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Dermatologie 20. Februar 2007

Der Begleiter, der nachts wach hält

Infektionen und endokrine Erkrankungen, Krebs oder Anorexie: Ursachen, warum Patienten von mehr oder weniger ständigem Juckreiz berichten, gibt es viele, nicht immer können sie leicht geklärt werden. Ob für den Allgemeinmediziner, den Internisten oder den Dermatologen: Pruritus ist eine ständige Herausforderung in der Praxis.

Juckreiz beschäftigt nicht nur Dermatologen, sondern auch Hausärzte, ist er doch ein Begleit­symptom vieler innerer, onkologischer und neurologischer Krankheiten. Da dem Juckreiz wohl unterschiedliche Pathomechanismen zu Grunde liegen, gibt es je nach Grunderkrankung verschiedene Therapieoptionen.
Juckreiz unklarer Ursache ist ein Grund, nach einer klaren Diagnose zu suchen. Zwar kommt Pruritus am häufigsten bei Leber- und Nierenerkrankungen vor, schreiben Prof. Dr. Thomas Mettang von der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden und seine Kollegen (Der Hautarzt 2006; 57: 395). Aber auch Infektionen, hämatologische oder endokrine Erkrankungen können die Ursache sein.

Häufige und seltene Ursachen

Pruritus kommt zudem in allen Stadien von Tumorkrankheiten vor und kann der Diagnose sogar um Jahre vorausgehen. Auch Anorexiepatienten haben zum Teil Juckreiz. Seltene Ursachen sind Multiple Sklerose, Hirninfarkte oder Hirntumoren. Kratzartefakte sind bei der klinischen Untersuchung meist die einzigen Hautveränderungen, die zu sehen sind.
Medikamenteninduzierter Pruritus geht gegebenenfalls mit einem masernartigen Exanthem einher. Zehn bis 20 Prozent der Lymphom- und Leukämiepatienten haben Papeln, Knoten, Plaques oder Ulzera. Bei HIV-Infektionen oder Hypothyreose hängt der Juckreiz oft mit trockener Haut zusammen.

Unterarm oder Nasenloch?

Art und Lokalisation der Beschwerden variieren je nach Grunderkrankung:
- ? 25 bis 50 Prozent der Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz haben einen generalisierten Juckreiz, vor allem am Rücken, am Shuntarm (bei Dialyse) und im Gesicht.
- ? Auch hepatischer Pruritus ist meist generalisiert. Betroffene können ihn durch Kratzen kaum lindern. Typische Lokalisationen sind Handflächen, Fußsohlen sowie die Auflageflächen der Kleidung.
- ? Bei Morbus Hodgkin beginnt der Juckreiz meist nachts in den Beinen, bevor er generalisiert. Auch ein Rezidiv der Erkrankung kann sich durch Juckreiz ankündigen.
- ? Für Polycythaemia vera ist ein stechender Juckreiz nach dem
Baden oder bei Temperaturschwankungen typisch.
- ? Bei Hirntumoren wurde ein Pruritus der Nasenlöcher beobachtet.
Untersuchungen zu den Ursachen des Juckreizes lieferten bisher oft widersprüchliche Resultate. So werden etwa bei Nierenerkrankungen Parathormon und Histamin als ursächliche Faktoren vermutet. Allerdings seien Antihistaminika in der Regel unwirksam, so die Autoren des Übersichtsartikels. Ungeklärt sei auch die Bedeutung von Antigenen und Urämietoxinen. Vermutet werden erhöhte ­Vitamin-A-Gewebskonzentrationen, Entzündungsprozesse, Mikroverkalkungen in der Haut oder die vermehrte Stimulation von µ-Opioidrezeptoren durch Endorphine.
Im Vordergrund steht zunächst die Therapie gegen die Grunderkrankung, etwa die Beseitigung der Cholestase bei Leber- und Gallenwegserkrankungen.
Therapieoptionen bei Nierenerkrankungen sind hoch dosierte Aktivkohle (6 g/d über zwei bis drei Wochen), UVB-Licht-Bestrahlung oder die Verschreibung des Opioidantagonisten Naltrexon, des Serotoninrezeptor-Antagonisten Ondansetron oder des Antiepileptikums Gabapentin, empfiehlt das Team um Mettang. Auch Akupunktur oder Elektroakupunktur sollen wirksam sein.
Bei Lebererkrankungen gibt es positive Berichte über Dronabinol, einem Agonisten des Cannabinoid-B1-Rezeptors und über den Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Sertralin. Vielen Patienten hilft Colestyramin, allerdings oft nur vorübergehend. Bei Nieren- oder Leberversagen führt eine Organtransplantation zur deutlichen Besserung des Juckreizes oder sogar zur Symptomfreiheit. Ist der Juckreiz besonders auf die trockene Haut zurückzuführen, kann Patienten oft mit rückfettenden Salben und Ölbädern geholfen werden.
Ursache von vulvärem Pruritus, von dem etwa jede fünfte Patientin mit Diabetes betroffen ist, ist oft eine Candida- oder Dermatophyten-Infektion.

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