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Dermatologie 22. Juni 2006

Nachwuchsförderung

Glaubt man einer Studie des Gallup-Instituts vom vergangenen Dezember, so lösen vermehrter Haarausfall und vor allem eine drohende Glatze bei drei von vier betroffenen Männern Bestürzung aus. Dermatologen sind sich einig, dass wohl bei keiner kosmetischen Störung – eine Krankheit ist der erblich bedingte Haarausfall nicht – die Dysmorphophobie so stark ausgeprägt ist wie bei Effluvien. Weil sie meinen, mit ihrem Problem nicht ernst genommen zu werden oder mit der Therapie unzufrieden sind, ziehen viele Betroffene von einem Arzt zum anderen. hautnah sprach mit Prof. Dr. Herbert Hönigsmann, Leiter der Universitätsklinik für Dermatologie und der Klinischen Abteilung für Spezielle Dermatologie und Umweltdermatosen an der MedUni Wien über den Stand der Forschung und die Möglichkeiten der Nachwuchsförderung für das sich lichtende Haupthaar.

Was weiß man über die Entstehung des Androgenetischen Haarausfalls?
Hönigsmann: Man weiß, dass diese Art von Haarausfall mit der Anzahl der 5-alpha-Reduktase-Rezeptoren an der Haarwurzel zusammenhängt. Das Enzym 5-alpha-Reduktase wandelt das männliche Hormon Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) um, die biologisch aktivste Form von Testosteron, die z.B. die Funktion der Prostata steuert. Mit zunehmendem Alter geschieht das vermehrt, was sich in einer Prostatahyperplasie äußert. Gleichzeitig beschleunigt DHT den Haarzyklus, die Haare bleiben weniger lang auf dem Kopf. Da durch DHT auch die Haarfollikel verkümmern, werden die nachwachsenden Haare immer dünner und flaumiger, bis sich in den zugrunde gegangenen Haarwurzeln schließlich gar keine Haare mehr bilden. Wer viele dieser 5-alpha-Reduktase-Rezeptoren hat – was erblich bedingt ist wie blaue oder braune Augen –, bekommt eine Glatze. Anders als früher angenommen, gilt das auch für Frauen.

Welche Untersuchungen sind zur eindeutigen Diagnose „Androgenetisches Effluvium“ nötig?
Hönigsmann: Bei Männern im Grunde gar keine, denn das klinische Bild ist ganz typisch. Bei jenen, die später eine Glatze bekommen, beginnen die Haare bereits mit 20, 25 Jahren schütter zu werden, und zwar im Scheitelbereich und an den so genannten Geheimratsecken. Am Hinterkopf bleibt ein Haarkranz, denn die Haare dort sind anders, sie haben wenige oder gar keine 5-alpha-Reduktase-Rezeptoren. Warum das so ist, weiß man noch nicht. Bei Frauen, vor allem, wenn sie jünger sind, sind zur Feststellung der Ursachen einige Untersuchungen notwendig, denn bei ihnen zeigt sich der Haarausfall anders, eher diffus, die Haare werden insgesamt schütter. So kann eine Schilddrüsenkrankheit die Ursache sein, eine Anämie, bestimmte Infektionskrankheiten, in sehr, sehr seltenen Fällen auch ein Hypophysentumor. Bei peri- oder postmenopausalen Frauen ist die Ursache oft hormonell.

Sind Haaranalysen sinnvoll?
Hönigsmann: Chemische Haaruntersuchungen sind nichtssagend, teuer und bringen keinen Hinweis für eine Therapie. Man kann sie unter Quacksalberei einordnen. Wenn sich z.B. ein Selen- oder Siliziummangel herausstellt – was heißt das? Freilich kann es Mangelzustände geben, etwa nach Crashdiäten. Aber ein solcher Mangel zeigt sich auch im Blutbefund. Mit dem so genannten Zupftest kann man feststellen, ob gerade ein starker akuter Haarausfall besteht, denn die Haare gehen immer in Schüben aus. Wirkliche diagnostische Schlüsse kann man daraus allerdings keine ziehen. In seltenen Fällen, bei bestimmten Haarkrankheiten kann ein Trichogramm diagnostische Hinweise geben. Dies ist beim Androgenetischen Effluvium jedoch unnötig.

Welche Therapie gibt es?
Hönigsmann: Es gibt nur zwei Mittel, bei denen durch große Multicenterstudien eine Wirksamkeit belegt ist: Minoxidil und Finasterid. Bei allen anderen ist die Wirksamkeit nicht nachgewiesen, allerdings auch nicht die Unwirksamkeit. Minoxidil, ursprünglich eine Substanz gegen Bluthochdruck, stoppt bei jenen, die darauf ansprechen, den Haarausfall und erhält den Status quo. Dass auch Haare nachwachsen, kommt bei rund 40 Prozent der Männer zwischen 20 und 35 Jahren, insgesamt bei 20 Prozent der Behandelten vor. Je früher man also mit der Behandlung anfängt, desto eher erhält man den Zustand, damit sind die meisten ohnehin zufrieden. Hört man mit der Therapie auf, kommt es nach einiger Zeit zum weiteren Haarausfall. Finasterid, ursprünglich – und auch jetzt noch – in höherer Dosierung ein Medikament gegen Prostatahyperplasie, muss im Gegensatz zum äußerlich anzuwendenden Minoxidil eingenommen werden. Beide wirken ungefähr gleich gut, obwohl sie verschiedene Angriffspunkte haben. Die Resultate sind an den Ecken schlechter als im Scheitelbereich. Es gibt so gut wie keine Nebenwirkungen, bei Minoxidil höchstens selten Überempfindlichkeitsreaktionen auf das Lösungsmittel. Die Mehrzahl der Patienten zieht die lokale Therapie mit Minoxidil vor. Finasterid wirkt prinzipiell nur auf die 5-alpha-Reduktase-Rezeptoren, wie sie sich auch in der Prostata befinden. Beschrieben wurden bei der Einnahme von Finasterid bei einem niedrigen Prozentsatz Libidoverminderung und Erektionsstörungen, wobei es in den Studien so war, dass auch die Probanden, die ein Placebo bekamen, diese Störungen hatten. Wahrscheinlich hatte das etwas mit der Aufklärung über diese eventuelle Nebenwirkung zu tun – allein das Wissen über die Möglichkeit der Erektionsstörung kann schon die Störung auslösen.

Elisabeth Tschachler-Roth, hautnah 2/2006

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