsten vorkommenden Karpfenallergie, dass die Betroffenen auch auf andere Fische wie z.B. Kabeljau, Barsch oder Lachs reagieren. In der Ernährungsberatung ist demnach große Vorsicht geboten und es empfiehlt sich, bei entsprechender Erkrankung generell auf Fischkonsum zu verzichten.“

Vorsicht: Hausstaubmilbenallergiker

Wer Fisch nicht verträgt, mag meist auch Schalentiere nicht. „Es besteht zwar keine Kreuzallergie zwischen Fisch und Krustentieren, jedoch erwerben viele Fischallergiker zusätzlich auch eine Allergie gegen Meeresfrüchte“, so Ines Swoboda.
Die Hauptallergene der Krus­tentiere sind Tropomyosine, Muskelstrukturproteine, die keine Kreuzreaktivität zu Fischallergenen zeigen. Interessant ist allerdings das „Milben-Krustentier-Syndrom“: Ein Tropomyosinallergen der Hausstaubmilbe zeigt große Ähnlichkeit mit einem Garnelenantigen und führt oft zur Kreuzreaktion. „Selbst die Hyposensibilisierung eines Hausstaubmilbenallergikers kann zur Induktion von Tropomyosin-reaktiven IgE‘s und somit zur Etablierung einer Krustentierallergie führen“, stellt Swoboda fest und betont in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit der Entwicklung von reinen, genau definierten Einzel-Allergen-Komponenten, die in Zukunft die Behandlung mit Allergenextrakten ersetzen können.

Diagnostik mittels rCyp c 1.01

Diagnostisch von großem Nutzen ist das rekombinante Karpfen-Parvalbumin rCyp c 1.01, dessen Herstellung im Doppler-Labor für Allergieforschung gelang. Swoboda: „Wir konnten zeigen, dass rCyp c 1.01 ein äußerst bedeutsames Fisch­allergen darstellt und bestens zur Diagnostik von Fischallergien geeignet ist. So steht allein mit rCyp c 1.01 ein Markerallergen zur Diagnostik von Kreuzreaktionen der unterschiedlichsten Fischspezies zur Verfügung.“

Neue Therapiehoffnung

Nach ausführlicher allergologischer Abklärung ist striktes Vermeiden einer Allergenexposition anzustreben, was für Patienten in der Praxis unmöglich ist. Wichtig ist demnach die Verschreibung eines Notfall-Sets. Medikamentöse Therapie bestehender Symptome ist selbstverständlich ebenso indiziert, eine kausale Behandlungsoption ist derzeit bei Fischallergie jedoch nicht möglich. Hier besteht Anlass zur Hoffnung. „Mittels erfolgreicher Hyposensibilisierung erzielt man u.a. einen Switch von einer allergieauslösenden IgE Antwort zu einer protektiven IgG Antwort, der Körper soll also auf das entsprechende Allergen im Sinne einer ,gesunden‘ Immunreaktion antworten“, erklärt die Expertin. rCyp c 1.01 zeige sich auch im therapeutischen Bereich als äußerst vielversprechende Option der Zukunft: Es induziert protektive IgGs und senkt sowohl die IgE-mediierte T-Zell-Präsentation, als auch die Effektorzellaktivität.
Das Risiko schwerer allergischer Nebenwirkungen macht eine Hyposensibilisierung für Fischallergiker bis heute unmöglich, aber auch daran wird gearbeitet. Wie Allergie-Fachfrau Swoboda berichtet, ist es gelungen, durch Mutation an Calcium-Bindungsstellen und Verlust der Protein-Faltstruktur eine hypoallergene Parvalbumin-Variante zu konstruieren, deren Reaktivität mit IgE und somit allergische Potenz massiv herabgesetzt ist. PRICK-Tests mit dieser Parvalbumin-Mutante zeigen auch in vivo eine deutlich verminderte allergische Aktivität: „Im Gegensatz zum rekombinanten Parvalbumin, welches bereits niedrig dosiert starke kutane Reaktionen hervorruft, verur­sacht die Mutante selbst in hoher Dosierung keine Hauteffloreszenzen. Diese Mutante stellt somit die Ausgangsbasis zur Entwicklung von gut verträglichen Impfstoffen für Fischallergiker dar. Studien dazu sind bereits im Laufen“, schließt Ines Swoboda. Eine gute Nachricht für all jene, die hoffen, in Zukunft ihre Lebensqualität trotz Fischallergie grundlegend bessern zu können.

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