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Dermatologie 23. Juni 2006

Lausige Zeiten für lästige Gäste

Von Dr. Anne Frinken und Doz. Dr. Regina Fölster-Holst, Kiel

Die Kopflaus (Pediculus humanus capitis) ist Mitglied einer sechsbeinigen, flügellosen Parasitenfamilie (Insekten), deren Vertreter sich jeweils einem bestimmten Wirt angepasst haben. Drei Vertreter befallen bevorzugt den Menschen. Kopf- (Pediculus humanus capitis) und Scham- bzw. Filzläuse (Phthirus pubis) leben direkt am Körper des Wirtes, wohingegen die Körperläuse (P. humanus corporis) in der Bekleidung hausen. Die Kopfläuse werden ca. drei bis vier Millimeter lang und verbringen im Gegensatz zu Flöhen und Wanzen ihr ganzes Leben auf dem Wirt (permanente Parasiten). Die bevorzugten Opfer der Kopflaus sind fünf- bis zehnjährige Kinder. Die Parasiten profitieren von dem direkten Kontakt oder gemeinsam verwendeten Gebrauchsgegenständen (z.B. Mützen, Bürsten, Kopfkissen, Jacken), um von einem Kopf auf den nächsten zu gelangen. Kindergärten und Schulen mit ihren gemeinsamen Garderoben, Wasch- und Schlafräumen bieten ein „gemachtes Nest“. Die Laus lebt von menschlichem Blut und kann bis zu 48 Stunden ohne ihren Wirt überleben. In Textilien jedoch kann sie bis zu einer Woche ausharren. Der Widerspruch zwischen der Überlebenszeit ohne Wirt von 48 Stunden und in Textilien von einer Woche liegt darin begründet, dass Hautschuppen und natürliche Textilien (Wolle, Baumwolle ...) bei nicht zu trockenen und entsprechend temperierten (Innenraum-)Umgebungsbedingungen ausreichend Nahrung bieten, diese Zeitspanne zu überbrücken. Kreuzresistenzen gegenüber chemischen Pedikuliziden führen in einigen (warmen) Ländern zu einer Zunahme der Inzidenz. Besteht der Verdacht eines Befalls, sollten die Haare genau untersucht werden. Dazu wird das Haar mit einem Kamm Strich für Strich auseinander gespreitet und die Kopfhaut und vor allem der Haarschaft gegebenenfalls mit einer Lupe betrachtet. Häufiger als die Läuse (Abbildung 1, 2) lassen sich deren Eier (Nissen) am Haarschaft erkennen. Hinsichtlich der Infektiosität ist es wichtig, die Eier mit Larven (dunklere Nissen) von den leeren Eihüllen (helle Nissen) abzugrenzen. Während sich Läuse meist kopfhautnah am Grund des Haarschaftes aufhalten, befinden sich die Nissen angekittet am Haarschaft vier bis fünf Millimeter von der Kopfhaut entfernt. Im Gegensatz zu Hautschuppen, welche sich zudem leicht wegstreichen lassen, fluoreszieren die Nissen bei der Betrachtung unter der Woodlampe. Differenzialdiagnosen sind Insektenstiche anderer Genese, die Impetigo und Skabies.

Bakterien auf Kratzwunden

Ein Befall mit Kopfläusen fällt durch starkes Jucken und häufiges Kratzen der Kopfhaut auf. Ausgewachsene Läuse saugen sich alle zwei bis drei Stunden mit dem Blut ihres Wirtes voll. Damit das Blut beim Saugen nicht gerinnt, gibt die Laus in die Stichwunden Speichel ab, der den Juckreiz hauptsächlich hervorruft. Auch der Nacken kann mitbefallen sein (so genanntes Läuseekzem, Abbildung 3). Nicht selten finden sich eine zervikale Lymphadenopathie und eine begleitende Konjunktivitis. Sind Augenbrauen, Wimpern oder Bartbehaarung befallen, weist dies auf eine Infektion mit Filzläusen hin. Die größte Gefahr ist das ständige Kratzen, das zu Exkoriationen der Kopfhaut führt. Die Kratzwunden werden zügig von Staphylococcus-aureus-Bakterien besiedelt und führen teilweise zu massiven Impetigenisierungen. Besonders in Ländern mit mangelnden hygienischen Verhältnissen wurden Läuse (vor allem Körperläuse) als Vektoren bei Typhusepidemien identifiziert. Zudem ist ihre Rolle in der Verbreitung von Rickettsiosen bekannt.

