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Dermatologie 21. Mai 2007

Ein einheitlicher Standard für alle Dermatologen Europas

Vor 20 Jahren wurde die European Academy of Dermatology and Venerology (EADV) in Luxemburg gegründet. Das Konzept der Fachgesellschaft war vier Jahre zuvor in der Union Européenne des ­Médecins Spécialistes (UEMS), einer Vereinigung verschiedener medizinischer Spezialisten, diskutiert worden. Ziel der 21 Gründungsmitglieder war unter anderem, zu einer Harmonisierung der Dermatologenausbildung in Europa beizutragen und den Hautärzten eine qualitätsgesicherte Fortbildung zu ermöglichen.
Seit 1989 hält die EADV Jahrestagungen ab, heuer findet der Kongress zum ersten Mal in Wien statt. hautnah sprach mit EADV-Präsident Prof. Dr. Alberto Giannetti, Modena, und dem Präsidenten des Wiener Kongresses, Prof. Dr. Erwin Tschachler von der MedUni Wien.

20 Jahre EADV – was hat sich in dieser Zeit in der Dermatologie getan?
Giannetti: In allen europäischen Ländern – in Deutschland und Österreich vielleicht weniger – wurde die Bettenanzahl in den dermatologischen Abteilungen reduziert. Das heißt, die Behandlung, auch die dermatochirurgische, erfolgt mehr und mehr ambulant. In der Forschung ist die Dermatologie einen großen Schritt weitergekommen. Wir verstehen die Pathogenese einzelner Krankheiten viel besser, da man auch auf dem Gebiet der Molekularbiologie und Molekulargenetik wesentlich weitergekommen ist.
Tschachler: So wurde z.B. bei einer der häufigsten Hautkrankheiten, der atopischen Dermatitis, eine Mutation im Filaggrin-Gen festgestellt, das für den Aufbau der Hautbar­riere eine wesentliche Rolle spielt. Auch darüber wird im Rahmen des diesjährigen EADV-Kongresses in Wien referiert.
Giannetti: Was die Diagnose betrifft, so stehen uns neue, nichtinvasive Techniken wie die Dermatoskopie zur Verfügung, um Hautveränderungen frühzeitig und besser zu erkennen. Diese Techniken erlauben uns einen viel genaueren Blick auf die Dermis. Hinsichtlich der Dermatologenausbildung sind eine Harmonisierung und Homogenisierung seit den Anfängen der EADV unser Anliegen, und es gibt schon verschiedene Vorschläge, wie eine solche Vereinheitlichung europaweit implementiert werden könnte. Ein Punkt ist beispielsweise, dass die Ausbildung überall vier Jahre dauern soll. Eine solche Vereinheitlichung ist wirklich notwendig, und ich glaube, dass sie auch durchführbar ist, die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind gar nicht so gravierend. Eine große Ausnahme gibt es allerdings: In Großbritannien gehören sexuell übertragbare Krankheiten nicht zur Dermatologenausbildung. Überall sonst heißt das Fach Dermatologie und Venerologie.

 Kratzspuren in den großen Beugen bei atopischer Dermatitis.
Kratzspuren in den großen Beugen bei atopischer Dermatitis.

Foto: Universitätsklinik der MedUni Wien

Die EADV hat im Vorjahr Gespräche mit Brüssel aufgenommen. Ist die Ausbildungsfrage eins der Themen?
Giannetti: Ja. Es gibt auch regelmäßige Zusammenkünfte mit anderen dermatologischen Gesellschaften auf europäischer Ebene: European Dermatology Forum EDF, Herausgeber des Weißbuches Dermatologie und verschiedener Leitlinien; oder European Society for Dermatological Research ESDR, die sich den Fortschritten in der dermatologischen Grundlagenforschung widmet. Alle diese Gesellschaften haben gemeinsam regelmäßige Treffen. Wir diskutieren dann die Aus- und die Weiterbildung des Nachwuchses. Die EADV hat jetzt rund 3.000 Mitglieder. In Europa gibt es aber 30.000 bis 40.000 Hautärzte. Wir haben deshalb Kontakt mit den jeweiligen Landesfachgesellschaften aufgenommen, um ihnen vorzuschlagen, dass ihre Mitglieder automatisch auch Mitglieder der EADV sind. So können alle Dermatologen von den Angeboten der EADV profitieren.

