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Dermatologie 25. Jänner 2006

Die Bedürfnisse von Haut und Seele erkennen

Die psychodermatologische Praxis orientiert sich am Wohl des Patienten

Hauterkrankungen und Juckreiz wechseln oft an Intensität: Mal sind sie stärker oder schwächer ausgeprägt, anders lokalisiert oder beschaffen und werden nicht immer als gleich belastend empfunden. Die sensiblen Reaktionen der erkrankten Haut auf körperliche oder psychosoziale Einflüsse werden dem Patienten nicht immer bewusst. Die Haut als Grenze zwischen innen und außen reagiert nicht nur auf äußere Einflüsse (trockene Luft, Chemikalien, Irritantien usw.), sondern auch auf innere „Klimafaktoren“. Ein Wohlfühlklima für Haut und Mensch ist das erklärte Ziel von Dr. Renate Simma, Hautärztin und Psychotherapeutin in Linz und Vöcklabruck. Dabei geht sie mitunter auch unkonventionelle Wege. Die Anleitung zur Selbstbeobachtung der Haut und ihrer Reaktionen insbesondere auf entlastende Situationen steht im Zentrum ihres Therapiekonzepts. So lautet eine ihrer Fragen an ihre Patienten: Wie muss das innere Klima beschaffen sein, damit es der Haut gut geht? Meist kommen Antworten wie: innere Ruhe, Gelassenheit, Zufriedenheit. Hilfreich ist es dann, Patienten eine Beobachtungsaufgabe zu geben, in denen sie auf einer Skala zwischen 0 und 10 den (vorher durch Befragung eruierten wünschenswerten Zustand wie Ruhe) Wert eintragen – parallel dazu auch den Zustand der Haut (Juckreiz zwischen 0 und 10). Simma: „So wird die Wahrnehmung für die Bedürfnisse der Haut geschärft. Der Patient soll erkennen, welches Klima seine Haut braucht, um sich wohl zu fühlen. Danach geht es an die Umsetzung der Rahmenbedingungen.“

Im ­Vordergrund steht die Hilfe

„Die Diagnose eines Konfliktes oder einer psychodermatologischen Erkrankung beinhaltet immer auch eine implizite Schuldzuweisung für den Patienten. Besonders wenn Kinder betroffen sind, kann dies die Eltern zusätzlich unter großen Druck setzen“, erklärt Simma. Die früher übliche Diagnose der „Neurodermitis-Mutter“ wird beispielsweise heute vermieden: „Die Mutter eines Kindes mit Neurodermitis hat oft Schuldgefühle. Hier gilt es, Eltern und Kinder zu entlasten. Ein in der Praxis bewährter Ansatz ist, mit der Empfindlichkeit der kindlichen Haut zu argumentieren, daran tragen die Eltern keine Schuld. Im zweiten Schritt versuche ich, die Bezugspersonen anzuleiten, darauf zu achten, was der Haut des Kindes gut tut“, umschreibt Simma ihren therapeutischen Ansatz: „Vielfach können auslösende und verstärkende Momente erfasst und beeinflusst werden. Ein Beispiel: Der Juckreiz des Kindes ist sehr quälend. Im Gespräch mit der Mutter kristallisiert sich heraus, unter welchem Druck die Mutter steht. Sie leidet unter den kritischen Blicken der Großmutter auf die ‚schlechte Haut‘ des Kindes. Eine deutliche Besserung ist zum Beispiel im Urlaub gegeben. Es zeigt sich, dass es auch der Haut des Kindes gut tut, wenn es der Mutter gut geht.

Konfliktsituationen wahrnehmen

Simma geht bei der psychosozialen Anamnese stets behutsam und zurückhaltend vor: „Vielfach ist es gar nicht hilfreich, auf psychische Fragen zu fokussieren. Bei einer unkomplizierten Akne etwa werde ich ausschließlich mit einer geeigneten Medikation therapieren, außer, was nicht selten vorkommt, wenn der Patient psychische Hintergründe erfragt. ‚Psychologisieren‘ bringt den Patienten nicht weiter, verstärkt oft ein Schuldgefühl und das Gefühl der Hilflosigkeit. Vieles aus der alten, analytischen Sichtweise erlebe ich im Alltag als kontraproduktiv.“ Die ärztliche systemische Psychotherapie orientiert sich an den Bedürfnissen des Patienten. Was will und braucht er von ärztlicher und psychotherapeutischer Seite? Simma: „Ich muss über die Lebenssituation des Betroffenen Bescheid wissen und helfe dann eventuelle innerpsychische Konflikte wahrzunehmen.“ Erlebte Krankengeschichten können diese Konflikte gut widerspiegeln: etwa die Situation eines jungen Handwerkers mit starker Neurodermitis vor allem an den Händen. Er fühlte sich seinen Eltern verpflichtet, deren Betrieb weiterzuführen, war darüber aber vollkommen unglücklich. Eine andere Fallgeschichte mit einem Konflikt zwischen eigenen Bedürfnissen und dem Gefühl einer Verpflichtung ist jene einer Pädagogin mit Urticaria: Ihre Mutter hatte ihr einen Arbeitsplatz vermittelt, an dem sie Konflikte mit Kollegen durchmachte. Aus Dankbarkeit und Loyalität der Mutter gegenüber wollte sie die Stelle nicht kündigen. Simma: „Ein vierwöchiger Krankenstand brachte der Frau eine abrupte Besserung der Symptomatik. In weiterer Folge entschloss sie sich, ein neues Stellenangebot anzunehmen.“ Nicht immer müssen die Veränderungen so weit reichen. Ausgedehnte Ruhe- und Urlaubsphasen können dem Patienten Zeit zur Wahrnehmung seiner Bedürfnisse geben. Ein anderer Ansatz besonders bei Atopie und Urticaria kann eine Umstellung der Ernährung sein. Simma: „Eine diagnostizierte Nahrungsmittelunverträglichkeit gibt Betroffenen das Gefühl der Kontrolle über die Hauterkrankung – man kann etwas tun bzw. etwas meiden. Dieses Kontrollerleben hat in der Praxis einen sehr beruhigenden Effekt, der nicht selten über die Wirkung der Diät hinausgeht.“

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