zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 13. Dezember 2006

Sich in seiner Haut wieder wohl fühlen

Konflikte, die der Patient selbst nicht lösen kann, sind oft der Hintergrund hartnäckiger dermatologischer Erkrankungen. Eine biopsychosoziale Anamnese hat sich zur Ursachenfindung als brauchbar erwiesen. Trancearbeit kann hilfreich bei der Bewältigung sein.

Bei der Erhebung einer psychosomatischen Anamnese hat sich das Konzept des biopsychosozialen Modells als sehr brauchbar erwiesen. Es wird gefragt, in welcher Lebenssituation die Beschwerden auftreten bzw. aufgetreten sind, in welcher innerlichen psychischen Verfassung sich der Patient befindet. Es wird somit der Versuch gemacht, eine Landkarte zum äußeren wie auch inneren „Klima“ zu entwerfen. Das erweitert den Fokus der Aufmerksamkeit, die psychosozialen Aspekte werden in die Betrachtung der Krankheit mit einbezogen.
An der Haut, der Grenze des Menschen zu seiner Umwelt, trifft die Welt des Individuums (die Welt des inneren Klimas) auf die der äußeren Systeme und Klimata. Damit ist die Haut nicht nur Grenze, sondern gleichzeitig Verbindungs- und Kontaktorgan. Wie nimmt der Einzelne diese Grenze wahr? Neben dem Empfinden von Berührung (Berührtwerden), Druck, Kühle oder Jucken, Schmerz an einzelnen Stellen gibt es vor allem das eher diffuse körperliche Allgemeinbefinden. Es steht im Wechsel von Verengung und Erweiterung, von Kontraktion und Erschlaffung, Spannung und Entspannung. Missempfindungen im leiblichen Erleben manifestieren sich, abhängig von der individuellen Bereitschaft, natürlich auch an der Haut.

 Fallbeispiel

Anspannung und Unruhe

Neben den erwähnten Aspekten der biopsychosozialen Anamnese bietet sich insbesondere bei Hautkrankheiten das Konzept der „bezogenen Individuation“ nach Helm Stierlin an. Danach kann es bei Erhebung einer psychosomatisch orientierten Anamnese nützlich sein, darauf zu fokussieren, dass eine Hautkrankheit Ausdruck eines möglichen Konfliktes sein kann. Ein solcher Konflikt erwächst aus dem persönlichen Wunsch nach Individuation (das Seine zu leben, seine eigene Welt, seine Familie, seine Beziehungen, Ideen zu gestalten und zu verwirklichen) und der gleichzeitigen Gebundenheit an die Herkunftsfamilie mit ihren Werten, Verpflichtungen, Erwartungen und daraus resultierenden Moralvorstellungen.
Können diese beiden Seiten respektvoll miteinander umgehen und ihre jeweiligen Bedürfnisse respektieren, kann das gelingen, was als bezogene Individuation verstanden wird: Der Einzelne kann seine Vorstellungen leben und gut in Beziehung mit anderen sein. Sind diese beiden Seiten ausgewogen, besteht keine Spannung, es herrschen innerer Frieden und Ruhe. Gelingt dies wie so häufig nicht, findet zwischen diesen beiden Seiten ein oft erbitterter Kampf statt, in welchem dann meist die Seite der Individuation zu kurz kommt. Dieses Hin und Her der beiden Seiten führt zur inneren Anspannung und Unruhe. Histologisches Korrelat dieses Konfliktes ist die Entzündung der Epidermis mit Invasion von Entzündungszellen.
Je nach genetischer Disposition äußert sich die Anspannung, das Eingeengtsein als Neurodermitisschub, Verschlechterung psoriatischer Veränderungen, Auftreten von Ekzemen, Urticariaschüben (insbesondere auch Urticaria factitia bzw. Pruritus unklarer Genese), Acne excoriée usw.

Der Individuation Raum geben

In der Anamnese der Patienten mit chronischen Hauterkrankungen ergeben sich dementsprechend dann oft Besserungen der Hauterscheinungen, wenn die Seite der Individuation mehr Raum bekommt. Dies geschieht häufig in Urlauben (die Besserung wird dann oft ausschließlich durch Meersalz und Sonne erklärt, wobei beides zuhause allerdings nicht so gut hilft), Aufenthalt an Studienorten usw.
Gehen wir davon aus, dass sich in der Symptomatik wesentliche Informationen über die Bedürfnisse des Organismus zeigen, so spiegelt sich dies in der hypnosystemischen Arbeit deutlich wider. Phasen der Besserung sind verknüpft mit einem „Leiberleben“ von Weite, Freiheit. Wird hingegen nachempfunden, wie es sich anfühlt, wenn die Haut (wiederum) Symptome zeigt, so ist dies mit dem „Leibgefühl“ der Enge, der Beklommenheit verbunden. So tritt eine Verschlechterung der Neurodermitis häufig in Situationen auf, wo es schwierig werden kann, die „Freiheit“ zu leben.
Gelingt es in der psychotherapeutischen Arbeit, eine Betrachterposition für diese beiden Erlebniswelten einzunehmen und die jeweiligen Bedürfnisse der verschiedenen Seiten zu verstehen, kann ein erstes Verständnis für die inneren Anteile aufgebracht werden. Damit ist schon ein wesentlicher Schritt getan zu erahnen, warum die Haut so verrückt spielt, und gleichzeitig zu einer anderen Bewertung zu gelangen. Dies bedeutet oft schon eine große Erleichterung. Als sehr hilfreich erweist sich auch Trancearbeit, die darin besteht, einen guten Platz zu finden, an dem man sich wohl fühlt und von einer schützenden Hülle (oft aus hellem Licht) umgeben ist. Aus diesem gut geschützten Raum heraus kann der Patient Distanz zur bedrängenden Außenwelt und zu inneren Antreibern schaffen und dennoch in guter Beziehung zur Umgebung sein.

Eine andere Sichtweise

Dieser Platz ermöglicht andere Sichtweisen und Perspektiven, die ohne diese „Aufstellungsarbeit“ kaum möglich wären. Nicht selten werden familientherapeutische Interventionen (wie auch Aufstellungsarbeit) von Nutzen sein, um die Seite, die im Herkunftssystem gebunden ist, zu unterstützen. Das Erlernen von Yoga sowie progressiver Muskelrelaxation nach Jacobson kann ebenfalls eine für Patienten sehr hilfreiche Unterstützung werden.

 Fazit für die Praxis

Dr. Renate Simma, Hautärztin in Vöcklabruck

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben