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Dermatologie 23. Juni 2006

Lästiges Problem oder Krankheit?

Die einfachen Kopfschuppen (Pityriasis simplex capibillitii) sind ein weit verbreitetes Problem, das nicht selten zur ernsten psychischen Belastung wird. In der Regel sind sie freilich harmlos und eine temporäre Erscheinung, wobei saisonbedingte Schwankungen (mit einer Spitze im Herbst) beschrieben werden. Allerdings kann die Schuppung eine Qualität erreichen, die ein Normalmaß überschreitet und durchaus Krankheitswert hat. Diverse Symptome einer überreizten Kopfhaut wie Schuppung, Überempfindlichkeit, Juckreiz, Überfettung oder Trockenheit mit Schuppung stehen zumindest am Beginn von differenzialdiagnostischen Überlegungen. Die Dermatologin Dr. Isolde Göttfried aus Wien sieht die Kopfschuppen in enger Beziehung zur seborrhoischen Dermatitis (SD). Eine Sichtweise, die sich immer mehr zu behaupten scheint. Tatsächlich zählt die chronische Dermatose zu den meistverbreiteten Hauterkrankungen weltweit. Göttfried über die typischen Krankheitszeichen: „Fettig-schuppende Hautentzündungen, vornehmlich dort, wo eine hohe Talgdrüsendichte besteht. Natürlich schließt dies insbesondere die Kopfhaut ein, die dann eine gestörte epidermale Proliferation mit typischen histologischen und ultrastrukturellen Veränderungen aufweist. Weitere Prädilektionsstellen sind Nasolabialfalten, Stirn, Lidränder und Augenbrauen, retroaurikuläre und axillare Bereiche, Brust- und Rückenmitte, der Nabel sowie intertriginöse Areale.“ Schließlich zeigt sich die Haut entzündlich gerötet, wobei die Läsionen scharfe Grenzen aufweisen und mit einer gräulich, gelblich-bräunlichen Schuppenkruste bedeckt sind. Die nicht heilbare SD verläuft akut bis chronisch und neigt zu Rezidiven. Neben der harmlosen Kopfschuppung kann sie sich auch in Form von Erythrodermie und in psoriasiformen Erscheinungsbildern manifestieren. Was die Talgdrüsen in die Überaktivität treibt, ist noch Gegenstand von Forschungen, wobei mehrere Einflüsse infrage kommen. Der Hauptverdächtige ist ein lipophiler Hefepilz: Malassezia furfur (früher: Pityrosporum ovale) besiedelt einen überwältigenden Großteil jener Köpfe, die unter SD leiden. Die genauen pathologischen Mechanismen sind noch nebulös, im Zusammenhang mit dem Pilz werden einige additive Faktoren diskutiert: Zinkmangel, erhöhte Lipaseaktivität, Peroxidation ungesättigter Fettsäuren sowie erworbene bzw. vererbte Immunschwäche (die SD kommt bei der Mehrheit der HIV-Infizierten vor).

Stress und Schuppen

Außerdem sieht Göttfried einen deutlichen Zusammenhang mit Stress und Psyche: „Große Anspannung hat einen deutlichen Einfluss auf das seborrhoische Ekzem. Patienten erzählen, dass unter seelischer Belastung die Schuppung signifikant zunimmt. Ebenso relevant ist der in den Wintermonaten stetig stattfindende Wechsel zwischen warmer, trockener Zimmerluft und kalter Umgebung. Darum ist stark Betroffenen in der kühlen Jahreszeit ein Klimawechsel zu empfehlen. Doch auch neurologische Faktoren sind an dem Geschehen beteiligt. Bei Parkinson-Patienten manifestiert sich häufig eine SD, die sich bemerkenswerterweise bei der Gabe von L-Dopa ebenfalls verbessert.“

Zusätzliche Infektion

Eine Superinfektion kann die an sich harmlose Erkrankung komplizieren. Aus diesem und aus kosmetischen Gründen sollten Diagnose und Therapie nicht allzu lange auf sich warten lassen. „Bei der Diagnose müssen zunächst ursächliche dermatologische Erkrankungen mit ihren krankheitsspezifischen Veränderungen der Kopfhaut in Betracht gezogen werden“, erklärt Göttfried. Die Umgestaltung der Haut unterhalb des Haupthaares kann Zeichen einer primären dermatologischen Krankheit (z.B. Psoriasis, pustulo-follikuläre Dermatosen), von Infektionen (z.B. Staphylodermien, Tinea capitis) sowie von physikalisch-chemischen Noxen (Kratzen, allergische Shampooreaktionen) aufweisen. Da die SD eine chronische Erkrankung mit wiederkehrenden Schüben ist, muss neben einer dauerhaften Behandlung auch eine Akuttherapie in Reserve gehalten werden. Zur Behandlung empfiehlt Göttfried Shampoos mit fungistatischer und fungizider Wirkung, Antibiotika, Zinksubstitution, Keratolytika sowie topische Kortikoide für den Akutfall. Außerdem steht für besondere Fälle die Bestrahlung mit UVB zur Verfügung. Allerdings warnt die Dermatologin davor, dieses Hilfsmittel in zu hohen Dosen anzuwenden, da sie unter Umständen den Ausbruch einer Psoriasis provozieren.

 Differenzialdiagnose

Raoul Mazhar, hautnah 2/2006

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