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Dermatologie 25. Jänner 2006

Sich in seiner Haut wohl fühlen

Ein neuer Qualitätszirkel „Haut und Psyche“ will die Vernetzung von Dermatologen, ­Psychologen und Psychotherapeuten fördern

Die Haut ist in weit höherem Maß psychosomatisch orientiert, als allgemein angenommen, meint Prim. Dr. Manfred Stelzig, Leiter des Sonderauftrages für psychosomatische Medizin am St. Johanns Spital in Salzburg. Freilich besteht längst nicht bei jedem Patienten eine psychische Überlagerung. Doch gerade chronisch kranke Menschen brauchen neben der dermatologischen Behandlung manchmal Unterstützung in der Bewältigung ihres Leidens. In Salzburg haben sich Psychotherapeuten und Dermatologen zu einem Qualitätszirkel „Haut und Psyche“ zusammengeschlossen. Im Gespräch mit Ärzte Woche-hautnah erläutert Stelzig, dass dabei neben der Vernetzung zwischen Ärzten und Therapeuten die Bewusstseinsbildung über die seelischen Komponenten von Hautkrankheiten im Vordergrund stehen.

Was ist das Ziel des Qualitätszirkels?

Stelzig: Es ist für Ärzte in der Praxis oft schwierig, Patienten etwa mit einem kardiologischen, onkologischen oder eben dermatologischen Problem, das psychisch überlagert ist, einen darauf spezialisierten Therapeuten zu empfehlen. Für die Psychosomatik aber liegt die Zukunft genau in dieser Spezialisierung. Dazu kommt, dass die Krankenhausaufenthalte immer kürzer werden, gleichzeitig aber die Zahl der Zuweisungen von Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen steigt und der Spitalserhalter aus verständlichen Gründen keine ambulante Psychotherapie anbieten will. Das Ziel dieser Qualitätszirkel – es gibt bereits welche für Herz, Krebs und Essstörungen – ist, die niedergelassenen Fachärzte und Allgemeinmediziner mit Psychotherapeuten und Psychologen, die sich alle mit derselben Fragestellung beschäftigen, zu vernetzen. Es soll Vertrauen aufgebaut werden und gemeinsame Fallbesprechungen und Fortbildungsveranstaltungen geben.

Warum gerade ein Qualitätszirkel für Hautkrankheiten?

Stelzig: Die Haut ist ein hoch psychosomatisches Organ. Sie ist die Abgrenzung nach außen, gleichzeitig aber auch Kommunikations- und Ausdrucksorgan. Man schwitzt aus Angst, wird rot vor Zorn, erbleicht vor Schreck. Viele Patienten mit chronischen Hautkrankheiten wie Neurodermitis berichten, dass belastende Ereignisse Krankheitsschübe auslösen oder verschlimmern. Sicher gibt es keine hundertprozentig psychosomatisch bedingte dermatologische Erkrankung. Aber die Trigger sind oft Überforderung, Life Events wie Arbeitslosigkeit oder auch die Tatsache, dass sich die Betroffenen nicht abgrenzen können gegen die Ärgernisse des Alltags. Es geht ihnen sozusagen alles unter die Haut. Die Folge ist, dass sie am liebsten aus der Haut fahren würden. Dieser Aspekt wird meines Erachtens noch zu wenig berücksichtigt. Ich habe beispielsweise unlängst eine Patientin mit primärem Pruritus behandelt, sie war am ganzen Körper zerkratzt, konnte nicht schlafen. Es stellte sich heraus, dass sie gerade eine äußerst schwierige Phase durchmachte. Sie war dabei, sich scheiden zu lassen, ihr Mann weigerte sich, auf die geforderten Unterhaltszahlungen einzugehen. Sie konnte an nichts anderes mehr denken, war vollkommen eingeschränkt. Der Teufelskreis Juckreiz – Kratzen – Schlaflosigkeit – Fokussierung auf ein Problem musste durchbrochen werden. Da kann einerseits eine medikamentöse Therapie etwa mit Antidepressiva helfen, andererseits therapeutische Unterstützung lehren, sich abzugrenzen und den Blick auf das Schöne im Leben, das es trotz aller Probleme gibt, nicht zu verlieren.

Wie reagieren die Patienten, wenn ihnen psychotherapeutische Hilfe nahe gelegt wird? Besteht nicht die Gefahr, dass sie sich mit ihrer Erkrankung nicht ernst genommen fühlen oder dass sie meinen, es handle sich um eine Verlegenheitsdiagnose?

