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Dermatologie 15. November 2006

„Eltern zu Ko-Therapeuten machen“

Überfürsorglichkeit gepaart mit Hilflosigkeit, Schuldgefühlen und einem Wust an zweifelhaften Ratschlägen machen Eltern von Kindern mit atopischer Dermatitis das Leben schwer. Und den behandelnden Ärzten die Therapie nicht leichter. Schulungsprogramme helfen beiden Seiten und den Patienten.

„Eine strukturierte interdisziplinäre Vermittlung von Wissen führt über ein verbessertes Zeitmanagement hinaus zu besserer Kontrolle, Therapie und Akzeptanz der Erkrankung“, subsumiert Dr. Isidor Huttegger, Oberarzt an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde an der Salzburger Paracelsus Privatuniversität. Jedes zehnte Schulkind ist neurodermititskrank, die Prävalenz der atopischen Erkrankung steigt laut epidemiologischen Daten in den industrialisierten Ländern weiter.

Informationsflut aus zweifelhaften Ratschlägen

Obwohl die Hautkrankheit selbst in ihrer starken Ausprägung bei richtigem Management gut beherrschbar ist, stellen die behandelnden Ärzte immer wieder fest, dass eine Überfürsorglichkeit der Eltern, mangelndes Vertrauen in die Schulmedizin, eine gewisse Hilflosigkeit den immer wiederkehrenden Ekzemschüben und dem zuweilen unerträglichen Juckreiz gegenüber die optimale Therapie vereiteln. „Es herrscht eine wahre Informationsflut“, ist Huttegger über diverse Websites mit zweifelhaften Ratschlägen nicht gerade glücklich, „Eltern wollen alles für ihre kranken Kinder tun, aber das bringt Unruhe in die ganze Familie und kostet eine Menge Geld.“ Schulungsprogramme, so zeigen Evaluierungen, befähigen chronisch kranke Patienten, aber auch deren Betreuer dazu, besser mit allen im Zusammenhang mit der Krankheit auftretenden Problemen umzugehen. Das seit einem halben Jahr an der Salzburger Kinderklinik angebotene Programm stammt ursprünglich von der deutschen Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulungen und wird bereits seit etlichen Jahren in acht deutschen Kliniken angeboten. Beurteilungen wie die vor kurzem im British Medical Journal (BMJ 2006;332;933-938) veröffentlichte stellen den Lerninhalten ein gutes Zeugnis aus. So steigt mit dem vermehrten Wissen über Krankheit und Therapie nicht nur die Lebensqualität der Patienten und deren Familien. Auch die Ekzeme gehen zurück. Das Training besteht aus sechs Modulen zu jeweils zwei Stunden. Ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Psychologen und Diätassistentinnen unterrichtet die Eltern über die medizinischen Grundlagen, über Haut und Pflege, Aller­giediagnostik, Ernährung, psychologische Aspekte und den Stufenplan der Therapie, wobei freilich auch die Erwartungen und Ängste der Betroffenen diskutiert werden. „Es geht unter anderem darum, die unterschiedlichen Trigger der atopischen Dermatitis und ihre Vermeidung zu erarbeiten“, erläutert Pädiater Huttegger. Gleichzeitig muss aber auch mit vielen falschen Vorstellungen, die das Leben der Betroffenen noch zusätzlich schwer machen, aufgeräumt werden. Immer noch schwirren Behauptungen herum, nach denen Neurodermitis das Zeichen einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung sei, zudem werden Mütter kulpabilisiert, indem ihnen vorgeworfen wird, sie hätten sich in der Schwangerschaft nicht richtig verhalten und damit die Krankheit des Kindes provoziert. Der geänderte Zugang geschulter Eltern zu therapeutischen Maßnahmen ist laut Huttegger immer wieder zu bemerken: „Man braucht sich bei bakteriellen Superinfektionen nicht mehr davor zu scheuen, Antibiotika einzusetzen.“ Vorbehalte gegenüber allzu vielen Medikamenten veranlassen uninformierte Mütter und Väter oft dazu, eine in diesen Fällen notwendige bakterizide Therapie rundweg abzulehnen. Wurden sie vorher in der Schulung über solche Superinfektionen und die adäquate Behandlung aufgeklärt, „werden sie zu Ko-Therapeuten“, hat Kinderarzt Huttegger beobachtet.

Flächendeckende Schulung

Langfristiges Ziel ist neben der Aufnahme des Programms in den Erstattungskatalog der Krankenkassen, ein Netzwerk aus informierten Kollegen aufzubauen und eine flächendeckende Schulung zu ermöglichen, die allerdings nicht nur an Kliniken angeboten werden soll, sondern auch in Ordinationen. „Meine Vorstellung ist, dass derjenige, der betreut, auch schult“, so Huttegger zu den Zukunftsperspektiven. Interesse von Seiten niedergelassener Ärzte gibt es mehr als genug.

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