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Dermatologie 25. Jänner 2006

Allergie und Psyche

Dass der Gemütszustand kräftig auf allergische Symptome einwirken kann, wird oft berichtet. Insgesamt ist die Datenlage jedoch eher dürr.
Von Dr. Thomas Hawranek, Salzburg

Unbestritten ist, dass Stress als Verstärker von allergischen Symptomen wirkt, besonders beim Asthma bronchiale und bei der atopischen Dermatitis (AD) ist dies ausreichend belegt. Bei der AD beispielsweise kann es so auch im Sinne eines Circulus vitiosus (Ekzem – Stress wegen des Ekzems – stärkeres Ekzem – stärkerer Stress etc.) zu einer eigendynamischen Verschlechterung kommen. Auch bei einer anderen häufigen Hauterkrankung, der Urtikaria, wird Stress als Auslöser bzw. Verstärker beschrieben, allerdings gibt es sehr wenige kontrollierte Studien, auch lässt sich die Kausalität schlecht nachweisen.Einige Studien berichten über Zusammenhänge zwischen Stress, Unruhe oder Depression und dem Auftreten einer chronisch rezidivierenden „idiopathischen“ Urtikaria. Umgekehrt wurden vermehrt Depressionen und Unruhe bei Patienten mit chronischer Urtikaria beobachtet, was verständlich erscheint.

Ursache oder Wirkung?

Studien, die den Erfolg von Psycho-, Gruppen-, Verhaltenstherapie und Ähnlichem untermauern, sucht man vergebens, jedoch gibt es Berichte zu Entspannungstechniken, in erster Linie Hypnose. Die Wirksamkeit von trizyklischen Antidepressiva in schweren Fällen beruht in erster Linie auf ihrer H1-Blockade, was wiederum nicht zeigt, ob die Depressionen Ursache oder Wirkung der Urtikaria sind. Sonst ist die Datenlage eher dürr. Es gibt Untersuchungen zu allgemein vorstellbaren Mechanismen: So erhöht Stress bei Ratten spezifisches IgE. Beim Menschen vermehrt die Freisetzung von VIP (vasoaktives intestinales Peptid) IgE (Hassner et al., J Allergy Clin Immunol 1993:92(6):891-901).

Stress als Auslöser

Stress triggert die Mastzelldegranulation über SP (Substanz P), VIP (Singh et al., J Pharmacol Exp Ther 1999:288: 1349-56; Brain Behav Immun 1999:13:225-39, Chaen et al., Ann Otol Rhinol Laryngol 1993:102(1 Pt 1):16-21) und NGF (nerve growth factor) sowie CNTF (ciliary neurotrophic factor, Kimata, Int J Hyg Environ Health 2004:207(2):159-63) und BDNF (brain-derived neurotrophic factor, Kimata, Neuropeptides 2005: Epub ahead of print). Stress, etwa in Prüfungssituationen, verschiebt die Immunantwort Richtung TH2-Zytokine, d.h., es können vermehrt IL-4, IL-5, IL-6, IL-10, IL-13 nachgewiesen werden, im Gegensatz dazu werden die TH1-Zytokine IL-2, IL-12 und IFNg vermindert (Kang et al., Res Nurs Health 2001:24(4):245-57). Dr. Hajime Kimata vom Department of Allergy des Satou Hospitals im japanischen Hirakata veröffentlicht seit einigen Jahren laufend Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Allergien und Emotionen oder Stress. Neben der Quaddelgröße untersucht er auch IgE-Spiegel und Zytokine sowie Neuropeptide bei Patienten mit atopischer Dermatitis im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe, oft auch im Vergleich zu Patienten mit allergischer Rhino-Konjunktivitis. Dabei ist auffällig, dass sich nur bei den Neurodermitis-Patienten Auswirkungen von Stress oder beruhigend wirkenden Umständen auf die Erkrankungssymptome zeigen. Die Quaddelgröße verändert sich in positiver oder negativer Richtung auch nur bei den allergenspezifischen Tests (z.B. Latex, japanische Zeder, Hausstaubmilbe), hingegen nicht bei den histamininduzierten Positiv-Testkontrollen. Untersucht wurden sowohl allergieverstärkende als auch allergiemindernde Einflüsse (siehe Kasten). Auch gibt es eine Hypothese, die besagt, mütterlicher Stress während der Schwangerschaft könne sich im Sinne einer „TH2-lastigen“ Differenzierung des sich entwickelnden Immunsystems beim Kind auswirken, was eine weitere Erklärung für die mit dem westlichen Lebensstil verbundene Häufigkeit allergischer Erkrankungen wäre (von Hertzen, J Allergy Clin Immunol 2002: 109(6):923-8).