Keine aggressiven Substanzen

Das Kopfhaar sollte mit einem milden Shampoo gereinigt werden; aggressive Substanzen und zu heißes Wasser sind zu vermeiden, um einer weiteren Schädigung der Kopfhaut und damit der erleichterten Aufnahme der topischen Pharmaka in die Haut vorzubeugen. Vorsicht ist bei der Applikation hinsichtlich Augen, Mund und Nase geboten, da die Wirkstoffe die Schleimhäute reizen. Zur Behandlung der Pediculose und deren Komplikationen stehen effektive topische Medikamente wie Pyrethrinderivate oder Lindan zur Verfügung. Lindan sollte jedoch nicht im frühen Kindesalter angewandt werden, und die Anwendung von Pediculoziden in Schwangerschaft und Stillzeit sollte generell sorgfältig abgewogen werden (es gelten die jeweils aktuellen Empfehlungen). Auch dürfen alle diese Substanzen nicht in Augen, Schleim häute oder offene Wunden gelangen. Abgetötete Nissen und Läuse können mit Hilfe eines besonders lang- und feinzinkigen Nissenkammes abgekämmt werden. Vorheriges mehrfaches Spülen der Haare oder Feuchthalten mit einem Kopfwickel für ein bis zwei Stunden mit lauwarmer Essiglösung (ein Teil Haushaltsessig – nicht Essigessenz! – auf zwei Teile Wasser) erleichtern die Prozedur. Zum Abtöten der in Textilien befindlichen Parasiten werden alle getragenen Kleidungsstücke und Betttextilien etc. bei 60 °C gewaschen. Das Robert-Koch-Institut (Ratgeber zum Kopflausbefall; www.RKI.de) und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie e.V. empfehlen eine zwei- bis vierwöchige Aufbewahrung von Kleidungsstücken, Kuscheltieren und Kissen im Plastikbeutel, und auch das Einfrieren bei -18 °C gehört zu den effektiven Maßnahmen. So werden die vorhandenen Läuse ausgehungert und aus eventuell noch gelegten Eiern spät schlüpfende Larven ebenfalls sicher vernichtet. Polstermöbel, Teppiche etc. sollten gründlich mit dem Staubsauger gereinigt werden. Unabhängig von der Wahl des Therapeutikums ist nach etwa acht bis zehn Tagen eine Kontrolle durchzuführen – gegebenenfalls muss erneut behandelt werden. Nicht alle Medikamente wirken hundertprozentig ovozid, und die richtige Anwendung kann nicht immer garantiert werden, so dass Eier die Prozedur überlebt haben könnten und neue Läuse die Infektion unterhalten.

Sorgfältige Kontrolle

Alle Kontaktpersonen (Familie, Freunde, Klassenkameraden etc.) müssen sorgfältig kontrolliert und behandelt werden. Grundsätzlich muss aufgrund der Überlebensfähigkeit der Läuseeier die Behandlung nach acht bis zehn Tagen gegebenenfalls wiederholt werden. Bett-, Bad- und Kleidungstextilien sollten gereinigt und nicht gemeinsam verwendet werden, das Gleiche gilt für Kämme, Haarbänder, Mützen etc. Kopfläuse sind nicht meldepflichtig. Nach adäquater Behandlung ist die Wiederzulassung zum Kindergarten, zur Schule oder zu anderen öffentlichen Einrichtungen bereits nach einem Tag möglich, unabhängig davon, ob noch leere Eihüllen (helle Nissen) am Haarschaft sichtbar sind.

hautnah dermatologie

Literatur bei den Verfasserinnen
Kontakt: Privatdozent Dr. Regina Fölster-Holst, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Kiel
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