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Dermatologie 25. Jänner 2006

Der Psycho-Faktor

Seelenspiegel Haut – eine alte Volksweisheit bekommt wissenschaftlichen Hintergrund

Dass Gedanken und Gefühle den Gesundheitszustand beeinflussen können, ist keine neue Erkenntnis. Doch was bis vor kurzem noch in den Bereich der Esoterik verbannt wurde, ist mittlerweile eine von der Laienpresse süffig verbreitete Binsenweisheit geworden – die immer mehr wissenschaftliche Untermauerung erfährt. Immerhin 16 Millionen Dollar hat die US-Regierung dieses Jahr für Forschungen auf dem Gebiet der so genannten Mind-Body-Medizin lockergemacht. Denn auch wenn Pathologen und Gehirnforscher, Psychoneuroimmunologen und Endokrinologen auf der ganzen Welt bemüht sind, die biochemischen Mechanismen hinter den Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körper zu entschlüsseln, liegt doch das meiste noch im Dunkeln.

Streichelfaktor

„Kein anderes Organ des menschlichen Körpers ist so intensiv mit seelischen Faktoren verknüpft wie die Haut“, sagt Prof. Dr. Fritz Gschnait, Vorstand der Hautabteilung und ärztlicher Direktor im Krankenhaus der Stadt Wien-Lainz, in seinem Buch „Haut und Seele“. Über die Haut, zugleich Abgrenzungs- und Kommunikationsorgan, erfährt der Mensch Zuneigung und Stimulation und tritt in Nahkontakt mit seiner Umwelt. Dass Frühchen besser gedeihen, wenn sie nicht nur im Brutkasten liegen, sondern auch gestreichelt werden, wurde in etlichen Untersuchungen gezeigt. Anthropologen haben gesehen, dass es in Kulturen, in denen sich die Menschen öfter berühren und küssen, seltener zu Aggressionen und Gewalt kommt. Schon im 13. Jahrhundert zeigte ein Experiment Kaiser Friedrichs II. die weit reichenden Folgen mangelnden Hautkontakts: Auf der Suche nach der natürlichen, angeborenen Sprache ließ der Kaiser, auch bei anderen „Menschenversuchen“ nicht zimperlich, einige Säuglinge in völliger Abgeschiedenheit aufwachsen. Die Ammen durften ihnen nur zu trinken geben, sie ansonsten aber nicht berühren. Die Ursprache fand Friedrich damit nicht heraus: Die meisten Probanden des grausamen Versuchs starben noch als Kinder. Sie verkümmerten, ihnen fehlten die Reize des Hautkontaktes. Möglicherweise wurde durch den Mangel an Berührung das Immunsystem nicht richtig ausgebildet, meinen Experten heute. Mindestens einen Schritt ist man der wissenschaftlichen Erklärung des Streichelfaktors schon näher gerückt. Im Jahr 2002 kam eine schwedische Forschergruppe um Dr. Hakan Olausson von der Universitätsklinik Salgrenska in Göteborg einem hauteigenen Nervengeflecht, dem C-taktilen (CT-) Netzwerk, auf die Spur: Eine Patientin, die krankheitsbedingt Berührungen nicht bewusst spüren konnte, empfand erstaunlicherweise das Streicheln mit einem weichen Pinsel als angenehm. Wie sich in der Magnetresonanz darstellte, funkte das CT-Netz den sanften Hautreiz über seine extrem langsam leitenden Nervenfasern nicht an den bewussten Teil des Gehirns, sondern an das Gefühlszentrum. Der Effekt: Die Patientin spürte zwar nichts, fühlte sich aber insgesamt entspannter. Wahrscheinlich, so Olaussons Schluss in der in „Nature Neuro science“ publizierten Arbeit, sei das CT-Netzwerk nicht nur für die Übermittlung von Gefühlen zuständig, sondern auch für die Signalübertragung zur Ausschüttung des in der Hypophyse gebildeten Neuropeptids Oxytozin. Das Hormon, das die Milchejektion der stillenden Mutter auslöst und auch beim Orgasmus durch den Körper flutet, hat opiumartige Wirkungen und führt nicht nur zu wohligen Schauern, sondern fördert auch intensive emotionale Bindungen.

