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Dermatologie 25. Jänner 2006

Sonnenschutzmittel werden oft nicht richtig angewendet

Urzeit-Mikroben als Modell für potentes Reparatursystem für Sonnenschäden

In Aftersun-Produkte eingebaute Reparaturenzyme gehören zu den neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen im Bereich des Sonnenschutzes. Trotzdem haben auch die Klassiker, wie Sonnencremes mit hohem Lichtschutzfaktor, Sonnemeiden zu Mittag und Kopfbedeckungen nichts von ihrer Aktualität verloren. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der HautkrebspatientInnen um mehr als 50 Prozent erhöht. Jedes Jahr erkranken 1.500 bis 2.000 ÖsterreicherInnen neu an einem malignen Melanom, 300 bis 400 sterben daran. Im Gespräch mit Ärzte Woche-hautnah erläutert Prof. Dr. Peter Wolf von der Universitätshautklinik Graz, welche neuen Entwicklungen es im Bereich Sonnenschutz gibt und wie Sie Ihre Patienten vor Hautkrebs schützen können.

Auf dem Internationalen Skin Cancer Congress Mitte Mai in Wien haben Sie über Enzyme, die DNA-Schäden „reparieren“ können, berichtet. Was steckt dahinter?
Wolf: Es handelt sich hier um Enzyme, die gentechnisch rekombinant hergestellt werden. Diese Enzyme kopieren die Natur. Bestimmte Mikroben haben bereits in der Urzeit, in der sie extrem hohen UV-Lichtdosen ausgesetzt waren, ausgesprochen potente DNA-Reparaturmechanismen entwickelt. Dieses Konzept machten wir uns in der Forschung zunutze und können nunmehr DNA-Reparaturenzyme gentechnisch rekombinant erzeugen, beziehungsweise aus gewissen Mikroben extrahieren. Diese Enzyme werden dann in das Zentrum von Liposomen eingebaut. Diese Liposomen werden letztlich in ein Aftersun-Produkt eingebracht. Wenn dieses Produkt auf die Haut aufgetragen wird, werden die Liposomen durch Endozytose in die Haut aufgenommen und im Zellinneren freigesetzt. Die Enzyme diffundieren in den Zellkern und unterstützen dort die körpereigenen Reparaturmechanismen. Erste derartige Produkte sind schon auf dem Markt. Es handelt sich dabei um ein Aftersun-Konzept, damit die Enzyme Schäden nach dem Sonnenbad beseitigen können, die der Lichtschutzfaktor in der Sonnencreme nicht abfangen konnte. In einer doppelblinden randomisierten Studie mit 30 Xeroderma-pigmentosum*-Patienten konnte die regelmäßige Anwendung einer Sonnencreme mit Reparaturenzymen das Risiko für Hautkrebs um 30 bis 70 Prozent verringern. Die Studie lief über ein Jahr, die Patienten verwendeten regelmäßig eine Aftersun-Lotion mit Reparatur-enzymen.

Hat es Sinn, diese Enzyme auch in Sonnencremes einzubringen?
Wolf: Ja. Auch hier gibt es erste positive Erfahrungen. Die Aftersun-Situation setzt ja eigentlich bereits während des Sonnenbades ein, sodass es Sinn macht, diese Enzyme auch in Sonnencremes mit UVA- und UVB-Filtern einzubringen. Je früher das Enzym in die Zelle kommt, desto besser.

Welche Selbstreparaturmechanismen weist die Haut auf, um Sonnenschäden zu reparieren?
Wolf: Die Haut verfügt über sehr effiziente Reparaturmechanismen. Jede Zelle hat eine ganze Batterie von Reparaturenzymen, die normalerweise auch sehr gut funktioniert. Aber bei zu hohen Dosen Sonnenlicht kann ein Teil der Schäden nicht mehr repariert werden, es entstehen Mutationen an den Genen, aus denen dann Spätschäden entstehen können.

Wie weit sind Entwicklungen im Bereich des oralen Sonnenschutzes?
Wolf: Es gibt vielversprechende Daten aus experimentellen Studien und aus nicht kontrollierten Studien an Menschen über die Wirkung verschiedener Antioxidantien. Aber es fehlen derzeit kontrollierte Studien, die einen Wirkungsnachweis dieser Stoffe führen. Eine große, randomisierte, doppelblinde placebokontrollierte Studie hat Betacarotin, das am weitesten verbreitete Antioxidans, im Bereich Sonnenschutz getestet. Die Studie wurde in Australien durchgeführt, im Ergebnis zeigte sich Betacarotin völlig wirkungslos, was den Sonnenschutz anbelangt. Eine Wirkung dieses Antioxidantiums konnte allerdings bei einer bestimmten Art der Sonnenlichtallergie festgestellt werden, der Porphyrin-Stoffwechselstörung, diese ist allerdings sehr selten. Bei der gewöhnlichen Form der Sonnenallergie ist Betacarotin ebenfalls völlig wirkungslos.

Wie wird Sonnenschutz sicher und korrekt angewendet, um optimal vor Hautkrebserkrankungen zu schützen?
Wolf: Einen optimalen Schutz erreicht der Mensch, der einen hohen Lichtschutzfaktor verwendet, die Sonnenexposition nicht bis zum vollen Lichtschutzfaktor ausreizt und ausreichend Sonnencreme aufträgt. Dazu sind zwei Milligramm des Produktes pro Quadratzentimeter Haut notwendig, eine Menge, die unter praktischen Bedingungen eigentlich nie erreicht wird. Meist wird weniger als die Hälfte und inhomogen aufgetragen. Das bedeutet, dass auch der auf der Packung angegebene Lichtschutzfaktor natürlich nicht erreicht wird. Außerdem wird nicht bedacht, dass das Auftragen des Sonnenschutzmittels regelmäßig erneuert werden muss, weil es durch Bewegung, durch Schwimmen und Abtrocknen zum Abrieb der Produkte kommt. Auch „wasserfeste“ Produkte sind nicht abriebfest. Bei jedem Abtrocknen gehen bis zu 80 Prozent des Mittels verloren. Im Prinzip sollte also das Sonnenschutzmittel nach jedem Schwimmen und Abtrocknen neu aufgetragen werden, mindestens aber alle zwei Stunden.

Kann ein optimaler Sonnenschutz vor dem malignen Melanom bewahren?
Wolf: Prinzipiell sollte ein korrekt verwendeter Sonnenschutz dazu in der Lage sein. Dazu muss man aber wissen, dass es keine Studien gibt, die diesen Schutz nachweisen können. Schon aus ethischen Gründen können hier keine prospektiven Studien durchgeführt werden. Wir sind daher auf indirekte Daten angewiesen. Diese indirekten Daten kommen aus retrospektiven Studien und sind nicht schlüssig. Sie konnten eine direkte protektive Wirkung des Sonnenschutzes bisher nicht nachweisen.

Welchen Krebsarten kann Sonnenschutz mittels Sonnencremes vorbeugen?
Wolf: Schutzfunktionen konnten bisher, bei korrekter Anwendung, für aktinische Keratosen, das sind Vorläufer des Spinalioms**, nachgewiesen werden. Für den häufigsten Hautkrebs, das Basalzellkarzinom, konnte dieser Schutz allerdings bisher nicht gezeigt werden.

Worauf sollte der Hausarzt seine Patienten vor dem Sommerurlaub für das Sonnenbaden ohne Reue hinweisen?
Wolf: Wichtig ist ein vernünftiger Umgang mit der Sonne. Dazu gehört ein Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor, der häufig genug und in genügend großer Menge angewendet wird. Dazu gehört aber auch, dass mittags eine Sonnenpause gemacht wird. Die richtige Kleidung ist wichtig sowie eine Kopfbedeckung. Exponierte Stellen wie Kopf, Nase, Ohren, Lippen, Knie und Spann müssen besonders gut geschützt werden. Aftersun-Produkte, die die beschriebenen Enzyme enthalten, können natürlich auch nicht schaden.

Welche Medikamente erhöhen die Sonnenlichtempfindlichkeit?
Wolf: Immunsuppressiva sind hier sicher an erster Stelle zu nennen. Transplantierte Patienten, die diese Medikamente einnehmen müssen, haben ein besonders hohes Hautkrebsrisiko und müssen sich deshalb auch besonders gut schützen.

* seltene, meist tödlich endende Lichtüberempfindlichkeit. Die Patienten haben ein 6.000-fach erhöhtes Risiko, an Hautkrebs zu erkranken.
** Stachelzellkrebs

Sabine Fisch, hautnah 2/2005

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