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Allgemeinmedizin 24. Oktober 2006

Nicht nur eine Hautkrankheit

Die Ansicht, dass es sich bei Schuppenflechte ausschließlich um eine Erkrankung der Haut handelt, ist seit geraumer Weile überholt. Bei mindestens einem Fünftel der Betroffenen kommt es auch zu einer arthritischen Beeinträchtigung der Gelenke, und Suchterkrankungen sind häufiger. Jetzt zeigt sich, dass Schuppenflechte-Kranke vermehrt auch andere Komorbiditäten aufweisen.

Noch sind die Ursachen der Schuppenflechte nicht restlos geklärt. Einerseits wird eine genetisch bedingte Vulnerabilität der Keratinozyten dafür verantwortlich gemacht, dass unreife Hautzellen von der Basis der Epidermis an die höher gelegenen Epithelschichten gelangen, und das noch dazu im Zeitraffer. An der Epidermis türmen sie sich zu Schuppen auf, die bis zu 16-mal höher sind als die umliegende Haut. Die unbefallenen Stellen sind jedoch nur scheinbar normal; erkrankt ist die gesamte Haut des Psoriatikers. Gleichzeitig läuft auch eine Entzündung ab, die vermutlich auf eine Fehlfunktion des Immunsystems zurückzuführen ist. Wesentlicher Mediator dabei ist der Tumornekrosefaktor a (TNFa): Er regt Lymphozyten und Makrophagen zur Expression von Interleukinen an, wodurch die Entzündung quasi in einer Endlosschleife weiterläuft. Dass die Fehlleistungen des Immunsystems genetisch bedingt sind, gilt heute als gesichert. Das Risiko zu erkranken liegt für ein Kind mit einem betroffenen Elternteil bei rund 15 Prozent. Leiden beide Elternteile an Schuppenflechte, so schnellt diese Wahrscheinlichkeit auf bis zu 50 Prozent hoch. Zwei bis fünf Prozent der Österreicher leiden an der einen oder anderen Ausprägung der Schuppenflechte, wobei die Plaque-Psoriasis am häufigsten vorkommt. Wesentlich seltener ist etwa die Psoriasis pustulosa, bei der die Haut auf die Veranlagung zu Psoriasis nicht mit einer Verhornungsstörung reagiert, sondern mit Pusteln, die den ganzen Körper bedecken, rasch aufplatzen, eintrocknen und dann abschilfern.

Hoher Leidensdruck

Psoriasis ist zwar per se keine lebensbedrohliche Erkrankung. Doch „für die meisten Patienten bedeutet sie eine massive Lebenseinschränkung“, stellte Dr. Nicole Selenko-Gebauer von der Abteilung für Immundermatologie und infektiöse Hautkrankheiten an der MedUni Wien anlässlich einer Pressekonferenz Mitte Oktober fest. Denn viele medizinische Laien ekeln sich vor den Hauterscheinungen der Betroffenen und fürchten sich vor einer Ansteckung. Die Folge: Psoriatiker neigen dazu, sich abzukapseln. Seit längerem ist auch bekannt, dass sie häufiger an Begleiterkrankungen wie Alkoholismus oder anderen Suchtproblemen sowie an Depressionen leiden. In einigen Studien der letzten Zeit wurde zudem festgestellt, dass „Patienten mit Psoriasis ein zwei- bis dreifach höheres Risiko haben, am metabolischen Syndrom zu erkranken“, so Selenko. Einerseits könne man für die Entwicklung von Übergewicht den durch die Depression und den sozialen Rückzug bedingten ungesunden Lebenswandel verantwortlich machen. Andererseits scheint auch der chronische Entzündungsreiz der Psoriasis zu einer Schädigung der Gefäße zu führen. So wurden erst unlängst im amerikanischen Ärzteblatt JAMA (2006; 296: 1735-1741) Daten veröffentlicht, wonach Psoriasis mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko assoziiert ist. Eine ähnliche Beziehung wurde schon früher für die rheumatoide Arthritis gefunden. Beide Erkrankungen gemeinsam ist die generelle Entzündungsreaktion, die u.a. mit einem Anstieg des C-reaktiven Proteins (CRP) einhergeht, einem Risikomarker für kardiovaskuläre Erkrankungen. Die Dermatologin Selenko-Gebauer appelliert deshalb an die Kollegen, bei der Behandlung der Psoriasis „die Auswirkungen der Erkrankung auf den gesamten Menschen zu beobachten“. Günstig sei, bereits vorhandene Risikofaktoren zu identifizieren und gemeinsam mit dem Patienten Interventionsoptionen zu finden.

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