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Allgemeinmedizin 29. August 2006

Chlamydien: Wie schlimm sind die Folgen wirklich?

Die weit verbreiteten Bakterien sollen nur zu einem geringen Prozentsatz für Unfruchtbarkeit und Eileiterschwangerschaften verantwortlich sein.

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Dr. Nicola Low vom Institut für Präventiv- und Sozialmedizin der Universität Bern kommt in seiner Studie zu dem Schluss, dass eine genitale Chlamydieninfektion bei jungen Frauen seltener zu ernsthaften Komplikationen führt, als bisher angenommen wurde. In nur 2,7 Prozent der Fälle folgt auf eine genitale Chlamydieninfektion eine Eileiterschwangerschaft. Das Risiko der Unfruchtbarkeit liegt bei 6,7 Prozent. Diese Ergebnisse wurden unlängst in der Zeitschrift Sexually Transmitted Infections veröffentlicht (2006; 82: 212-218).

80 Prozent der Infektionen verlaufen symptomlos

Die Infektion mit den Baktieren führt bekanntlich – je nach Untergruppe – zu Erkrankungen der Schleimhäute der Augen, der Atemwege und im Genitalbereich. Chlamydien sind die häufigste Ursache für Erblindung bei den Menschen in den ärmsten Gebieten der Welt und für sexuell übertragene Erkrankungen. In fast 80 Prozent der Fälle verläuft die Infektion ohne Symptome. Wird sie nicht entdeckt, kann sie zu chronischen Entzündungen von Harnröhre, Gebärmutter oder Eileiter führen. Gemäß neueren Studien heilt die Infektion aber bei rund der Hälfte der Patientinnen von alleine, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen. Das Forscherteam fand nun heraus, dass eine Chlamydieninfektion das Risiko für ungewollte Kinderlosigkeit oder Schwangerschaftskomplikationen zwar erhöht, aber dass diese Folgen weit weniger häufig auftreten, als frühere Untersuchungen vermuten lassen.

Kosten-Nutzen-Verhältnis von Tests bisher überschätzt?

Diese Erkenntnis geht aus einer Kohortenstudie hervor, in der im schwedischen Uppsala zwischen 1985 und 1989 44.000 Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren auf Chlamydien getestet wurden. Bis 1999 wurden die Frauen auf eventuelle Folgen einer früheren Chlamydieninfektion untersucht.
Eine Chlamydieninfektion kann mittels verschiedener Testverfahren nachgewiesen werden. Eine davon ist der Nachweis von Bakterien durch Anzucht in speziellen Zellkulturen. „Eine niedrige Rate von Chlamydien-Komplikationen ist eine erfreuliche Nachricht für die einzelne Patientin“, stellt Low fest, immerhin könne man den Frauen die Angst nehmen. „Aber damit stellt sich jedoch auch die Frage nach den Kosten und dem Wert heutiger Testverfahren.“ Der Nutzen von regelmäßigen Chlamydientests sei bisher wohl überschätzt worden. Es werde eine neue realistische Einschätzung der Art und Häufigkeit von Chlamydien-Tests gebraucht.
Prof. Dr. Angelika Stary, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Leiterin dreier Ambulatorien für Pilzerkrankungen in Wien, teilt diese Meinung nicht. „Die international herrschende Auffassung ist, dass Frauen sehr regelmäßig auf Chlamydien kontrolliert werden sollten. So empfehlt das amerikanische Center for Disease Control eine alljährliche Untersuchung für alle jungen Frauen“, erklärt Stary. Die allgemeine Annahme sei, dass Chlamydien in einem beträchtlichen Ausmaß zu Infertilität führen. „Man muss mit solchen Schlussfolgerungen daher sehr vorsichtig sein“, so Stary.

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