 Plaque-Stadium eines Kaposi-Sarkoms: Die Infektion mit dem humanen Herpesvirus Typ 8 führt nach Jahren bis Jahrzehnten zur Entstehung von Tumoren an der Haut.
Plaque-Stadium eines Kaposi-Sarkoms: Die Infektion mit dem humanen Herpesvirus Typ 8 führt nach Jahren bis Jahrzehnten zur Entstehung von Tumoren an der Haut.

Foto: Universitätsklinik der MedUni Wien

Was sind diese Angebote?
Giannetti: Abgesehen von dem monatlich erscheinenden Journal der Gesellschaft die Möglichkeit, an Weiterbildungsveranstaltungen teilzunehmen, auf denen jeder Dermatologe sich mit anderen Dermatologen aus ganz Europa austauschen kann, über die EADV-Website Zugang zu verschiedenen anderen Journalen und natürlich der stark ermäßigte Eintritt bei der Jahrestagung.
Tschachler: Außerdem hat die EADV Programme entwickelt, um Dermatologen in Ausbildung die Möglichkeiten zu geben, ihre Kenntnisse einerseits auf dem Gebiet infektiöser Hautkrankheiten und andererseits der Dermatohistopathologie im Rahmen der „EADV Summer Schools“ zu vertiefen. Inner­europäische Austauschprogramme zum Erlernen bestimmter Techniken und Fertigkeiten sind auch für Kollegen aus der Praxis zugänglich.

 Psoriasis: neue Behandlungsmöglichkeiten für ein Leiden, das zwei Prozent der Bevölkerung betrifft.
Psoriasis: neue Behandlungsmöglichkeiten für ein Leiden, das zwei Prozent der Bevölkerung betrifft.

Foto: Universitätsklinik der MedUni Wien

Was sind die aktuellen Herausforderungen der Dermatologie?
Giannetti: Neben dem Hautkrebs immunologische Hautkrankheiten, Hautalterung und sexuell übertragbare Krankheiten. Und natürlich die Gentherapie. Bei der erblichen blasenbildenden Krankheit Epidermolysis bullosa sind bereits erste Schritte in Richtung einer erfolgreichen Gentherapie unternommen. Und schließlich der Versuch, Krebs durch eine Impfung, eine Immuntherapie zu behandeln. Abgesehen davon ist eine unserer Hauptaufgaben, die Menschen über Hautkrankheiten aufzuklären, mit Patientenorganisationen zusammenzuarbeiten, um Prävention zu betreiben, aber auch, um so früh wie möglich behandeln zu können. Wenn Menschen wissen, dass sie aufgrund ihres Hauttyps gefährdet sind, ein Melanom zu entwickeln, kommen sie regelmäßig zum Hautarzt.
Tschachler: Eines der spannendsten Themen derzeit ist die Beteiligung von Viren an der Pathogenese von Haut- und Schleimhauttumoren. Im Rahmen des Kongresses in Wien wird Doug Lowy von den National Institutes of Health über die Entwicklung der Impfung gegen das humane Papillomavirus (HPV) berichten, an der er wesentlich beteiligt war. Zudem wird Chris Boshoff vom Londoner Wolfson Institute for Biomedical Research einen Hauptvortrag über das humane Herpesvirus Typ 8 (HHV-8) halten, die infektiöse Ursache des 1872 in Wien erstbeschriebenen Kaposi-Sarkoms.

 Zugang zu den Informationen über die EADV-Website www.eadv.org.
Zugang zu den Informationen über die EADV-Website www.eadv.org.

Welche Themen des Kongresses finden Sie persönlich besonders spannend?
Tschachler: Die Dermatologie ist ein „weites Fach“, dementsprechend erstreckt sich das Programm unseres Kongresses von Infektionskrankheiten bis zur Phlebologie, von genetischen Erkrankungen bis hin zum Skin Resurfacing und von der Dermatopathologie bis zu den jüngsten Entwicklungen in der Therapie der Psoriasis. Eine besondere Herausforderung stellen auch die Globalisierung und die vermehrte Mobilität der Menschen dar, sie haben auch die Anforderungen an die Dermatologen erhöht. Innerhalb eines Tages kann beispielsweise jeder Keim jeden Punkt auf diesem Globus erreichen. Das heißt, dass wir über Krankheiten Bescheid wissen müssen, die wir früher nur äußerst selten oder nur im Lehrbuch gesehen haben. Das ist der Grund, warum wir im Rahmen des diesjährigen EADV-Kongresses spezielle Sitzungen für Afrika, Indien, China und Südamerika eingerichtet haben, die von den Kollegen aus den jeweiligen Regionen organisiert und gehalten werden.

Elisabeth Tschachler-Roth, hautnah 2/2007

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