Die Wirkung von Hypnose

Der kürzlich erschienene Schweizer Artikel zur Selbsthypnose bei Pollinose (Langewitz et al., Psychotherapy and Psychosomatics 2005:74:165-72) berichtete über eine Linderung der Symptome von Gräser- und Baumpollenallergikern um bis zu einem Drittel, wenn sich die Patienten durch Selbsthypnose gedanklich in eine allergenfreie Umgebung, etwa auf einen Schihang oder einen Strand, versetzten. Allerdings lässt sich nicht ausschließen, dass diese Wirkung allein durch die Erwartung des Patienten zustande kam und weniger durch die Hypnose selbst (meines Wissens liegt die Placebowirkung ebenfalls etwa in diesem Bereich). Schon 2001 untersuchte eine andere Studie (Zachariae et al., Allergy 2001: 56(8):734-40) den Einfluss von mittels Hypnose ausgelösten Emotionen wie Traurigkeit, Zorn oder Glücklichsein auf die Hautreaktion auf Histamin und fand eine geringere Rötung nach ein bis drei Minuten bei den Zuständen Glücksgefühl und Zorn, ohne dass die Quaddelgröße beeinflusst wurde. Meines Erachtens ist die Aussagekraft dieser Studie jedoch eher gering, auch da die Quaddelbildung und nicht nur die Rötung für die Abschätzung einer allergischen Sensibilisierung relevant ist.

Depression der Mutter: Zusätzlicher Risikofaktor?

Ebenfalls kürzlich erschien eine Studie (Mojtabai, Psychosom Med 2005:67:448-53), die häufiger allergische oder asthmatische Beschwerden bei Kindern von leiblichen Eltern (besonders deutlich von Müttern) mit Depression, Angststörung oder Panikattacken fand, was auf genetische Ursachen zurückgeführt wurde, da sich dieser Effekt bei Adoptivkindern nicht zeigte. Dieser Einfluss scheint additiv zum Risikofaktor atopische Eltern hinzuzukommen. Den umgekehrten Schluss sozusagen zieht eine andere Untersuchung, die über vermehrte Dysphorie und Müdigkeit bei Ragweedallergikern gegenüber einer gesunden Kontrollgruppe berichtet, was aber wiederum nicht besonders verblüffend ist (Marshall et al., Psychosom Med 2002: 64(4):684-91; ähnlich Kovács et al., J Psychosom Res 2003:54:549-57). Kinder mit Pollinose scheinen während der 17 folgenden Jahre mehr als doppelt so häufig wie nichtallergische Kinder eine depressive Episode zu erleiden (Cohen et al., Am J Epidemiol 1998:147:232-9), bei erwachsenen Pollenallergikern war doppelt so häufig im Verlauf des vergangenen Jahres eine Depression diagnostiziert worden (Hurwitz et al., Am J Epidemiol 1999:150(10):1107-16). Der Effekt einer Nahrungsmittelallergie auf das Zentralnervensystem ist oftmals beschrieben, er soll sich zum Teil als Verhaltensänderung äußern. Ei-allergische Mäuse reagierten auf eine Provokation mit oralem Ovalbumin mit Angst, vermehrter Gehirnaktivität im für Verhalten zuständigen Areal sowie einer Aversion gegen die ovalbuminhältige Lösung, was mit der Induktion einer oralen Toleranz bzw. Anti-IgE-Antikörpern rückgängig gemacht werden konnte (Basso et al., J Neuroimmunol 2003: 140:69-77). Ganz interessant ist schließlich der im Journal of Allergy and Clinical Immunology (Kelso et al., 2003:111:650-1) präsentierte Fall einer „psychosomatischen Erdnussallergie“. In einem placebokontrollierten Versuch wurden einer vermeintlichen Allergikerin Erdnüsse verabreicht, ohne dass sie es wusste. Sie reagierte mit keinerlei allergischen Symptomen – auch dann nicht mehr, als sie nach Entschlüsselung des Tests realisierte, dass sie die Erdnüsse „in versteckter Form“ toleriert hatte. Ein endgültiger Schluss, wie sich die psychische Befindlichkeit auf Allergien auswirkt, kann aus diesen Studien nicht gezogen werden. Fakt ist, dass insgesamt ausgeglichene Menschen, die mit Stress umgehen können, auch besser mit ihrer Allergie zurechtkommen.

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Elisabeth Tschachler-Roth, hautnah 3/2005

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