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Dermatologie 20. September 2006

Asthmatische Bäcker

Nicht nur die Haut ist von Berufskrankheiten betroffen: Echte Allergien, häufiger jedoch toxisch-irritative Noxen sind auch Ursachen für schwere Lungenerkrankungen. Die anfänglich charakteristisch intermittierende Symptomatik kann sich im Verlauf immer mehr festigen, sodass selbst eine Umschulung oder ein Berufswechsel des Betroffenen erforderlich sein kann. ­Führender Wirtschaftszweig ist die Lebensmittelindustrie mit 343 anerkannten Fällen zwischen 2001 und 2005.

Behandlung in Eigenregie

Die Auslöser von Haut- und Lungenerkrankungen sind häufig in der Arbeitswelt zu finden. Primär gesunde Menschen zeigen immer dann Symptome, wenn sie mit einer Substanz aus dem beruflichen Umfeld konfrontiert sind. „Ein so typischer Krankheitsverlauf mit ausgeprägter Symptomatik unter der Woche und ein raschem Abklingen an Wochenenden und im Urlaub ist der erste Hinweis für einen beruflichen Auslöser“, erklärt Dr. Karl Hochgatterer, Facharzt für Arbeitsmedizin und ärztlicher Leiter des Arbeitsmedizinischen Zentrums Perg, Oberösterreich, im Gespräch mit hautnah. Die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt AUVA überwacht das Auftreten von Berufserkrankungen und gibt Betroffenen im Falle einer Anerkennung auch Hilfestellung. Diese kann von Umschulungsangeboten bis zur Berufsunfähigkeitspension reichen. Die Liste der Berufserkrankungen ist eigentlich Teil eines Gesetzes: Unter § 177 des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes sind 52 Erkrankungsgruppen, von Blei- und Quecksilbervergiftungen über Infektionskrankheiten bis zu Erkrankungen durch Lärm gelistet. Viele von ihnen sind in der heutigen Zeit obsolet, weil die betroffenen Wirtschaftszweige oder Produktionsverfahren nicht mehr existieren, andere neue dagegen möglicherweise nicht charakterisiert. Damit niemand durch den Rost fällt, gibt es eine Generalklausel, welche die Anerkennung einer Krankheit als Berufserkrankung rechtfertigt, wenn ein konkreter Zusammenhang mit einer Schädigung durch die Arbeit nachweisbar ist. „Berufsdermatosen haben in den letzten Jahren in Österreich abgenommen“, zitiert Hochgatterer die aktuellen Aufzeichnungen der AUVA. Konkret wurden im Jahr 2001 459 Fälle anerkannt, ein Wert, der bis 2005 kontinuierlich auf 224 sank. „Allerdings ist die Dunkelziffer bei den Dermatosen höher als bei anderen Berufserkrankungen. Sie werden eher in Eigenregie mit verschiedensten Salben anbehandelt oder schlichtweg aus Sorge um den Arbeitsplatz verschwiegen“, analysiert Hochgatterer. Er kennt auch die auslösenden Arbeitsbedingungen: „Feuchte und nasse Haut ist irritativen Noxen besonders ausgesetzt. Friseure, Personen im Gesundheitswesen und der Metallverarbeitung sind oftmals betroffen.“

Am Wochenende beschwerdefrei

„Ein Fallbeispiel, bei dem eine gezielte arbeitsmedizinische Intervention Abhilfe brachte, ist die Geschichte eines Facharbeiters in der Metallindustrie, der mit entzündlichen Läsionen aller Fingerspitzen und Nagelfalze aufgefallen war, die sich stets am Wochenende rasch besserten. Der Mann bediente seit Jahren eine Schleifmaschine, bei der seit einigen Monaten ein anderes Kühlmittel eingesetzt wurde, mit dem er unweigerlich in Kontakt kommt. Eine Rückkehr zur früheren Kühlmittelsorte brachte einen raschen Rückgang der Entzündung und der weiteren Berufsausübung stand nichts mehr im Wege.“ Nahezu alle Jugendlichen werden vor dem Antritt einer Lehrstelle durch einen Arbeitsmediziner untersucht. Diesen Kontakt nützt Hochgatterer zur gezielten medizinischen Berufsberatung: „Jemand mit einer sehr empfindlichen oder etwa durch eine Neurodermitis vorgeschädigten Haut ist leider für manche Tätigkeiten ungeeignet. Hier sollte die Sorge, einem jungen Menschen von einem ersehnten Beruf abzuraten, nicht die objektive Einschätzung übertreffen, denn der Leidensdruck, der auf einen Berufskranken zukommt, ist enorm. Dennoch bleibt zu beachten, dass gerade die Haut ein sehr anpassungsfähiges Organ ist. Einflüsse, die anfangs zu Reizungen geführt haben, können nach einer gewissen Eingewöhnung häufig gut weggesteckt werden. Voraussetzung dafür sind eine stets optimale Pflege und adäquate Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz.“

Facharbeiter besser abgesichert

Gelingt eine Elimination des Auslösers am Arbeitsplatz nicht, folgen mitunter lange Ausfallzeiten des Betroffenen. Nach einer vollständigen Erholung der Haut kann eine vorsichtige Reexposition angestrebt werden. „Oft bleibt aber nur der Wechsel des Arbeitsplatzes“, bedauert Hochgatterer: „Innerhalb großer Unternehmen fällt es leichter, einen Mitarbeiter anders einzusetzen. Kleinere spezialisierte Betriebe können häufig keine Alternativen anbieten. Dann greift das Netz der AUVA, welches die Kosten für Umschulungen oder unter Umständen eine Berufsunfähigkeitspension übernimmt. Kritischer ist die Situation für ungelernte Arbeitskräfte. Die AUVA stellt Umschulungen auf dem bestehenden Niveau sicher, das heißt, ein Facharbeiter hat Anspruch auf eine gleichwertige Ausbildung in einer anderen Berufssparte. Hilfsarbeiter dagegen können nicht in den Genuss hochwertiger Schulungen kommen, sondern müssen lediglich in anderen Hilfstätigkeiten eingesetzt werden.“ Das Bäckerasthma ist der Prototyp einer allergisch bedingten pulmologischen Berufserkrankung, die Liste häufig betroffener Berufsgruppen reicht aber über die Lebensmittelindustrie weit hinaus. Sie stellt mit 343 der knapp 1.000 in den letzten fünf Jahren anerkannten Fällen, den größten Anteil, gefolgt von der Gruppe Metallverarbeitung und Maschinenbau mit 135 Betroffenen und den Dienstleistern. Bei Letzteren sind vor allem Friseure und Kosmetiker, die auch mit Belastungen der Haut zu kämpfen haben, betroffen. Auch in der Getreideverarbeitung, der Holz-, Leder- und Lackindustrie sowie bei Steinmetzen kommen allergisch bedingte Berufskrankheiten der Lunge gehäuft vor. Die allergisierenden Stoffe sind in Mehl- und Holzstäuben und Backzusätzen, in Epithelien von Mensch und Tier, aber auch in verschiedensten Hilfsstoffen der Industrie zu finden. „Von allergisch bedingten Formen, die unter den Berufskrankheiten 30 und 43 zusammengefasst sind, müssen Erkrankungen mit toxisch-irritativer Genese (BK 41) abgegrenzt werden“, erklärt Prim. Dr. Norbert Vetter.

Sekundärkomplikationen

Der Leiter der 2. Pulmologischen Abteilung, SMZ Otto Wagner Spital, Wien, fasst den charakteristischen Verlauf der Erkrankungen so zusammen: „Über viele Jahre ist der Patient lediglich durch Symptome der oberen Atemwege im Sinne einer allergischen Rhinopathie beeinträchtigt. Dabei fallen eine klare Verschlechterung am Arbeitsplatz und eine rasche Besserung in der Freizeit auf. Je länger die Exposition andauert, desto wahrscheinlicher wird eine Beteiligung der tiefen Bronchien mit Atemnot und Husten. Noch später treten Sekundärkomplikationen wie Emphysem, Rechtsherzbelastung oder Infektneigung hinzu.“ „Die Spirometrie ist der erste diagnostische Schritt und hilft den Schweregrad der Beeinträchtigung grob zu bewerten. Da im arbeitsfreien Intervall mit normalen Testergebnissen zu rechnen ist, hat es sich bewährt, den Patienten mit einem Messgerät den Peak-Flow am Arbeitsplatz und zu Hause selbst bestimmen und über einen längeren Zeitraum aufzeichnen zu lassen“, beschreibt Vetter. Auch eine Allergietestung ist erforderlich. Wenn keine positiven Ergebnisse im RAST vorliegen, bei dem IgE bestimmt wird, empfiehlt Vetter eine Bestimmung der Antikörperklasse IgG4. Eine neue und wichtige Ergänzung stellt die Bestimmung der Eosinophilen Granulocyten und des Eosinophilen Kationischen Proteins in Blut und Sputum dar. Vetter: „Inhalative Provokationsverfahren werden im atemphysiologischen Labor angeboten, wo neben einer unspezifischen Konstriktion der Atemwege mit Metacholin auch spezifische Expositionen gegen angeschuldigte Allergene oder Reizstoffe möglich sind. Bei der spezifischen Provokation ist jedoch auf eine strenge Indikationsstellung zu achten, da die Untersuchung in seltenen Fällen eine chronische Entzündung der Atemwege auslösen kann.“

Dr. Alexander Lindemeier, hautnah 3/2006

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