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Dermatologie 20. September 2006

Berufsdermatosen sollten nicht unterschätzt werden

Bei beruflich bedingten Erkrankungen wird für Europa die jährliche Inzidenzrate auf etwa 0,5–1,0 Neuerkrankung pro 1.000 Beschäftigte geschätzt. In Österreich liegt die Zahl der Berufsdermatosen hinter den stark steigenden Hörschäden an zweiter Stelle. Von der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) wurden im Zeitraum von 2001 bis 2005 insgesamt knapp 1.600 Fälle anerkannt – „die Dunkelziffer ist allerdings wesentlich höher“, betont Dr. Heinz Fuchsig, Mitarbeiter des Unfallverhütungsdienstes der AUVA Tirol und Umweltreferent der dortigen Ärztekammer. Am häufigsten betroffen sind Friseure und verwandte Berufe, Bauberufe, Gebäudereiniger, Köche und Küchengehilfen, Gesundheitsberufe, Holzverarbeiter sowie Mechaniker Berufsdermatosen werden in ihren Auswirkungen immer wieder unterschätzt. Sie ziehen oft lange Behandlungszeiten nach sich bzw. führen zu Produktivitätsrückgang und häufigen Krankenständen. Selbst wenn Betroffene den Beruf wechseln, ist die Prognose bei der Behandlung häufig schlecht. Fuchsig weist noch darauf hin, dass „fast jeder Zehnte Hautprobleme im Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit hat, aber eben nicht immer der kausale Zusammenhang hergestellt werden kann – auch weil es oft um ein multifaktorielles Geschehen geht“.
Die Häufigkeit der Berufsdermatosen nimmt aus der Wahrnehmung von Dr. Barbara Eberhard-Veith zu. Die Fachärztin für Innere Medizin ist Mitarbeiterin des Unfallverhütungsdienstes der AUVA Wien. „Zum einen liegt dies sicher daran, dass im beruflichen Umfeld die Zahl der eingesetzten Chemikalien immer weiter zunimmt.“ Am Anfang ihrer Tätigkeit gab es im Bereich der professionellen Reinigung drei Substanzen, nun kommt eine Vielzahl von „Zutaten“ zum Einsatz, die teils auch deutlich größeres Belastungspotenzial mitbringen. Nach wie vor viele Probleme verursachen Konzentrate, die oft falsch dosiert werden. Aber auch im privaten Umfeld steigt die Häufigkeit der Kontakte mit Substanzen, die hautbelastende Auswirkungen haben können. Eberhard-Veith verweist dazu auch auf die steigende Zahl der Menschen mit Tätowierungen oder Piercings. „Gerade bei jungen Menschen, die zu den am häufigsten von Berufsdermatosen Betroffenen zählen, ergibt sich so schon eine gewisse Vorbelastung.“

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Information und Motivation

Bei Berufsdermatosen kommt der Prävention ein zentraler Stellenwert zu. Eine wichtige Rolle haben für Eberhard-Veith hier die Schulungen der AUVA, die es meistens nur in größeren Betrieben gibt. Manchmal bieten auch Produzenten etwa von Reinigungsmitteln solche Schulungen an. Allerdings benötigen Klein- und Mittelbetriebe oft nur sehr geringe Mengen dieser Mittel, und so bleibt der Ball letztlich beim Arbeitgeber. Dr. Reinhard Jäger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin, betont dazu: „Es ist sowohl von dieser Seite als auch von Arbeitsmedizinern wichtig, dass regelmäßig Informationen zur Vermeidung von Berufsdermatosen vermittelt werden und an das Umsetzen der persönlichen Maßnahmen zum Hautschutz erinnert wird.“ Oft braucht es hier einen hohen Grad an Motivation, denn ein umfassendes Programm bedeutet das regelmäßige Auftragen des Hautschutzmittels vor der Arbeit, den Einsatz eines möglichst milden Reinigungsmittels und die Pflege nach der Arbeit – wünschenswerterweise auch im Privatbereich. In Feucht- und die Haut belastenden Berufen sollen diese Mittel vom Betrieb zur Verfügung gestellt werden. „Auch der Hausarzt oder der niedergelassene Facharzt für Dermatologie kann an die konsequente Umsetzung dieses Programms erinnern bzw. hat eine wichtige Rolle bei der rechtzeitigen Erkennung gerade auch von Hautproblemen, die mit der Berufstätigkeit zusammenhängen“, betont Jäger. Für den Tiroler Umweltreferenten Fuchsig ist es in diesem Zusammenhang wichtig, auch auf die Art eingesetzter Hautschutzpräparate hinzuweisen. In Tirol wird es zu diesem Thema im Herbst einen gemeinsamen Workshop von Dermatologen und Arbeitsmedizinern geben.

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Belastende Arbeitsstoffe vermeiden

„Es gilt immer zu überlegen, ob es in Arbeitsprozessen für bestimmte Substanzen mit hohem Belastungsfaktor für die Haut oder auch die Lunge nicht Alternativen gibt“, betont Eberhard-Veith. Leider würden hier manche Arbeitgeber am falschen Platz sparen und teilweise zu No-Name-Produkten greifen, nur weil sie um einige Prozent günstiger sind. „In vielen Bereichen sind ökologisch verträglichere Produkte auch solche, die geringere Belastungen der Haut und Lungen bzw. sonstige potenzielle Gefährdungen mit sich tragen“, Eberhard Veith verweist dazu auf das Beratungsangebot z. B. der Umweltberatungsstellen in Österreich, das sich seit längerem auch im medizinischen oder pflegerischen Bereich etabliert hat. Arbeitsmediziner Jäger ist der Meinung, „dass strengere Auflagen in Bezug auf den Einsatz verschiedener Substanzen wenig bringen – viel wichtiger ist die Überzeugungsarbeit, insgesamt in berufliche Gesundheitsförderung und in die Prävention von Berufskrankheiten zu investieren.“ Es gäbe ausreichend Projekte aus allen Branchen bzw. Betriebsgrößen, die zeigen, dass alle Beteiligten auch in ökonomischer Hinsicht profitieren.

Handschuhe gezielt einsetzen

Bei der Prävention von Berufsdermatosen spielt der Einsatz von Schutzhandschuhen eine wichtige Rolle: Für den medizinischen und pflegerischen Bereich gibt es puderfreie Latexhandschuhe. „Wobei es gerade bei der Pflege viele Tätigkeiten gibt, wo Handschuhe verzichtbar wären und Hautprobleme eher verstärken“, so Eberhard-Veith. Für chirurgisch tätige Ärzte empfiehlt sie ein konsequentes persönliches Hautschutzprogramm vor und nach dem Anlegen der Handschuhe, vor allem auch, um mit dem Okklusionseffekt gut umzugehen: Durch Wärme- und Feuchtigkeitsstau kommt es zur Hautquellung und letztlich zu einer Irritation bis hin zur Ekzemreaktion. „In der medizinischen Ausbildung wird dem Hautschutz leider kaum Bedeutung beigemessen“, bedauert Eberhard-Veith. Gefragt sind hier sowohl die Arbeitsmediziner als auch die Hygienebeauftragten der Spitäler. Handschuhe können aber in manchen Berufen zum Problem werden: Verkaufsmitarbeiter im Lebensmittelsektor tragen oft Handschuhe – eine aktuelle Studie des Landesgesundheitsamtes Baden-Württemberg zeigt: Zwischen der Zahl der Keime auf der Haut und jenen auf den Handschuhen gibt es keinen Unterschied – effektiv ist nur konsequente persönliche Händehygiene zwischen den einzelnen Arbeitsschritten bzw. die entsprechende Reinigung der Arbeitsflächen. In der Studie stellte sich weiters heraus, dass Mitarbeiter mit Handschuhen häufiger Hautprobleme haben.

Handschuhe sind wichtig

Was die Klein- und Mittelbetriebe angeht, so spielen gerade die Friseure eine wichtige Rolle, wenn es um Hautschutz geht. „Ein Problem ist, dass Lehrlinge oft über sehr lange Zeiträume nur im Nassbereich eingesetzt werden und es keinen Wechsel zwischen den verschiedenen Tätigkeiten gibt“, berichtet Eberhard-Veith. Besonders wichtig ist der Hautschutz hier, wenn Färbemittel zum Einsatz kommen. „Das Tragen von Handschuhen wäre aber generell wichtig“, unterstreicht auch Jäger: Es sei schlicht ein Vorurteil, dass es für den Konsumenten spürbar ist, ob sie mit bloßen Händen oder mit speziellen Arbeitshandschuhen gewaschen werden. „Manche Betriebe weisen auf den positiven Effekt dieser Maßnahme für alle Beteiligten explizit hin und haben damit ausgezeichnete Erfahrungen gemacht“, ergänzt Eberhard-Veith. Massive Hautprobleme können Kühlschmiermittel verursachen – sie dienen bei den verschiedensten Arten der Metall-Oberflächenbearbeitung zur Wärmeabfuhr und Verminderung der Reibung zwischen Werkzeug und Werkstück bzw. entfernen entstehende Späne. „Bei rotierenden Geräten können hier keine Arbeitshandschuhe getragen werden“, berichtet Eberhard-Veith. Daher sind die bewusste Auswahl der Mittel wichtig sowie die gute Ausstattung des Arbeitsplatzes, wobei Hautschutz und auch das Vermeiden des Einatmens von Dämpfen im Vordergrund stehen. Gerade in diesem Bereich ist der konsequente persönliche Hautschutz besonders wichtig. Ein weiterer Bereich, wo das Tragen von Arbeitshandschuhen leider eher selten anzutreffen ist, sind KFZ-Werkstätten. „Das Problem ist vor allem auch der sehr hartnäckige Schmutz bzw. Ölreste auf der Haut.“ Hautschutzmittel, so Eberhard-Veith, würden hier vor allem bei der leichteren Entfernung von Schmutz und Öl unterstützen. Hautreizungen und auch kontinuierliche Belastungen ergeben sich in einigen Arbeitsfeldern durch ein Streben nach „Überhygiene“. „Es wird so getan, als müsste eine Küche – sowohl in großen Institutionen, in der Gastronomie oder auch zuhause – ‚sauber‘ wie ein Operationssaal sein, gesundheitsgefährdende Keime sollen um jeden Preis ausgemerzt werden“, beschreibt Eberhard-Veith. Aber das zentrale Problem ist auch hier die persönliche Hygiene, „vor allem auch, ob nach dem Besuch des WCs die Hände gewaschen werden – dies ist die hauptsächliche Art, wie Keime übertragen werden.“

Richtiger Umgang mit den Kochzutaten

Dazu kommt, betont Eberhard-Veith, der richtige Umgang bei der Verarbeitung der verschiedenen Kochzutaten. Der ständige Einsatz von starken Reinigungsmitteln in der Küche ist eher kontraproduktiv, auch in Bezug auf die Haut. So sollten in Abwaschbereichen unbedingt Handschuhe getragen werden – „Einmalhandschuhe sind hier allerdings die falsche Wahl“, betont Eberhard-Veith. Denn in diese kann leichter Wasser eindringen und die Haut wird so sogar noch stärker strapaziert. Abschließend wünscht sich Jäger nicht nur in Bezug auf Berufsdermatosen, sondern auch als Beitrag zur Gesundheitsförderung einen leichteren Zugang zu arbeitsmedizinischen Angeboten, auch für Betriebe mit weniger als 50 Mitarbeitern.

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