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Dermatologie 25. Jänner 2006

Mosaiksteinchen im Puzzle

Auf der Suche nach dem Missing Link: Warum sind Allergien für manche Menschen besonders quälend?

Die vollständige Heilung einer Allergie ist immer noch die Ausnahme, wenngleich das Ausmaß durch gezielte Maßnahmen stark herabgesetzt werden kann, vor allem durch Allergenkarenz. So heißt es denn für viele Betroffene: vermeiden, vermeiden, vermeiden. Wer etwa auf Nickel oder Latex mit Hautsymptomen reagiert, wird auf Alternativprodukte ausweichen. Doch oft – beispielsweise bei Nahrungsmittelallergien – ist das leichter gesagt als getan. Dass viele Patienten vor lauter Vermeiden verzweifelt sind, verwundert dann wenig. Gerade bei Allergikern werden öfter Depressionen oder Angststörungen festgestellt. „Eine ängstliche Grundhaltung kann durch die Allergenvermeidung sicher verstärkt werden“, konstatiert die Salzburger Klinische Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Ingrid Kaltenbrunner im Gespräch mit Ärzte Woche-hautnah.

Schlafräuber allergie

Auch raubt das Schniefen und Husten in der Pollenzeit so manchen Heuschnupfenpatienten den Schlaf – und belastet sie weitaus mehr als allgemein wahrgenommen. Eine europaweite Befragung der European Federation of Allergy and Airways Diseases Patient Association (EFA) ergab, dass die Hälfte der Betroffenen mindestens sechs Monate im Jahr unter Symptomen leidet, die sich praktisch auf nahezu alle Lebensbereiche auswirken. Fast 46 Prozent der 3.562 Befragten mit allergischer Rhinitis fühlen sich nach dem Schlaf nicht richtig ausgeruht. So warnte die Deutsche Gesellschaft für Schlafmedizin unlängst vor den möglichen fatalen Konsequenzen. „Dauermüdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten machen effektives Arbeiten nahezu unmöglich“, sagte Prof. Dr. Thomas Penzel von der Uni Marburg. Depressionen und Erschöpfungszustände können sich einstellen, zudem schwinde die natürliche Fähigkeit zur Stressbewältigung. Ein Teufelskreis, denn Allergiker berichten, dass unter Stress die Symptome stärker werden. Die relevanten Pathomechanismen sind noch nicht bekannt, doch etliches deutet darauf hin, dass Nervensystem und Immunsystem miteinander interagieren. Ein Puzzlestein sind offenbar Neurotrophine, Mediatoren, die sowohl von Nerven- als auch von Immunzellen gebildet werden. Bei Allergien werden sie überschießend produziert und bleiben über Tage oder sogar Wochen hinweg wirksam. Der Kortisolspiegel ist hingegen bei manchen Menschen mit Allergien in Stresssituationen geringer als bei gesunden Vergleichspersonen, wie unter anderem Prof. Dr. Clemens Kirschbaum, Biopsychologe an der Technischen Universität Dresden, in Untersuchungen gezeigt hat. Nach heutigem Wissensstand ist Kortisol das stärkste Immunsuppressivum, das der menschliche Körper produziert, und übt gleichzeitig nachhaltige Effekte auf zentralnervöse Strukturen aus. Eine zu geringe Produktion des Hormons wird mit der Entstehung von chronisch-entzündlichen Prozessen in Zusammenhang gebracht. Andere Untersuchungsergebnisse, wie die des Psychiaters Dr. Ramin Mojtabai von der New Yorker Columbia University, weisen auf gemeinsame genetische Ursachen von psychiatrischen Störungen und Allergien hin. Mojtabais Studie mit mehr als 9.000 Familien ergab, dass das Allergie-Risiko von Kindern um 67 Prozent höher ist, wenn ihre biologischen Mütter an Depressionen leiden, um 46 Prozent ist es erhöht, wenn die Mutter Panikattacken hat. Mojtabai spekuliert, dass die Ursache in Mutationen der mitochondrialen DNA liege, die sowohl bei Atopien als auch bei bipolaren Störungen festgestellt wurden.

Konditionierung

Umgekehrt fanden Forscher der Kaiser- Permanente-Stiftung in Oakland in einer Studie mit 88.000 Kindern, dass sich das Autismus-Risiko verdoppelt, wenn werdende Mütter Allergikerinnen sind. Ob der Zusammenhang in den Erbanlagen festgeschrieben ist oder ob das mütterliche Immunsystem zur Abwehr der eigenen Krankheit vermehrt Zytokine produziert, die der Entwicklung des fetalen Gehirns schaden, können die Wissenschaftler noch nicht sagen. Wie sehr die Psyche in allergische Reaktionen hineinagiert, zeigen auch Beobachtung- gen, dass sich Niesattacken und Augenjucken bei manchen Allergikern allein schon beim Ansehen eines Fotos – etwa einer Katze oder einer blühenden Birke – auslösen lassen. Sozusagen ein klassischer Fall von Konditionierung, die allergische Reaktion läuft dann quasi reflexartig ab. Um die lästigen Beschwerden einzudämmen, brachte Prof. Dr. Wolf Langewitz, Geschäftsführender Leiter der Psychosomatik am Unispital Basel, 79 Allergikern Techniken zur Selbsthypnose bei. Sie mussten sich zuerst in Trance versetzen und dann mental an einen Ort ohne Pollenflug gehen – einen Strand oder eine Schipiste: Die Symptome und auch das allgemeine Wohlbefinden besserten sich um fast ein Drittel, was allerdings auch auf einem Placebo-Effekt beruhen könnte, wie der Schweizer Forscher in der Zeitschrift „Psychotherapy and Psychosomatics“ einräumte.„Eine Psychotherapie-Methode der Wahl, um den Umgang mit belastenden Situationen, die allergische Symptome verstärken können, zu lernen, gibt es nicht“, so Kaltenbrunner. Zusätzlich zur Gesprächstherapie kann die Arbeit mit Symbolen (bildnerischer Ausdruck, Bewegung, Träume usw.) förderlich sein, um bestehenden Konflikten des Patienten auf die Spur zu kommen. Denn oft sei die Allergie selbst gar nicht so dramatisch, eine instabile Persönlichkeit werde durch die Symptome aber stark beeinträchtigt. „Wenn die Krankheit das Leben bestimmt, ist es höchste Zeit, neben der medikamentösen Therapie auch etwas für die Seele zu tun.“

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