zur Navigation zum Inhalt
 
Dermatologie 22. Juni 2006

So mancher Damenbart kann Zeichen für einen Tumor sein

Übermäßige Behaarung bei Frauen muss nicht zwangsläufig durch hormonelle Störungen bedingt sein. Im Gegenteil, die weitaus meisten Fälle gehen auf familiäre oder ethnische Häufungen zurück. Besonders in Südeuropa, im Orient oder in Indien ist ein großer Teil der weiblichen Bevölkerung betroffen und nur selten besteht dabei ein Krankheitswert. „Auch in Mitteleuropa liegt der Anteil verstärkt behaarter Frauen im zweistelligen Prozentbereich“, stellt Oberarzt Dr. Paul-Gunther Sator, Abteilung für Dermatologie, Krankenhaus Hietzing, im Gespräch mit hautnah klar und weist auf eine grundlegende ätiologische Unterscheidung hin: „Vom Hirsutismus sprechen wir, wenn das Behaarungsmuster der männlichen Verteilung entspricht und auf androgene Wirkungen zurückgeht. Davon ist die androgenunabhängige Hypertrichose abzugrenzen.“

Verschiedene Ursachen

Eine Hypertrichose kann zahlreiche Ursachen haben. Neben einer Abstammung aus den genannten Gebieten können beispielsweise Medikamente den Haarwuchs ankurbeln. In diesem Zusammenhang ist auf Antiepileptika oder das Immunsuppressivum Cyclosporin ebenso zu achten wie auf Kortikoide, die gelegentlich zu Überbehaarung führen. Minoxidil ist ein ursprünglich als Blutdrucksenker entwickelter Wirkstoff, dessen haarwuchsfördende Nebeneffekte so ausgeprägt sind, dass er topisch bei Haarausfall angewendet wird. Allerdings kann der Behaarungseffekt ungleichmäßig und auch an unerwünschten Stellen auftreten. „Grundsätzlich können generalisierte und lokalisierte Hypertrichosen unterschieden werden. Beispiele für lokalisierte Formen sind Familien mit behaarten Ohren oder Überbehaarungen nach der Anlage eines Gipsverbands“, erklärt Sator. Das lateinische Wort hirsutus steht für „borstig“ oder „struppig“ und beschreibt den zugrunde liegenden Prozess: Unter der Wirkung von Androgenen wandeln sich zarte, fast unsichtbare Vellushaare in kräftige, sichtbare Terminalhaare um. Sator: „Die Prädilektionsstellen des Hirsutismus sind neben der Oberlippe das Kinn, die Wangen, die Oberschenkelinnenseite und der Brustbereich. Hinter dem Hirsutismus kann eine verstärkte Androgenwirkung im Gewebe oder eine tatsächliche Überproduktion von Sexualhormonen stehen. Vor allem, wenn die Symptome plötzlich auftreten, liegt der Verdacht einer vermehrten Bildung von Androgenen wie etwa bei Tumoren nahe.“ Die Differentialdiagnostik des Hirsutismus und anderer Androgenisierungserscheinungen beinhaltet weit mehr als die Bestimmung der Sexualsteroidkonzentrationen im Blut. „Vor allem Störungen der Ovarialfunktion und des Stoffwechsels müssen ausgeschlossen oder entdeckt werden. Ein Stufenschema aus Anamnese und entsprechender Beobachtung des klinischen Befundes, des Zyklus und möglicher Oligo- oder Amenorrhoen sowie entsprechender Hormon­analytik hilft dem Kliniker beim Herantasten an die Ursache. Sowohl Testosteron, freies und gebundenes Dehydro-Epiandrostendion (DHEAS) als auch LH, FSH und Prolaktin sowie die Schilddrüsenparameter sollten erfasst werden. Zudem kann eine unterstützende Stoffwechselanalytik im Hinblick auf mögliche assoziierte Störungen im Insulinhaushalt erwogen werden“, beschreibt Prim. Dr. Rudolf Leikermoser, Leiter der Abteilung für Gynäkologie des KH der Elisabethinen Linz. Mit diesen Informationen ist eine Unterscheidung zwischen ovariellen oder adrenalen Störungen beziehungsweise gemischter Formen möglich. Die zusätzliche Bestimmung des ACTH kann Hinweise auf angeborene Enzymdefekte der Nebenniere liefern. Leikermoser: „Wesentlich ist der Ausschluss eines androgenbildenden Tumors, dabei kann die Bildgebung zu Hilfe gezogen oder eine diagnostische Laparoskopie erforderlich werden.“

Die Androgenwirkung wird komplex beeinflusst

Gemessene Androgenkonzentrationen im Blut entsprechen der Summe aus Sekretions- und Produktionsrate von Androgenen in den endokrinen Organen und der Peripherie sowie der Clearancerate, welche wiederum wesentlich von der Konzentration des androgenbindenden Proteins SHBG abhängt. „So können die Androgenspiegel trotz einer erhöhten Sekretionsrate bei hoher Clearance und niedriger SHBG-Konzentration normal sein. Ebenso ist der klinische Effekt der Androgene nicht nur von ihrer Art und Einwirkung, sondern auch von der Anzahl der Androgenrezeptoren in den Erfolgsorganen bestimmt. Das Krankheitsbild eines Hirsutismus kann also auch vorliegen, wenn pathologische Androgenkonzentrationen im Blut nicht nachweisbar sind. Aus diesen Erwägungen ist der oft gebrauchte Begriff ‚idiopathischer Hirsutismus‘ nur mit größter Vorsicht zu verwenden“, betont Leikermoser. Eine verstärkte Androgenwirkung und ihre Folgen wie Behaarung, Akne, Seborrhoe sowie in schweren Fällen sogar Haarausfall werden gerade in der Pubertät als massiv belastend empfunden.