Stelzig: Die meisten Patienten sind heilfroh, wenn man auch seelische Komponenten anspricht. Keinesfalls sollte man als Arzt sagen: „Das könnte psychisch bedingt sein.“ Gerade Menschen mit dermatologischen Erkrankungen reagieren äußerst sensibel, sie tragen ihre Krankheit ja gewissermaßen zur Schau. Manche fühlen sich durch auffällige Hautveränderungen entstellt und gebrandmarkt. Es geht darum, sie mit ihrer Krankheit zu versöhnen, sie nicht noch zusätzlich mit einem „psychischen Problem“, damit, dass sie ihr Leben nicht im Griff haben, zu stigmatisieren. Das Ziel ist, dass sie sich im wahrsten Sinn des Wortes in ihrer Haut wohl fühlen. Wenn man Stress anspricht oder den Umstand, dass die Hautkrankheit ein körperlicher Ausdruck dafür sein könnte, dass sie sich schlecht abgrenzen können, oder dass Überforderung Krankheitsschübe auslösen kann, und den Patienten dann einen Termin beim Psychologen vorschlägt, willigen die meisten ein. Es soll ja auch nicht so sein, dass die Betroffenen nur mehr zum Psychotherapeuten gehen und sich beim Hautarzt nicht mehr blicken lassen. Wichtig ist vielmehr die Zusammenarbeit der Behandler.

Bis vor wenigen Jahren wurde von einer „Krebspersönlichkeit“ oder von einer „Ulkuspersönlichkeit“ gesprochen. Es hieß, Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen seien prädisponiert für gewisse Krankheiten. Beides musste revidiert werden. Auch populärwissenschaftliche Autoren bringen gern psychische Probleme in Zusammenhang mit der Entstehung von Krankheiten. Wie sehen Sie das?

Stelzig: Es gibt keinerlei Persönlichkeitszüge, die die Ursache einer Krankheit sind. Aber wenn man sich die Vorgeschichten z.B. von Patienten mit so unterschiedlichen Erkrankungen wie Morbus Crohn, Herzinfarkt oder Psoriasis ansieht, fällt auf, dass sie sich oft erstaunlich ähneln: Diese Menschen stehen unter Dauerstress, der dann eben Verschiedenes auslösen kann. Stress kann bei jedem durch etwas anderes hervorgerufen werden. Deshalb ist es wichtig, dass der Betroffene die psychosomatische Sprache versteht. Im konkreten Fall: „Was will meine Haut mir sagen?“ Denn vieles läuft ja unbewusst ab.

Was sind die Therapieansätze? Manche Menschen brauchen acht Jahre Psychoanalyse, um ihren inneren Konflikten auf die Spur zu kommen.

Stelzig: Die moderne Psychoanalyse ist sowohl analytisch als auch lösungsorientiert. Es gilt, die Zusammenhänge und gegenseitige Beeinflussung von Körper und Seele zu erkennen. Menschen mit chronischen Hautkrankheiten wissen meist, wie sich der nächste Schub ankündigt: „Es fängt damit an, dass ich nicht schlafen kann. Nach ein paar Tagen blüht die Haut.“ Auf der Haut spielt sich also etwas ab, aber sie haben selbst keinen Einfluss darauf. In der Therapie lernt der Patient, sich selbst zu beobachten, Zusammenhänge herauszufinden und rechtzeitig gegenzusteuern – das, was man neudeutsch „Empowerment“ nennt. Die erwähnten Schlafstörungen können das erste Zeichen einer Überlastung sein. Wenn der Patient dann in der Lage ist, Entspannung zu finden, etwa mit autogenem Training, so kann er handeln und hat nicht mehr das Gefühl, der Krankheit hilflos ausgeliefert zu sein. Das kann Schübe hinauszögern oder verringern. Gleichzeitig lernt er aber auch, fürsorglich für seine eigene Person zu denken, seine Ressourcen auszuschöpfen und besser mit der Krankheit umzugehen. Beispielsweise indem er sich einen mentalen Wohlfühlort schafft, das kann ein Strand mit Palmen sein oder eine andere Landschaft. Dorthin kann er sich dann geistig zurückziehen, die Ruhe genießen und Kraft gewinnen, wenn es im täglichen Leben mal wieder hart auf hart geht.

Der Zusammenhang von Psyche und Körper steht für viele im esoterischen Bereich. Mit der Behauptung, dass Krankheiten allein durch die Stärkung der Psyche heilbar wären, wurde und wird viel Unfug und unnötiges Leid angerichtet. Werden Sie mit diesem Vorwurf konfrontiert?

Stelzig: Ich hoffe, die psychosomatische Medizin wird nicht in das esoterische Eck gerückt. Wichtig ist, den biopsychosozialen Aspekt zu berücksichtigen. Psychosoziale Belastungen wie finanzielle Not, Beziehungsschwierigkeiten oder Druck am Arbeitsplatz können durchaus biomedizinische Auswirkungen haben. Allerdings geht es in der Therapie zuweilen um, wenn man will, transzendente Themen. Es ist nahe liegend, dass sich etwa Menschen, die mit der Diagnose Krebs konfrontiert werden, auch nach dem Sinn ihres Lebens fragen. Mit ihnen Gespräche darüber zu führen, kann sehr entlastend für sie sein. So sind sie oft froh, wenn sie einen unerschrockenen Therapeuten vor sich haben, der mit ihnen z.B. eine Zeitreise in die Zukunft macht und schaut, wo beide, nämlich Patient und Therapeut, in hundert Jahren sein werden.

Elisabeth Tschachler-Roth, hautnah 3/2005

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