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Dermatologie 25. Jänner 2006

„Ich habe wahnsinnig viel Glück gehabt!“

Ein Rückblick des emeritierten Vorstandes der Wiener Hautklinik Prof. Dr. Klaus Wolff über die letzten 30 Jahre Dermatologie

Kaum ein anderes klinisches Fach hat in den vergangenen 30 Jahren derart umwälzende Veränderungen durchgemacht wie die Dermatologie. Sie hat sich von einem rein deskriptiven in ein Fachgebiet gewandelt, das diagnostisch und therapeutisch viele Optionen für Erkrankungen der Haut anbieten kann. Maßgeblich mitverantwortlich für die Entwicklung der klinischen Dermatologie in den vergangenen Jahrzehnten war und ist der emeritierte Vorstand der Wiener Hautklinik Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Klaus Wolff. Er führte die Wiener Hautklinik von 1981 bis 2004. Und er hat Spuren hinterlassen: Jede dermatologische Klinik oder Abteilung in Österreich, von einer in Graz abgesehen, sowie einige deutsche dermatologische Kliniken sind heute mit „Wolff-Schülern“ besetzt. Im Interview mit Ärzte Woche-hautnah spricht Wolff über seine Karriere, seine größten Erfolge und darüber, wie wichtig ein Ausgleich für einen engagierten Wissenschafter ist, um den „Tunnelblick“ zu vermeiden.

Warum haben Sie sich ursprünglich für das Fach Dermatologie entschieden?
Wolff: Das war ein Unfall. Ich wollte eigentlich Hämatologe werden. Aber Prof. Fellinger hat mich nie empfangen. Also habe ich mir überlegt: Dann wirst du halt Chirurg. Und Prof. Fuchsig hat zu mir gesagt: In einem Jahr habe ich eine Stelle auf einer neuen plastisch-chirurgischen Abteilung, gehen Sie und machen Sie inzwischen etwas anderes. Da habe ich mich erinnert, dass Prof. Tappeiner, also der Chef der Hautklinik, mir angeboten hat, zu ihm auf die Hautklinik zu kommen. Ich dachte mir: Plastische Chirurgie und Haut, das geht gut zusammen. Also ging ich für ein Jahr auf die Hautklinik. Und dann habe ich im ersten halben Jahr dort eine Entdeckung gemacht, die mir gleich zwei Einladungen nach Amerika verschafft hat.

Was hatten Sie entdeckt?
Wolff: Das war die ATPase in den Langerhans-Zellen. Die Langerhans-Zellen galten damals als tote Pigmentzellen. Ich lernte damals gerade Histochemie bei Prof. Holzner und habe mir immer Hautstückchen aus dem OP geholt und all die Techniken, die ich bei Holzner gelernt hatte, an der Haut ausprobiert. Und dann habe ich entdeckt, dass diese „komischen Zellen“ in der Epidermis über eine ATPase verfügen. Das ist sicher nicht die Eigenschaft einer toten Zelle! Na, das habe ich dann publiziert und zu meiner Überraschung folgten zwei Einladungen in die USA: eine an das Mount Sinai Hospital in New York und die andere an die Mayo Clinic. Ich ging dann an die Mayo Clinic, weil sie eine sehr gute Dermatologie hatte. Und dort habe ich einen Chef gehabt, der mir gezeigt hat, was Dermatologie sein kann. Dermatologie war zu dieser Zeit in Europa nicht sehr angesehen. Man ist damals als Salbenschmierer dagestanden. Erst in Amerika habe ich dann Feuer gefangen. Als ich dann aus den USA zurückkam, blieb ich in der Dermatologie und habe das bis jetzt nicht bereut.

