zur Navigation zum Inhalt
 
Dermatologie 22. Juni 2006

Pilze auf dem Kopf

Von Prof. Dr. Angelika Stary, Wien

Unter dem Begriff Tinea capitis (tinea = lat. Motte) versteht man den exogenen Pilzbefall des behaarten Kopfes (Trichomykose der behaarten Kopfhaut) durch verschiedene Arten von Dermatophyten, die durch Personen (anthropophile Infektion), Tiere (zoophile Infektion) oder über das Erdreich (geophile Infektion) übertragen werden können. Mit Ausnahme des Favus ist die Tinea capitis nahezu ausschließlich auf Personen im Kindesalter beschränkt. Gewisse Arten der Dermatophyten oder Fadenpilze können neben der Hornschicht der Haut auch Haarfollikel und Haarschaft besiedeln und in weiterer Folge eine Trichomykose verursachen, wobei je nach Tiefe der Invasion des Haares die oberflächliche (Befall lediglich des Infundibulums) von der tiefen Trichomykose (Eindringen in das Haar bis zur keratogenen Zone) unterschieden wird. Die epidemiologische Situation der Tinea capitis stellt sich in verschiedenen Ländern unterschiedlich dar und ist Änderungen unterworfen. So konnte in den USA während der letzten Jahrzehnte eine Progredienz der Infektionen mit T. tonsurans festgestellt werden. In den meisten europäischen Ländern überwiegen zoophile Arten der Dermatophyten, insbesondere M.-canis-Infektionen. Die Infektion des Haares erfolgt durch einzelne Pilzsporen selbst oder durch infizierte Haarteile mit adhärenten Sporen. Es scheint einige Stunden zu dauern, bis eine signifikante Anzahl von Konidien an die Epidermalzellen gebunden ist und eine Penetration des Haarschafts erfolgen kann. Je nach Invasion des Haares werden verschiedene Arten des Haarbefalls unterschieden:
Ektotricher Haarbefall: Eindringen der Pilze bis zur keratogenen Zone, Ketten von Arthrosporen liegen an der externen Oberfläche des Haarschafts, graue Farbveränderung, Haarabbruch ein bis zehn Millimeter oberhalb der Kopfhaut.
Endotricher Haarbefall: Arthrosporen befinden sich in großer Zahl innerhalb des Haarschafts und imponieren wie ein „Sack mit Nüssen gefüllt“. Die Haare können eventuell verdickt sein, haben aber sonst normales Aussehen. Infolge der massiven Beeinträchtigung der Festigkeit des Haares kommt es zum Abbruch direkt an der Kopfhaut, wodurch schwarze Punkte entstehen („Black-dot“-Mykose).

Zoophile Infektionen

Durch den Kontakt mit infizierten Tieren, wie etwa mit neu erworbenen Haustieren aus der Tierhandlung oder mit streunenden Katzen, kann es nach kurzer Inkubationszeit zu einer Infektion sowohl der Haut als auch des Haares kommen. Nicht immer scheint ein direkter Kontakt mit Tieren notwendig zu sein, zumal ein solcher nicht immer angegeben wird und eine indirekte Transmission über Gegenstände nicht auszuschließen ist. Die häufigste zoophile Infektion ist jene mit M. canis mit der Katze als weitaus häufigste Übertragungsquelle. M.-canis-Infektionen sind in Europa besonders in südlichen Ländern gehäuft zu beobachten. Die Infektion mit M. canis ist üblicherweise eine ektotriche inflammatorische Form mit Erythem und Schuppenbildung und abgebrochenen Haaren. Auch Pustelbildungen werden beschrieben, wenn auch seltener beobachtet als bei der Infektion mit T. verrucosum, dessen Infektionen im Haarbereich hoch inflammatorisch sind. T. verrucosum wird häufig von infizierten Rindern auf Kinder übertragen, klinisch bietet sich das Bild eines Kerion Celsi, einer stark entzündlichen Form der Tinea capitis mit nekrotisierender, abszedierender Folliculitis und Perifolliculitis, die als scheibenförmige Herde mit eitriger Einschmelzung imponieren (Kerion: Honig aus Bienenwabe). Auch die weltweit verbreitete zoophile Form von T. mentagrophytes, übertragen durch Nagetiere, kann beim Menschen eine Tinea capitis verursachen. Neben diesen häufigen Arten von zoophilen Dermatophyten werden auch seltenere Formen wie T. erinacei (Überträger: Igel), T. simii (Affen), M. persicolor (Wühlmaus), M. nanum (Schweine) und M. gallinae (Hühner) als Erreger einer Pilzinfektion am Capillitium nachgewiesen.

Anthropophile Infektionen

Die Übertragung von anthropophilen Pilzarten erfolgt von Mensch zu Mensch, wobei die Bedeutung der Transmission über kontaminierte Gegenstände wie Bürsten, diverse Arten der Kopfbedeckung oder Einrichtungsgegenstände nicht eindeutig geklärt ist. Der häufigste Vertreter der anthropophilen Dermatophyten, die eine Tinea capillitii hervorrufen können, ist T. tonsurans. Insbesondere in städtischen Gebieten der USA kam es zu einem permanenten Anstieg dieser Dermatophytenspezies, was vermutlich auf gewisse Formen der Wohnverhältnisse und hygienische Umstände wie überfüllte Wohnsiedlungen und Schulen, gemeinsame Friseure in Wohnsiedlungen und die Übertragung im familiären Bereich durch enges Zusammenleben vor allem bei der schwarzen Bevölkerung zurückzuführen ist. Die Infektion mit T. tonsurans ist eine endotriche, oberflächlich entzündliche Form mit meist reversiblem, unter Umständen jedoch auch irreversiblem Haarverlust. Zu den seltenen Arten von anthropophilen Dermatophyten gehört T. soudanense, die in unterschiedlichem Ausmaß und ähnlich wie T. tonsurans auch tiefe pustulöse kerionartige Infektionen verursachen kann und vorwiegend im afrikanischen Raum beobachtet wird. Von besonderer Bedeutung ist die Übertragung durch so genannte Carrier, die ohne klinische Zeichen einer Pilzinfektion die Erreger im Haar- oder Pelzbereich beherbergen und die meist nur durch kulturellen und nicht durch mikroskopischen Nachweis identifiziert werden können.

Diagnose der Tinea capitis

Die Diagnose wird einerseits von der klinischen Symptomatik, andererseits von dem Erregernachweis nach der Durchführung einer Laboruntersuchung getragen. Es muss ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die klinische Diagnose allein nicht verlässlich ist, da das klinische Bild äußerst variabel sein kann, sich häufig lediglich auf unspezifische Zeichen stützt und von nichtmykotischen Veränderungen unter Umständen schwierig zu unterscheiden ist.
Wood-Licht: Rasche, aber unsichere Screeningmethode für einige in Frage kommende Dermatophyteninfektionen des behaarten Kopfes.
Mikrobiologischer Nachweis: Material­entnahme: Ein wichtiger Schritt für eine exakte Diagnose ist die Abnahme von Material (muss infizierte Haare und Schuppen enthalten!) mittels Skalpell oder Bürste. Es eignet sich auch die Abnahme mittels einer Einmalzahnbürste, die nach der Abnahme auf die Agarplatte gepresst wird. Das abgenommene Patientenmaterial kann in speziellen Transportbehältern oder -säckchen so schnell wie möglich an ein Speziallabor verschickt werden. Dies ist besonders bei Vorliegen von Kerion-Läsionen wichtig, da ein Überwuchern von sekundären Bakterien, die sich in verkrusteten Arealen ebenfalls befinden können, das Wachstum der Pilze hemmen kann.
Direktmikroskopie: Eine mikroskopische Untersuchung mittels zehn- bis 20-prozentiger Kalilauge bietet innerhalb von 30 Minuten einen ersten Hinweis auf das Vorliegen einer Trichophytie und kann auch die Differentialdiagnose einer endo- und ektotrichen Infektion ermöglichen.
Kultivierung: Dermatophyten werden üblicherweise im Sabouraudagar kultiviert, wobei das Wachstum unterschiedlich schnell erfolgt: Kolonien von M. canis sind bereits nach einer Woche beurteilbar, T. verrucosum benötigt für die Ausbildung von Kolonien oft drei Wochen. Kontrolluntersuchungen zur Therapiekontrolle sind empfehlenswert.

Therapieempfehlungen

Als Therapie der Wahl wird die orale Gabe eines Antimykotikums empfohlen, da die lokale Applikation von Antimykotikapräparaten bei einer Haarschaftinfektion in den meisten Fällen nicht zu einer kompletten Eradikation der Pilze führt. Eine lokale Therapie kann zwar vorübergehend eine Besserung oder sogar eine klinische Abheilung bewirken, mit einem Rezidiv ist jedoch zu rechnen. Die komplette Heilung nach lokaler Applikation eines Antimykotikums ist eher auf eine Spontanremission zurückzuführen. Da es sich bei der Tinea capitis um eine Infektion nahezu ausschließlich im Kindesalter handelt, sind jene Antimykotika empfehlenswert, die bereits ausreichend für das Kindesalter ausgetestet wurden. Prinzipiell ist aus den Ergebnissen der zahlreichen Studien zu schließen, dass Trichomykosen durch M. canis schwieriger und langwieriger zu behandeln sind als im Vergleich zu T. tonsurans. Die Dauer richtet sich nach der Ausdehnung und dem klinischen Bild des Haarbefalls. Bei Verdacht auf ein Nicht- oder ungenügendes Ansprechen auf die Therapie soll diese maximal auf zwölf Wochen prolongiert werden. Ist danach noch ein Hinweis auf eine mykotische Aktivität gegeben, sollte auf ein anderes Antimykotikum umgestellt werden.

 Antimykotika

 Therapie

Kontakt: Univ.-Prof. Dr. Angelika Stary, Ambulatorium für Pilzinfektionen und andere infektiöse venero-dermatologische Erkrankungen, Wien
E-Mail:

 

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben