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Dermatologie 31. Mai 2006

Ist der Allergen-Chip alltagstauglich?

Neue Systeme zur Identifizierung einer allergischen Disposition, wie der Allergen-Chip, machten in den letzten Jahren viel von sich reden. Ob sie das halten können, was sie versprechen, hängt von der getesteten Substanz ab. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Mag. Dr. Stefan Wöhrl, Abteilung für Immundermatologie und infektiöse Hautkrankheiten der Universitätsklinik für Dermatologie, Medizinische Universität Wien, über die Praxistauglichkeit des neuen Verfahrens.

Welche Vorteile bietet ein System wie der Allergen-Chip?
Wöhrl: Im Gegensatz zum DNA-Array handelt es sich beim getesteten System um einen Protein-Chip: Rekombinant hergestellte Allergene werden auf eine feste Oberfläche, den Chip, fixiert und dienen als Basis für Patienten-spezifische Immunreaktionen. Der Chip ist dabei mit einer Vielzahl von Allergenen bestückt. Die Herstellung erfolgt auf gentechnologischem Weg: Jene DNA-Sequenzen, in denen die Allergene kodiert sind, werden isoliert und dienen als Bauplan für die rekombinanten Molekül-allergene. Ihr Vorteil liegt in der Reinheit und der konstanten Immunogenität.

Welche klinischen Erfahrungen konnten bereits gewonnen werden?
Wöhrl: Bislang wurden die Protein-Chips laborchemisch an großen Serum-Proben getestet, nicht jedoch an Patienten. Gerade diese Beweisführung ist allerdings notwendig, um über die Praxistauglichkeit eines derartigen Systems urteilen zu können. Nun wurden zwei derartige In-vitro-Systeme hinsichtlich ihrer Praxisrelevanz verglichen. Im Rahmen einer zwei-zentrischen Studie am Wiener AKH und im Floridsdorfer Allergiezentrum konnten die Ergebnisse des Allergen-Chip-Verfahrens der Patientenanamnese und dem Hauttest gegenübergestellt werden. Die beiden Patientengruppen wurden von derselben Person betreut, so dass die Gefahr eines Zentrums-Bias nicht gegeben war. Die Arbeit wurde in der Maiausgabe von „Allergy“ (61/2006; 633-9) publiziert (S. Wöhrl, K. Vigl, S. Zehetmayer, R. Hiller, R. Jarisch, M. Prinz, G. Stingl and T. Kopp: The performance of a component-based allergen-microarray in cli-nical practice.)

Über welche Resultate der Studie können Sie berichten?
Wöhrl: Das Augenmerk wurde auf fünf Hauptallergene gelegt: Birke, Gräser, Beifuß, Katze und Hausstaubmilbe. Die auf dem Chip befindlichen rekombinanten Allergene sind allerdings in ihrer Zahl stark reduziert: Beim Beifuß etwa befindet sich lediglich ein einziges rekombinantes Allergen auf dem Chip. Hier scheint auch der Schwachpunkt dieses Systems zu liegen, denn gerade Beifuß hat in unserer Untersuchung signifikant schlechter abgeschnitten als in der Standard-Prozedur mit dem nach dem ELISA-Prinzip arbeitenden CAP-System, das auf natürlichen Allergenextrakten basiert. Für dieses Allergen kann man den Chip daher auch in seiner jetzigen Version in der Praxis nicht verwenden. Auch bei der Hausstaubmilbe ist der Test in seiner Aussagekraft zumindest als grenzwertig einzustufen. Hinsichtlich der Birken-Allergene Bet V1 beziehungsweise Bet V2 konnten bei dem Allergen-Chip hingegen hervorragende Ergebnisse erzielt werden.

Wie ist demgemäß die Alltagstauglichkeit des Chips einzustufen?
Wöhrl: Für drei der getesteten Allergene kann man den Chip bereits als alltagstauglich einstufen: Birke, Gräser und Katze. Bei der Hausstaubmilbe konnten wir grenzwertige Übereinstimmungen mit Anamnese und Hauttest feststellen, beim Beifuß war nur eine schwache Korrelation zu finden. Die Aussagekraft ist daher für jedes Allergen differenziert zu betrachten.

Sie stehen dem Chip also noch recht kritisch gegenüber ...
Wöhrl: Obwohl es sicher die derzeit hoffnungsvollste Technologie für die Zukunft darstellt, ist dieses System zur Zeit noch kritisch zu sehen, da der Chip sehr viele Allergene beinhaltet: Mit nur 20 µl Serum können mehr als 50 Allergene untersucht werden. Allerdings müsste man für jedes einzelne Allergen eine eigene Studie machen, um dessen Alltagstauglichkeit zu validieren. Zur Zeit ist der Chip vor allem für den wissenschaftlichen Bereich interessant. Vom Einsatz in der klinischen Allergologie, unserer täglichen Praxis, sind wir aber noch entfernt. Sobald die rekombinanten Allergene für eine Immuntherapie, die subkutan verabreicht werden kann, zur Verfügung stehen, wird der Einsatz des Chips auch im Routinebetrieb Sinn machen.

Das Verfahren hält aber zunehmend Einzug in die klinische Praxis...
Wöhrl: Ich fürchte, dass bei einer breiten Verwendung eines derartigen Systems zu viele falsch positive Befunde herauskommen. Dies vor allem deshalb, weil bei den meisten Allergenen auf dem Chip der Cut-off-Wert noch nicht ausreichend definiert ist. (Anmerkung: Cut-off ist ein meist künstlich definierter Grenzwert, ab dem ein Laborparameter als positiver Befund interpretiert wird). Zudem sehe ich eine gewisse Gefahr, wenn diese Tests von Labors angeboten und vom Hausarzt ausgewertet werden. Die Bestimmung von spezifischen Antikörpern im Blut ist – neben ausführlicher Anamnese, Hauttests, Lungenfunktionsdiagnostik und im Einzelfall Provokationstests sowie weiteren Spezialverfahren – nur eine Komponente in der breiten diagnostischen Palette allergischer Erkrankungen. Es bedarf also einiger Erfahrung, um die Laborergebnisse in der Gesamtschau richtig zu interpretieren. Der Allergen-Chip kann ein wertvolles Werkzeug in der Hand von Experten sein, die Allergiediagnostik wird in Zukunft möglicherweise routinemäßige Chip-Tests beinhalten. Zur Zeit ist diese Technologie, für sich allein genommen, allerdings noch nicht aussagekräftig genug.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 22/2006

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