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Dermatologie 20. September 2006

Weites Betätigungsfeld

90 bis 95 Prozent der beruflich bedingten Hauterkrankungen stellen Kontaktekzeme dar – irritative und allergische, vor allem an den Händen. Der Rest sind andere Hautkrankheiten wie Pigmentstörungen, Infektionen, Hautkrebs oder Öl-, Teer- und Chlorakne.
Zu Anfang oft unbemerkt, entwickeln sich die häufigsten berufsbedingten Hauterkrankungen schleichend, so die Erfahrung von Prof. Thomas L. Diepgen von der Abteilung für Klinische Sozialmedizin, Berufs- und Umweltmedizin vom Universitätsklinikum Heidelberg.1 Ursache für die meist äußerst hartnäckigen Ekzeme ist eine Kumulation wiederholter geringer Schädigungen, die von einer ganzen Reihe unterschiedlicher Faktoren, denen die Haut gleichzeitig oder hintereinander ausgesetzt ist, hervorgerufen werden. Kontaktekzeme werden bis zu einem gewissen Grad als normale Begleiterscheinungen des Arbeitslebens angesehen. Sie sind nicht lebensgefährlich und machen auch keine Spitalsaufnahme notwendig. Abgesehen von den Kosten für das Gesundheitssystem sind die Folgen, die die Ausschläge für die Betroffenen – für ihr Berufs- und Privatleben, aber auch für ihr Seelenleben – haben, zuweilen schwer wiegend. Denn beruflich bedingte Kontaktdermatitiden sind meist dort lokalisiert, wo sie besonders deutlich sichtbar sind: an den Händen oder im Gesicht. Dass sie sich allein schon aus diesem Grund ungünstig auf die Arbeitsfähigkeit und die Sozialkontakte auswirken, versteht sich von selbst. Schon in einer Studie aus der Mitte der achtziger Jahre wird berichtet, dass 38 Prozent der Ekzempatienten einen Einfluss ihrer Krankheit auf ihr soziales Leben feststellten.2 In einer Follow-up-Studie mit 954 Patienten mit Berufsdermatosen bestätigten 61 Prozent, dass sie aufgrund ihrer Erkrankung von der Arbeit fernbleiben mussten. Sechs Prozent waren sogar länger als zwölf Monate hintereinander im Krankenstand.3
224 Fälle von Hauterkrankungen wurden 2005 in Österreich von der AUVA als Berufskrankheiten anerkannt. Um das Zehn- bis gar Fünfzigfache unterschätzt hält Diepgen die Zahlen, die es zur Inzidenz von Berufsdermatosen in Europa gibt. „Nationale Register sind aufgrund der Tatsache, dass die Krankheit unterdiagnostiziert und längst nicht immer gemeldet wird, für gewöhnlich lückenhaft.“ Überraschend, wenn man bedenkt, das schon Verdachtsfälle gemeldet werden müssten. Auch der Grazer Dermatologe Prof. Dr. Werner Aberer meint, Berufsdermatosen werden zu selten als solche erkannt oder richtig eingestuft. Der Leiter der Abteilung für Umweltdermatologie und Venerologie an der dermatologischen Universitätsklinik Graz sprach mit hautnah über gefährdende Berufe und gefährdete Arbeitnehmer, über die Möglichkeiten der Prävention und die Behandlung.

Wie würden Sie Ihre langjährigen Erfahrungen mit Berufsdermatosen zusammenfassen?
Aberer: Es gibt mehrere Gründe, warum wir uns vermehrt damit beschäftigen sollten: Meist sind junge Menschen betroffen, die am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn stehen. Die Behandlung ist oft lange, teuer und aufwändig, dazu kommt in etlichen Fällen die Notwendigkeit einer Tätigkeitsaufgabe mit daraus resultierenden Umschulungskosten. Und außerdem ist die Prognose auch nach dem Umsatteln auf einen anderen Beruf oft schlecht, denn viele dieser Krankheiten chronifizieren rasch.

In welchen Berufen kann die Haut am meisten Schaden nehmen?
Aberer: In jenen mit viel Feuchtarbeit. Feuchtarbeit betreibt aber nicht die Waschfrau. Zur Feuchtarbeit zählt auch, wenn man mehr als zwei Stunden pro Tag Handschuhe tragen muss. Auch Berufe, bei denen man sich häufig – etwa 20-mal am Tag – bzw. extrem sorgfältig die Hände reinigen muss, zählen dazu. Besonders belastete Berufsgruppen sind Frisöre, Bäcker – bei ihnen wird immer häufiger ein Berufsasthma festgestellt, das von einer Allergie auf Mehle und zunehmend häufig Enzyme verursacht wird –, Floristen, Konditoren, Fliesenleger, medizinische Berufe. Im Grunde gibt es wenige ungefährliche Berufe, aber Frisöre sind sicher extrem belastet. Prof. Diepgen aus Heidelberg hat festgestellt, dass im ersten Jahr nach Berufsantritt nur 41 Prozent der jungen Frisöre kein Handekzem entwickelten, 36 Prozent ein mildes und vier Prozent ein schweres.

Kann man umgekehrt aufgrund von Vorerkrankungen oder Prädispositionen Risikogruppen definieren?
Aberer: Es gibt einige Kriterien dafür. Menschen mit atopischem Ekzem, auch wenn es nicht an den Händen ist, sind ebenso gefährdet wie Patienten mit chronisch rezidivierendem Handekzem. Eine schwere therapieresistente Psoriasis stellt ebenso ein Gefährdungsmerkmal dar wie eine deutliche Sensibilisierung auf bestimmte Allergene.

Sollten Menschen aus solchen Risikogruppen von vornherein gewisse Berufe nicht ergreifen?
Aberer: Nicht unbedingt. Wer eine allergische Rhinitis hat, kann durchaus in einem Tierstall arbeiten. Hingegen ist Asthma ein Grund, nicht Bäcker zu werden. Manche Kriterien wie trockene Haut sollten zu besonderer Vorsicht motivieren, aber nicht notwendigerweise von bestimmten Berufen ausschließen. Bei uns läuft es ja meistens so: Möchte jemand Frisör werden, wird die Person zuerst zum Hautarzt geschickt. Der macht eine prophetische Epikutantestung, es stellt sich vielleicht noch heraus, dass das IgE minimal erhöht ist. Die Konsequenz daraus: Es wird dem Betreffenden nahe gelegt, nicht Frisör zu werden. Das ist völlig falsch. Es sollte keine Verbote geben. Personen aus Risikogruppen müssen aber beraten werden, allerdings individuell und nicht allgemein. Und dann muss zur Prävention und zum Hautschutz motiviert werden, es muss Schulungen und Beratungen geben. Manche Direktoren von Berufsschulen sind sich gar nicht bewusst, das der Friseurberuf einer besonderen Schulung bedarf, was den Hautschutz betrifft.

Was sind die Grundsätze der Prävention?
Aberer: Zuallererst müssen die Arbeitsplätze sicherer gemacht werden. Der Ersatz hautgefährdender Arbeitsstoffe wäre oft leicht möglich, wird aber häufig ungern durchgeführt, weil er auch mit Kosten verbunden ist. Dann gibt es natürlich auch organisatorische Maßnahmen: dass ein Mitarbeiter nicht stundenlang dieselbe hautgefährdende Tätigkeit ausführt, sondern innerhalb des Betriebes wechselt. Beim Hantieren mit gefährlichen Stoffen müssen speziell ausgewählte Handschuhe getragen werden, die allerdings nur zeitlich begrenzt wirken. Ihr Nachteil ist, dass es zu einer Latexallergie kommen kann bzw. das Tragen von Handschuhen Feuchtarbeit entspricht. Hautschutzmittel können Schutzhandschuhe nur begrenzt ersetzen und sie müssen vor allem richtig eingesetzt und aufgetragen werden. Wie man das tut und vor allem, wie viel man dabei falsch machen kann, ist nicht einmal allen Hautärzten bekannt. Manche der Salben fluoreszieren. Wenn man die Patienten die Hände damit einschmieren lässt, ist man nachher überrascht zu sehen, wo überall keine Salbe gelandet ist. Das Hautschutzpräparat für jeden Zweck gibt es genauso wenig wie den Universalhandschuh. Hilfreich sind heute elektronisch verfügbare Hautschutzpläne mit Empfehlungen für den individuellen Arbeitsplatz ebenso wie Internetseiten zu Handschuhen für den jeweiligen Einsatz.

Was die Behandlung angeht: Ist Kortison bei einem stark ausgeprägten Ekzem immer noch Mittel der ersten Wahl?
Aberer: Akute Kontaktekzeme sprechen gut darauf an, chronische und insbesondere irritative oft enttäuschend. Der Stellenwert der topischen Immunmodulatoren ist noch nicht umfassend abgesichert. Hydratisierende Emollientien werden meist als hilfreich und angenehm empfunden

 detail

1 Occupational skin diseases. In: EDF White Book. Skin Diseases in Europe, hrsg. von Peter Fritsch und Walter Burgdorf. ABW Wissenschaftsverlag, Berlin 2005.
2 Jowett S, Ryan T. Skin disease and handicap: an analysis of the impact of skin conditions. Soc Sci Med 1985; 20: 425-429.
3 Wall LM, Gebauer KA. A follow up of occupational skin disease in Western Australia. Contact Dermatitis 1991; 24: 241-243.

Elisabeth Tschachler-Roth, hautnah 3/2006

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