zur Navigation zum Inhalt
 
Dermatologie 7. Dezember 2006

Hochriskante Typen

Von Prof. Dr. Reinhard Kirnbauer war an der Entwicklung maßgeblich beteiligt

Dass es möglich gemacht wurde, gegen die krebserregenden humanen Papillomviren (HPV) zu impfen, wird in der Fachwelt als nobelpreisverdächtige Sensation gewertet. Wie sich gezeigt hat, können mit einer Immunisierung, die auf die Hoch­risikovarianten des Virus abzielt, rund 70 Prozent der Fälle von Zervixkarzinom verhindert werden – einer der aggressivsten Krebserkrankungen und der zweithäufigsten bei europäischen Frauen zwischen 15 und 44 Jahren.
Die mehr als 100 verschiedene Genotypen umfassende Familie der HPV plagt den Menschen in vielerlei Hinsicht. Über 30 Typen können zu Infektionen im Genitoanalbereich führen, die sich allerdings längst nicht immer klinisch manifestieren.

Genitalwarzen sind äußerst hartnäckig

So kommt es zu Genitalwarzen, den bis zu mehreren Millimeter großen Papeln rötlicher, grau-bräunlicher oder weißlicher Farbe – Condylomata acuminata –, von denen meist mehrere nebeneinanderstehen und beetartig konfluieren können, bei rund einem Prozent der sexuell aktiven Erwachsenen. Bei zumindest 15 Prozent besteht eine subklinische Infektion. Diese sichtbaren Warzen, die die häufigsten benignen Tumoren des äußeren Genitoanalbereichs darstellen, werden in der Regel durch die Typen HPV 6 oder HPV 11 hervorgerufen, den als „low risk“ klassifizierten Papillomviren.
Eine Behandlung ist angezeigt, und zwar so früh wie möglich, denn die Ansteckungsgefahr ist naturgemäß bei hoher Viruslast besonders hoch. Die Warzen sind jedoch auch mit den Mitteln der modernen Medizin nur äußerst schwer behandelbar und tendieren dazu, immer wieder aufzutreten. Durch eine vorbeugende Impfung mit einem der beiden Vakzine wird auch die Übertragung dieser Virustypen verhindert.
Weit gefährlicher noch ist die Infektion mit anderen HPV-Typen, die freilich gleichzeitig erfolgen kann: HPV 16, 18, 31, 33 und 35 gelten als High-risk-Erreger, da sie regelmäßig in Vorstadien des Zervixkarzinoms und in mehr als 99 Prozent der invasiven Karzinome der Cervix uteri sowie auch in Analkarzinomen und intraepithelialen Neoplasien des äußeren Genitales nachgewiesen werden, jedoch lange Zeit keinerlei Symptome verursachen. Übertragen werden die Viren in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle durch Geschlechtsverkehr – und zwar sowohl genital als auch oral oder anal. Das Virus benötigt den Zugang zur undifferenzierten Basalschicht des Epithels, wobei minimale Läsionen in der Schleimhaut den Weg bereiten können. Kondome schützen vor der Ansteckung nur dann, wenn sie regelmäßig und bereits zu Beginn des Liebesakts zum Einsatz kommen.
Prof. Dr. Reinhard Kirnbauer von der Klinischen Abteilung für Immundermatologie und infektiöse Hautkrankheiten der Universitätsklinik für Dermatologie am Wiener AKH beschäftigt sich seit 16 Jahren mit dem Virus, das den Menschen seit Jahrtausenden befällt. Ursprünglich auf der Suche nach dem zellulären HPV-Rezeptor, gehörte der Wiener Dermatologe, der drei Jahre lang am US-amerikanischen National Cancer Institute geforscht hat, schon bald zu den Mitentwicklern der Vakzine. Auf der diesjährigen Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie erhielt Kirnbauer den Ferdinand-von-Hebra-Preis für seine Arbeiten zur Entwicklung des HPV-Impfstoffes, aber auch eines Impfstoffes gegen die Alzheimer-Erkrankung sowie für die Beschreibung von zellulären Papillomvirus-Rezeptormolekülen.
hautnah sprach mit dem Wissenschaftler der MedUni Wien über die Viren, mit denen so gut wieder jeder im Lauf seines Lebens Bekanntschaft macht, über durch Impfung entstehende ökologische Nischen und die ungebrochene Wichtigkeit von Pap-Abstrichen.

 HPV-Impfstoffe

Wie hoch ist die Durchseuchung mit humanen Papillomviren?
Kirnbauer: Es gibt bei uns keine Meldepflicht, wenn eine Infektion festgestellt wird bzw. Genitalwarzen diagnostiziert werden. Wenn man die Literatur liest, stößt man hinsichtlich der Häufigkeitszahlen immer auf eine große Bandbreite, bei der man sich fragt, wie sie zustande kommt. Die Antwort ist, es hängt immer davon ab, welche Altersgruppen man betrachtet. Im Querschnitt gesehen hat ein Prozent der Erwachsenen manifeste Genitalwarzen. Tatsache ist aber: Man sieht immer nur die Spitze des Eisbergs. Das heißt, ein höherer Prozentsatz hat subklinische HPV-Infektionen, die man im Labor nachweisen kann. Und dann gibt es noch latente Infektionen, sie sind nicht nachweisbar. Bei 20-jährigen Mädchen kann der Prozentsatz der HPV-Infektion zu einem gegebenen Zeitpunkt zwischen zehn und 30 liegen. Anders betrachtet werden schätzungsweise bis zu 80 Prozent der sexuell aktiven Erwachsenen im Lauf ihres Lebens mit genitalen HPV infiziert.