Rechtzeitig therapieren

„Die Veränderungen des Androgenhaushaltes dürfen dabei nicht alleine auf die Ovarialfunktion mit den daraus resultierenden endokrinologischen Konsequenzen für die Heranwachsende zurückgeführt werden. Ein Hirsutismus sollte bereits beim Mädchen bzw. bei der jungen Frau abgeklärt werden, damit entsprechende therapeutische Schritte rechtzeitig gesetzt werden können. Störungen im Androgenhaushalt sind speziell bei Jugendlichen nicht als rein kosmetisches Problem zu sehen, mögliche internistische Konsequenzen wie potenziell assoziierte Insulinresistenzen und Hyperinsulinämien mit ihren Folgen für die Gesundheit der Frau müssen beachtet werden“, erklärt Leikermoser. Vorausgesetzt die Diagnostik brachte keine Hinweise für ein Tumorgeschehen oder schwer wiegende endokrine Störungen hervor, bietet die ästhetische Dermatologie Abhilfe bei zu starker Behaarung. Ein ganz einfacher, kosmetischer Ansatz ist das Bleichen der Haare. Andere Methoden zielen darauf ab, die Haare gänzlich zu entfernen.

Endgültig ist gar nichts

„Dabei ist immer zu beachten, dass eine dauerhafte, also endgültige Enthaarung nicht realisierbar ist. Kaum eine Struktur des Körpers ist vergleichbar regenerationsfähig und beständig. Davon unbedingt abzugrenzen sind ursächliche Therapien einer endokrinen Erkrankung. Wird in diesem Fall der Defekt behoben und der Hormonhaushalt normalisiert, geht in der Regel auch die Behaarung wieder auf das ursprüngliche Ausmaß zurück“, gibt Dermatologe Sator zu bedenken. Bei der Epilation ist Hartnäckigkeit gefragt, entsprechende Enthaarungscremen wirken gut, wollen aber kontinuierlich angewandt werden. Einmal abgesetzt, kehrt die unerwünschte Haarpracht rasch wieder zurück. Ähnliches gilt nach wie vor auch für Lasertherapien, wobei hier die Behandlungsintervalle größer sind: „Im Schnitt ist eine weitgehende Enthaarung für mehrere Monate erzielbar, vorausgesetzt, die zu bekämpfenden Haarfollikel bieten dem Laserstrahl geeignete Angriffspunkte. Dies ist nur bei dunklen, melaninreichen Haaren der Fall“, so Sator. Umgekehrt kann die Laserepilation bei Menschen mit dunklerem Hauttyp Probleme bereiten, da im behandelten Areal anschließende Pigmentstörungen möglich sind. Neue Methoden halten auch bei der Enthaarung Einzug: Neuerdings machen Blitzlampen dem Laser Konkurrenz, ihr wesentlicher Unterschied ist technischer Natur, sie senden Lichtblitze von 550 bis 1.200 Nanometern aus. Der Wirkstoff Efflornithin ist in Österreich derzeit nicht registriert, in Deutschland aber seit Ende 2001 zugelassen. Er hemmt das Enzym Ornithindecarboxylase im Haarfollikel und wird ein- bis zweimal täglich lokal aufgetragen. Das Ergebnis ist eine ebenfalls einige Monate über das Absetzen hinaus anhaltende Verringerung des Haarwuchses mit schwächeren und dünneren Haaren. „Die Folgen einer veränderten Hormonidentität wie männliches Behaarungsmuster, aber auch tiefe Stimme, Klitorishypertrophie und ähnliche Symptome können im Wesentlichen nur durch eine kausale Therapie behandelt werden. Eine Suppression der Androgene ist mit Hilfe von Kortikoiden, aber auch von Ovulationshemmern möglich, ebenso führt eine reine Antiandrogenbehandlung häufig zum Erfolg. Bei hormonproduzierenden Tumoren ist ein chirurgisches Vorgehen erforderlich“, erklärt Gynäkologe Leikermoser. Ovulationshemmer bremsen die Androgenproduktion in den Ovarien und in der Nebenniere. Sie hemmen abhängig von ihrer Zusammensetzung die Ausschüttung von Gonadotropinen in der Hypophyse, sind aber auch in der Lage, die adrenale Androgensekretion zu beeinflussen. So kommt es bei Einnahme von Ovulationshemmern zu einer Erniedrigung des Serum-DHEAS. Leikermoser: „Ebenso wurde beobachtet, dass es unter Östrogeneinfluss zu einer Zunahme von SHBG im Blut kommt. Eine Bedeutung für die Therapie der Androgenisierung ist zwar nicht mit Sicherheit erwiesen, fest steht jedoch, dass die Zunahme der SHBG-Konzentration zu einer verstärkten reversiblen Bindung von Testosteron führt.“ Geeignete Antikonzeptiva sind zyproteron­azetathältige Präparate, sie können bei ausgeprägtem Hirsutismus bestehende Ovulationshemmer verstärken. Wird Zyproteronazetat im Antikonzeptivum verwendet, eignen sich Östradiolvalerat oder Äthinylöstradiol als Östrogenkomponente. „Östradiolvalerat sollte vor allem bei Frauen im höheren Lebensalter oder bei Lebererkrankungen eingesetzt werden. Bei leichteren Formen gut geeignete Substanzen sind die etwas schwächer antiandrogen wirksamen Gestagene Dienogest und Drospirenon“, wertet Leikermoser.

 Frauenproblem

Dr. Alexander Lindemeier, hautnah 2/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben