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Dermatologie 24. April 2007

Berufsrisiko Sonne

Hinsichtlich UV-bedingter Hauterkrankungen sind Außenarbeiter hoch gefährdet, wie eine rezente Studie zeigte.

Die Sonne steht derzeit vermehrt im Mittelpunkt. Viele klagen über ihre zunehmende Stärke und vermuten schon einen hereinbrechenden Klimawandel. Freilich, schon vor Jahren bereitete die Sonne im Zusammenhang mit intensiver UV-Strahlung Sorgen. Damals starrten Wissenschaftler gebannt auf den stratosphärischen Schutzvorhang, dessen aufreißende Lücken beide Erdpole zu entblößen schienen. Die Angst vor dem Ozonloch brachte weltweit große Bemühungen zur Eindämmung von Fluorchlorkohlenwasserstoffen ins Rollen. Kein Grund, sich in Sicherheit zu wiegen. Vor allem Menschen mit langen Aufenthalten im Freien sollten sich um den Sonnenschutz nachhaltige Gedanken machen, wie eine rezente Studie der Abteilung für Spezielle Dermatologie und Umweltdermatosen der Wiener Universitätsklinik bestätigt. Im Fokus der Untersuchung steht eine Berufsgruppe, die einen Großteil ihrer Tätigkeiten im Freien verrichtet.

Studie mit heimischen Bauern

„Im ersten Teil unserer Studie begleiteten wir 386 Bäuerinnen und Bauern aus vier verschiedenen Betriebszweigen bei ihrer Arbeit und untersuchten regelmäßig den Zustand von Haut und Augen. Des Weiteren erhoben wir das Bewusstsein der Landwirte bezüglich solarer Gefahren anhand eines Fragebogens. Parallel wurde dieselbe Vorgangsweise bei einer Kontrollgruppe von 107 Büroangestellten durchgeführt“, erklärte Studienleiter Prof. Dr. Harald Maier bei der Präsentation der Untersuchung Mitte April in Wien. Auf eine Analyse dieser Art musste in Österreich lange gewartet werden. Verglichen mit Vorreiter Australien liegt man hierzulande ohnehin arg im Hintertreffen. Ein Großteil der gesammelten Daten stammt von Modelluntersuchungen, so wie jene Dosismessstudien, welche die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt seit Jahren durchführt. Die AUVA greift in erster Linie auf UV-Indexwerte der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik zurück. Aus diesen Daten lassen sich zunächst der theoretische und in weiterer Folge der praktische Wert berechnen und so eine ungefähre berufliche Sonnen-Exposition abschätzen. Auf diese Art will die Unfallversicherungsanstalt Schritt für Schritt sachliche Beurteilungskriterien entwickeln. DI Helmut Brusl von der AUVA: „Diese Daten sind zwar nicht 100-prozentig stichhaltig, doch können sie die bisherige Willkür ablösen und zumindest ein gewisses Risiko quantifizieren.“ Wesentlich fundierter holte Maier seine UV-Indexwerte im Feldversuch ein: Ein Dutzend Bäuer-innen und Bauern rüstete der Dermatologe für den zweiten Teil seiner Studie mit einem am Kopf befestigten digitalen UV-Dosimeter aus. Die aufgezeichneten Werte wurden gemeinsam mit einem persönlichen Arbeitsprotokoll am Ende des Tages per E-Mail an die Studienzentrale versendet. Die Protokolle, die noch genauer analysiert werden, ermöglichen detaillierte Aussagen über Tätigkeiten, die eine besonders hohe UV-Belastung für Haut und Augen mit sich bringen. Mittlerweile wird kaum infrage gestellt, dass die ultraviolette Strahlung die bedeutendste Umweltnoxe für den Menschen darstellt. Maier: „Mein Team und ich wollten das Risiko für UV-verursachten Hautkrebs bei Außenarbeitern genauer als bisher quantifizieren. Zum Nachweis einer Erkrankung als Berufskrankheit benötigen wir besonders harte Daten, die darlegen, dass die berufliche UV-Exposition zum überwiegenden Teil für die Entstehung eines Hauttumors verantwortlich sein könnte. Dabei muss berücksichtigt werden, dass Menschen, die bei ihrer beruflichen Tätigkeit der Sonne ausgesetzt sind, auch eine nicht zu vernachlässigende UV-Exposition in ihrer Freizeit aufweisen.“

Mehr Aufklärung vonnöten

Die epidemiologische Untersuchung der Wiener Universitätsklinik stützte sich zunächst auf die Gegenüberstellung einer Kontrollgruppe – Angestellte im Innendienst – mit Landwirten. Beide Gruppen waren hinsichtlich Hautphototyp und Durchschnittsalter vergleichbar und wurden im Vorfeld dermatologisch und augenärztlich untersucht. Dabei erhoben die Studienautoren diverse Parameter der Hautalterung an vier vorgegebenen Arealen. Des Weiteren wurden Wissensstand und individuelle Einstellung der Probanden bezüglich UV-Gefahrenpotenzial erfragt. Die Auswertung ergab, dass in der bäuerlichen Bevölkerung Sonnenschutz durchaus ein Thema ist und Vorbeugemaßnahmen höher bewertet werden als deren Praktibilität im Arbeitsalltag. Trotzdem kamen Cremen und Sonnenbrillen praktisch nicht und Kopfbedeckungen kaum zum Einsatz. Auffallend ist, so die Studienautoren, dass sich die Bauern zwar zu wenig aufgeklärt fühlen, sich aber kaum eigenständig informieren.

Bürodermis wird intensiver gebraten

Bereits die körperliche Voruntersuchung brachte interessante Unterschiede zwischen wettergegerbter Bauernhaut und geschonter Bürodermis ans Licht: Bei den Landwirten fanden sich signifikant häufiger Sonnenflecken (Lentigines) auf Kopf und Hals, während die Innendienstler die linsenförmigen Flecken in größerer Menge auf der Brust aufwiesen. „Die Bauern schützen ihren Körperstamm unter der Arbeit durch Kleidung, während die Angestellten in der Zeit, die sie endlich in die Sonne verbringen dürfen, all ihre Hüllen fallen lassen und stundenlang in der Sonne braten“, umriss Maier das Phänomen. Die absolut höhere UV-Belastung der Landarbeiter spiegelt sich durch Teleangiektasien und grobe Falten wider. Diese Anzeichen einer vorzeitig gealterten Dermis sind gemeinhin als Landmannshaut bekannt. Obwohl vorzeitige Hautschäden bei der aktiven bäuerlichen Bevölkerung eindeutig nachweisbar waren, konnte aufgrund des allgemein geringen Vorkommens von invasiven UV-induzierten Hauttumoren in Bezug auf die Hautkrebshäufigkeit kein statistischer Unterschied zwischen den beiden Gruppen dokumentiert werden. Bei den Augenuntersuchungen eröffnete sich den Untersuchern ein anderes Bild. Dort offenbarten sich bei den Landarbeitern diverse Veränderungen an Lidern, Bindehäuten sowie eine verringerte Tränenfilmproduktion, die je nach landwirtschaftlichem Zweig variierten. Beispielsweise litten Bauern von Mischbetrieben mit Obst- und Ackerbau vermehrt an Warzen und Pigmentflecken.

Mit dem Dosimeter zur Arbeit

In der Felduntersuchung, die von April bis Oktober 2006 andauerte, wurden zwölf Bäuerinnen und Bauern ein Dosimeter in Kopfhöhe befestigt. Die Analyse der Messdaten legte offen, dass an bestimmten Tagen die Sonnenbrand-induzierende UV-Dosis von 250 J/m2 um ein Vielfaches überschritten wurde. Die maximal gemessene Tagesdosis lag bei 3.145 J/m2. „Mithilfe der Tagebucheintragungen konnten wir jene Tätigkeiten identifizieren, die ein besonderes Maß an Sonnenexposition erforderten, etwa Obstpflücken oder Traktorfahrten ohne geschlossenes Schutzdach“, beleuchtete Maier riskante Aktivitäten. Tätigkeiten, die in Landwirtschaftsbetrieben vor allem von Frauen verrichtet werden – etwas was auch die Dosimeteranalyse unterstrich. „Die von uns erhobenen Daten reichen zwar nicht aus, um die Basis für eine Anerkennung von lichtinduzierten Krebserkrankungen als Berufskrankheit zu schaffen, können jedoch einen großzügigen Umgang der Generalklausel bei diversen Hauttumoren und Augenläsionen rechtfertigen“, zeigte sich Maier optimistisch. In der Tat werden in Österreich kaum Versuche unternommen, Krebserkrankungen der Haut als berufsbedingte Erkrankung anerkennen zu lassen, bestätigte Physiker Brusl: „Bei solchen Leiden muss der Nachweis gelingen, dass sie kausal mit dem Beruf zusammenhängen. Diese Fälle müssen jeder für sich in einem so genannten Generalverfahren geklärt werden – gelten jedoch als kaum beweisbar.“ Wesentlich einfacher ist es, die Strahlungsbelastung von künstlichen UV-Quellen, etwa in der Industrie, zu beurteilen. Ein weiterer Grund, warum das Europaparlament im Februar 2006 die geplante EU-Richtlinie zu optischen Strahlungen entschärfte. Zwar wurden Expositionsgrenzwerte eingeführt, um die Gesundheit der Arbeitnehmer zu schützen, jedoch wurde nach langen Debatten die natürliche Sonnenstrahlung aus dem Geltungsbereich der Richtlinien gestrichen. Der Schutz vor natürlicher optischer Strahlung obliegt weiterhin nur den Mitgliedsstaaten.

Sonnenschutz kommt von oben

Daher stellen Studien, wie jene von Maier, einen wichtigen Meilenstein für den Schutz von Außenarbeitern dar. Zudem ist der Dermatologe überzeugt, dass seine Untersuchungen ein langsames, aber längst notwendiges Umdenken im Umgang mit der Sonne bewirken und die Bevölkerung hinsichtlich UV-Prophylaxe sensibilisieren. Schließlich beendet Maier seine Statements gerne mit dem Slogan: „Sonnenschutz beginnt eben im Kopf.“

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 17/2007

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