Welchen Herausforderungen haben Sie sich gestellt?
Wolff: Ich habe wahnsinnig viel Glück gehabt, es ist mir sehr viel gelungen. Die generelle Einstellung in den USA gegenüber der Dermatologie in Europa war damals die: Klaus, du bist ein großartiger Bursche, aber alle anderen Europäer sind rückständig. Wir waren zwar deskriptiv sehr gut, aber in der dermatologischen Forschung waren wir nichts. Als ich aus den USA zurückkam, wollte ich beweisen, dass wir das hier auch können. Das ist vielleicht die größte Leistung, die ich erbracht habe. Heute gehören wir zu den Top 5 weltweit! Und gleichzeitig war es auch so, dass es in Deutschland Enno Christophers gegeben hat, in Holland Rudi Cormane und in England Sam Shuster – wir waren eine verschworene Gemeinschaft, die innerhalb von zwei Jahrzehnten das Blatt komplett gewendet hat. Wir wurden nicht nur konkurrenzfähig, sondern in manchen Gebieten viel besser als die Amerikaner und sind es immer noch.

Was hat sich aus Ihrer Sicht in der Dermatologie in den vergangenen dreißig Jahren verändert?
Wolff: Wir sind von der Morphologie in die Funktion gegangen. Das hat damit begonnen, dass wir nachweisen konnten, dass die Langerhans-Zelle eine Immunzelle ist. Die Langerhans-Zelle ist die antigenpräsentierende Zelle der Haut – ohne die geht nichts. Ein anderes Beispiel ist, dass wir den Angriffspunkt bei bullösen Autoimmunkrankheiten in der Haut gefunden haben. Wir konnten nachweisen, wo diese Autoantikörper binden und dadurch eine Kaskade der Pathologie auslösen. In der Therapie waren wir die ersten, die bullöse Autoimmunkrankheiten mit Immunsuppressiva behandelt haben. Ich war entscheidend involviert in die Entwicklung der PUVA-Therapie, der Photochemotherapie. In den vergangenen zehn Jahren habe ich intensiv an der Entwicklung lokaler Makrolid-Immunsuppressiva, zum Beispiel Pimecrolimus, gearbeitet. In der Diagnostik sehe ich die Entwicklung des Immuno-Mapping als besonders wichtig an, das heute eine etablierte Methode zur Diagnose einer bullösen Erkrankung darstellt. Last, but not least haben wir hier an der Klinik die Auflichtmikroskopie entwickelt und ihre digitale Umsetzung, was die Frühdiagnose des malignen Melanoms enorm vorangebracht hat.

Was würden Sie für sich persönlich als den wichtigsten Durchbruch in der Dermatologie der vergangenen Jahrzehnte bezeichnen?
Wolff: Für mich persönlich war das sicher die PUVA-Behandlung. Immerhin sind über Jahrzehnte Millionen Menschen damit sehr erfolgreich behandelt worden. Ein weiterer Durchbruch war die Entwicklung von Pimecrolimus. Mittlerweile wurden zwischen acht und zehn Millionen Menschen mit Neurodermitis damit erfolgreich therapiert. Und das ist ein Medikament, das hier das Licht der Welt erblickt hat – das heißt nicht hier im neuen AKH, sondern im alten Haus. Das sind für mich sicher die wichtigsten Entwicklungen gewesen. Generell würde ich zu den wichtigsten Durchbrüchen der letzten Jahre auch die Entwicklung der Biologicals nennen. Damit ist es erstmals möglich, mit wirklich relativ wenig Nebenwirkungen und einer sehr simplen Applikationsart schwere Psoriasis-Patienten zwar nicht zu heilen, aber sie in die Remission zu bringen. Wenn man das mit früher vergleicht, da hat man nur geschmiert. Dann hat man Methotrexat gegeben, immer mit der Frage, welche Nebenwirkungen treten auf – dann kam PUVA, das war ein großer Durchbruch, aber kompliziert, denn der Patient musste drei bis viermal pro Woche zur Bestrahlung kommen. Heute ermöglicht die Therapie mit Biologicals, mit subkutanen Injektionen oder Infusionen, eine relativ unkomplizierte Therapie dieser belastenden Erkrankung.

Welche Veränderungen sehen Sie im diagnostischen Bereich?
Wolff: Hier gehört die Frühdiagnostik des Melanoms sicher zur wichtigsten Entwicklung. Als ich begonnen habe, sind von allen Patienten, bei denen ein Melanom diagnostiziert wurde, nach fünf Jahren nur noch 41 Prozent am Leben gewesen. Heute sind es über 90 Prozent. Und das ist wirklich ausschließlich auf die Frühdiagnostik zurückzuführen. Hier haben wir mit der Auflichtmikroskopie jene Kriterien entwickelt, nach denen ein frühes Melanom, das mit dem freien Auge noch nicht als solches erkennbar ist, erkannt und in einem Stadium entfernt werden kann, in dem es noch nicht invasiv ist. Die digitale Auflichtmikroskopie bildete einen weiteren Fortschritt, weil sie einfache Vergleiche ermöglicht. Nehmen wir an, Sie sehen eine verdächtige Stelle und können auch mit der Auflichtmikroskopie nicht 100-prozentig sagen, die muss raus oder die muss nicht raus. Mit der digitalen Auflichtmikroskopie können wir, wenn wir den Patienten nach einem halben Jahr wieder untersuchen, sehr genau sehen, ob und wie sich die verdächtige Stelle verändert hat. Und dann können wir mit fast absoluter Sicherheit sagen, das ist etwas Bösartiges oder nicht.

Sie sind Mitglied in unzähligen nationalen und internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen, in mehreren Akademien der Wissenschaften und haben hohe Positionen in internationalen Gremien innegehabt. Welche war die wichtigste Position für Sie?
Wolff: Ich war fünf Jahre lang Präsident der internationalen Liga der dermatologischen Gesellschaften. Das war die Position, in der ich sehr viel bewegen konnte. Das betrachte ich als wichtig. Auch, weil ich der erste und bisher einzige Österreicher war, der bisher in diese Position gelangt ist.

Sie haben die Universitätshautklinik von 1981 bis 2004 als Vorstand geführt – was waren Ihre Führungsprinzipien?
Wolff: Man muss gewillt sein, ein Beispiel vorzuleben. Das bedeutet, als Erster in der Klinik sein, als Letzter weggehen. Man muss vor allem Menschen und Mitarbeiter mögen. Wenn man das kann, dann lassen sich Mitarbeiter begeistern und ziehen mit. Ich habe auch im täglichen klinischen Alltag nie autoritär entschieden, sondern ich habe immer nach Meinungen gefragt und versucht, die Kollegen zu überzeugen. Und dazu kommt natürlich eines, ich habe ein gutes Gespür gehabt für Menschen. Und habe dadurch wirklich hervorragende Leute rekrutieren können. Mit Ausnahme von Prof. Kerl in Graz gibt es keinen Klinikvorstand, keinen Abteilungsleiter, und mit einer Ausnahme keinen Primarius in Österreich auf dermatologischen Abteilungen, der nicht mein(e) Schülerin war. Ich glaube, dies ist der wesentliche Beweis dafür, dass ich als Klinikchef erfolgreich war.

Macht es Ihnen nach wie vor Spaß, mit PatientInnen zu arbeiten?
Wolff: Ja, sicher. Das war immer das Wichtigste. Deshalb bin ich ja Arzt geworden. Ich mag meine Patienten – ich mag sie und sie mögen mich.

Womit verbringen Sie gerne Ihre Freizeit?
Wolff: Ich spiele Tennis. Ich gehe sehr gerne und oft in die Oper. Ich lese sehr gern. Im Augenblick Franzen, Roth, Eugenides, vorwiegend Amerikaner; aber natürlich auch Österreicher wie Ransmayr, Haslinger, Menasse.

Braucht man einen Ausgleich für ein so intensives Arbeitsleben?
Wolff: Unbedingt. Ich habe eine wunderbare Frau und ein schönes Familienleben. Das ist ein wichtiger Ausgleich, weil es verhindert, dass man einseitig wird, einen Tunnelblick bekommt. Ein derartiger Ausgleich verleiht so manchen Dingen eine andere Dimension.

Sabine Fisch, hautnah 2/2005

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