Immunsystem und Nerven

Auch wenn die Kommunikationswege zwischen dem weiten Land der Seele und dem größten Organ des Menschen verschlungen und größtenteils noch unerforscht sind: Bekannt ist, dass das Immunsystem auf neurochemische Signale von Hormon- und Nervensystem reagiert – und damit chronische Hautkrankheiten verschlimmern kann. Vor allem bei der Neurodermitis gibt es dazu etliche aussagekräftige Daten. Psychischer Stress – und das ist nicht bloß die viel zitierte Hektik am Arbeitsplatz, sondern jede Form von Belastung, die den Einzelnen unter Druck setzt – führt bei Patienten mit atopischer Dermatitis zu einem raschen transienten Anstieg peripherer eosinophiler Granulozyten, CD8+/CD11b+- und CLA+-T-Lymphozyten. Zusätzlich ändert sich, wie Prof. Dr. Gerhard Schmid-Ott von der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie am Zentrum für Psychologische Medizin der Medizinischen Hochschule Hannover festgestellt hat, unter Stress das Zytokin- und Hormonprofil mit einer gesteigerten Produktion von Interferon (IFN)- und Interleukin (IL)-5 sowie einer reduzierten Freisetzung von Kortisol im Vergleich zu Gesunden. Eine weitere Änderung des Zytokinprofils unter Stress wurde durch eine erhöhte Zahl der IFN-gamma+CD4+- und CD8+-Lymphozyten gezeigt. Das Immunsystem- stimulierende IFN-gamma hält die Entzündung aufrecht oder verstärkt sie sogar. Diese Daten unterstützen laut Schmid-Ott die Annahme, dass die immunologischen Veränderungen genauso wie die mögliche Suppression der hypothalamo-hypophysär-adrenergen Achse (HPA), die Kortisol freisetzt, zur Entzündung der Haut bei der atopischen Dermatitis beitragen. Als am 17. Januar 1995 ein sekundenlanges Beben die japanische Millionenstadt Kobe erschütterte, wurden nicht nur 150.000 Gebäude verwüstet. Obwohl die Bevölkerung äußerst diszipliniert auf die Zerstörungen und die anschließenden Probleme reagierte, hinterließ die Naturkatastrophe auch bei jenen, die unverletzt geblieben waren, Spuren: In Untersuchungen von Prof. Atsuko Kodama von der Universitäts-Hautklinik in Kobe zeigte sich, dass bei Neurodermitis-Kranken die Hautentzündungen unmittelbar nach der Katastrophe neu aufgeflammt waren. Allerdings nicht bei allen, sondern bei rund 40 Prozent. Und: Interessanterweise wurden bei zirka sieben Prozent die Hauterscheinungen nach der Extrembelastung sogar besser. Das mag daran liegen, dass bei der atopischen Dermatitis eine intrinsische und eine extrinsische Form unterschieden werden kann, die unter anderem durch einen erhöhten basalen IgE-Serum-Level charakterisiert ist. Der stressinduzierte Anstieg von IL-4+T-Lymphozyten konnte bisher nur bei Patienten mit hohem IgE, nicht aber bei solchen mit niedrigem IgE oder bei gesunden Kontrollpersonen beobachtet werden.

Psychosomatische ­Hintergründe

So sind, was die Auswirkungen von Stress auf die Haut betrifft, noch viele Fragen offen. Etwa auch die, ob Belastungssituationen auch bei Menschen die Wundheilung verzögern können, wie das unlängst Dentalforscher vom UIC College of Dentistry an Mäusen beobachtet haben – und zwar gleich um 45 Prozent. Auch ob gewisse Krankheiten in ihrer Entstehung einen psychosomatischen Hintergrund haben, ist meist nicht leicht nachzuweisen. Bestimmte Merkmale der Persönlichkeit, psychische Strukturen oder Defizite in der Verarbeitung von alltäglichen Ärgernissen, Krisen in der Partnerschaft oder Problemen am Arbeitsplatz werden in Studien für gewöhnlich erst dann festgestellt, wenn der Betroffene bereits erkrankt ist. Ursache und Wirkung ist da schwer auseinander zu halten. Zudem gibt es – je nach Krankheitsbild – auch erst vereinzelte Untersuchungen, wie etwa gezieltes Stressmanagement oder Entspannungsmethoden den Hautzustand beeinflussen. Allerdings, so hat der Psychiater Dr. Walter Pöldinger, emeritierter Vorstand der Psychiatrischen Universitätsklinik in Basel, schon vor Jahren beobachtet, kann durch ein erhöhtes Stimmungsbarometer eine bessere Compliance in der dermatologischen Behandlung und damit eine Besserung des Hautbildes erreicht werden. Dass Hauterkrankungen, vor allem chronische, den Gemütszustand der Betroffenen arg belasten können, steht außer Zweifel. Die Sichtbarkeit gibt ihnen eine besondere psychosoziale Dimension. Neben der empfundenen Entstellung können auch die Reaktionen der zuweilen wenig einfühlsamen Mitmenschen eine Rolle spielen und weitere Wunden in die Seele der Patienten schlagen. Hier rechtzeitig helfend einzugreifen kann die Lebensqualität von Hautkranken erheblich steigern. Das geschieht etwa in psychodermatologischen Ambulanzen wie am Wiener AKH. Am Berliner Vivantes Klinikum wurde im Vorjahr eine psychodermatologische Tagesklinik eingerichtet. „Oft hilft schon das erste Gespräch“, sagte der leitende Oberarzt Doz. Dr. Wolfang Harth bei der Eröffnung. Nur zwei Prozent der Patienten bräuchten eine Langzeit-Psychotherapie. Und: Dreimal so viele Frauen wie Männer suchen die Sprechstunde auf. Laut Harth läge das nicht daran, dass Männer weniger Probleme hätten. Aber „sie versuchen eher, sie im Biergarten zu lösen“.

Elisabeth Tschachler-Roth, hautnah 3/2005

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