Sind Genitalwarzen ein Warnzeichen dafür, dass sich später ein Zervixkarzinom entwickeln kann?
Kirnbauer: Genitalwarzen sind meist durch Niedrigrisikotypen des humanen Papillom­virus verursacht. Sie entarten nie. Aber dadurch, dass der Übertragungsweg derselbe ist – nämlich sexuell –, ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand auch mit Hochrisikotypen infiziert ist, natürlich höher. Genitalwarzen sind also ein Marker dafür, dass der Patient ein höheres Risiko trägt, ein Genitalkarzinom oder eine -dysplasie zu entwickeln.

Erfolgt die Übertragung also gleichzeitig, kommen die verschiedenen Virustypen sozusagen im Paket?
Kirnbauer: Ja, es ist sehr oft so, dass man Infektionen mit multiplen HPV-Typen findet, und zwar sowohl in den Genitalwarzen als auch in den Dysplasien.

Besteht bei der Impfung die Gefahr, dass es zu einem Erregershift kommt, dass also bisher harmlose Virustypen hochriskant werden?
Kirnbauer: Ungefähr 70 Prozent der Zervixkarzinome und der Vorläuferläsionen, der Dysplasien, werden durch HPV 16 und 18 verursacht. Der durch Impfung erreichte Schutz ist spezifisch für die in der Vakzine enthaltenen HPV-Typen. Die Vakzine hat, eine 100-prozentige Effektivität vorausgesetzt, das Potenzial, 70 Prozent der Karzinome zu verhindern. Das heißt, 30 Prozent sind nicht zu verhindern, außer es stellt sich noch heraus – und dafür gibt es bereits Hinweise –, dass der Impfstoff breiter wirkt. Präliminäre Ergebnisse zeigen, dass auch ein gewisser Schutz gegen HPV 45 und HPV 31 besteht. Es gibt allerdings noch andere Risikotypen des Virus.
HP-Viren haben sich über Jahrmillionen mit der Menschheit entwickelt, sie haben ein äußerst stabiles Genom, anders als Bakterien, wo durch Selektion ein Erregershift möglich ist, auch anders als RNA-Viren. Dass es unter dem Selektionsdruck von Antikörpern zu Mutationen bei HP-Viren kommt, schließe ich aus.
Eher plausibel scheint eine zweite Möglichkeit: Wenn die Typen 16 und 18 zurückgedrängt werden, entsteht theoretisch eine ökologische Nische an der Genitalschleimhaut, ein freier Platz, den andere, seltenere HPV-Typen besetzen könnten. Das hat aber noch nie jemand gezeigt, und ich bezweifle auch, dass das passiert.

Wie ist das mit der Wirksamkeit bei Frauen, die bereits infiziert sind?
Kirnbauer: Der Impfstoff ist nur prophylaktisch wirksam, hat auf bestehende Infektionen und Zellveränderungen keinen Einfluss.

Ist es sinnvoll, Buben zu impfen?
Kirnbauer: Meiner Meinung nach ja, und zwar aus drei Gründen. Der erste Grund fällt derzeit unter den Tisch: Homosexuelle haben sehr viele Analerkrankungen, Dysplasien, Analkarzinome. Wenn der junge Mann einmal realisiert, dass er homosexuell ist, ist er vermutlich bereits infiziert. Zudem sind Genitalwarzen bei Burschen auch kein Vergnügen – man ist sexuell beeinträchtigt.
Der dritte Grund ist: Wenn man in der Gesamtbevölkerung eine Herdenimmunität erreichen will, muss die Durchimpfungsrate 70 Prozent betragen. Nur dann gelingt es, die Infektion auch in der Gesamtbevölkerung zurückzudrängen, nicht nur bei den Frauen, die geimpft sind. Bei den Buben ist das Verhältnis von Kosten und Nutzen freilich viel geringer. Soweit ich weiß, wird der österreichische Impfausschuss aber nach amerikanischem Vorbild auch eine Impfung für Buben empfehlen.

Was sollten Ärzte den Patientinnen unbedingt sagen?
Kirnbauer: Pap-Abstriche haben die Häufigkeit von Zervixkarzinomen um rund 80 Prozent reduziert. Die Impfung allein würde rund 70 Prozent Reduktion bringen. Das bedeutet, man darf nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass man keinen Krebsabstrich mehr zu machen braucht, wenn man geimpft ist.

Elisabeth Tschachler-Roth, hautnah 4/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben