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Dermatologie 25. Jänner 2006

Psoriasis – eine tägliche Belastung

70 Prozent aller Psoriasis-Patienten fühlen sich durch ihre Erkrankung stark beeinträchtigt

Juckreiz, Schuppung und entstellende Hautveränderungen bringen erheblichen psychischen Druck, aber oft auch soziale Komplikationen durch Unverständnis in der Gesellschaft mit sich. Sie drängen Betroffene in ein Vermeidungsverhalten, das bis zum kompletten Rückzug führen kann. Die Belastungen für Psoriasis-Patienten fangen bei ganz alltäglichen Situationen an. Die starke Schuppung macht das Tragen dunkler Kleidungsstücke unmöglich, Hautveränderungen an den Extremitäten werden selbst im Hochsommer mit langen Hosen und Ärmeln überdeckt. „Auch die Schäden an den Fingernägeln werden von Betroffenen als sehr belastend erlebt. Gepflegte, schöne Nägel spielen in unserer Gesellschaft und speziell bei einzelnen Berufsgruppen wie Verkäufern, Pädagogen oder auch im Gesundheitsbereich eine sehr große Rolle. Betroffene reagieren mit Verstecken der Finger vor anderen, was sich im charakteristischen Verschränken der Arme äußert“, erklärt Prof. Dr. Josef Auböck, Leiter der Abteilung für Dermatologie des AKH Linz. Neben den Hautveränderungen können auch Zeichen einer Arthritis der Finger sichtbare Stigmata eines Psoriatikers sein. Auböck: „Tendenziell kommen jüngere Patienten besser mit ihrer Erkrankung zurecht. Generell beobachten wir häufig einen gesellschaftlichen Rückzug und mitunter manifeste Depressionen. Nicht selten kommt es auch zur Flucht in den Alkoholismus, mitunter zur sozialen Verwahrlosung. Umso mehr wird die Krankheit als Schicksal, Strafe oder Ausdruck des eigenen Versagens erlebt.“

Beteiligung neuronaler Systeme nachgewiesen

Stress ist als Triggerfaktor auch bei der Psoriasis anerkannt. Dennoch wird der Einfluss psychischer Faktoren auf den Krankheitsverlauf weniger stark angenommen als beispielsweise bei der Neurodermitis. „Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass Psoriasis-Effloreszenzen verschwinden, wenn es im betreffenden Gebiet zu einer sensorischen Nervenläsion kommt. Ist die sensorische Versorgung wiederhergestellt, kommt auch die Psoriasis zurück“, erklärt Auböck. Als wichtiger Neurotransmitter wurde Substanz P identifiziert: Ihr Antagonist Capsaizin kann eine Psoriasis experimentell unterdrücken.

Den Leidensdruck ­individuell einschätzen

Neben der dermatologischen Anamnese sollte der Untersucher das Ausmaß der seelischen Belastung erfragen: Wie kommen Sie im Alltag zurecht?, Was macht Ihnen besonders zu schaffen? und ähnliche Ansatzpunkte geben einen Überblick über die Probleme des Betroffenen. „Eine antidepressive Medikation gehört nicht zur primären Behandlung. Zuerst versuche ich, den Patienten aktiv in die Pflege und Lokaltherapie einzubinden. Durch zweimal täglich sorgfältiges Eincremen kann die Psoriasis üblicherweise sehr erfolgreich behandelt werden. Das Kontrollgefühl durch die Therapie ist der Gewinn einer guten Mitarbeit“, erklärt Auböck: „Erst wenn dermatologische Strategien nicht ausreichen, sollten Psychopharmaka angeboten werden. Eine begleitende psychologische Betreuung des Patienten kann, wenn sie angenommen wird, hingegen sehr bereichernd sein. In diesem Bereich hat der Praktiker als Haus- und Familienarzt oft den besseren Zugang zum Patienten.“ Die nicht ganz alltägliche Krankengeschichte eines mittlerweile erwachsenen Mannes, der seit seiner Kindheit an Psoriasis leidet, zeigt einen selten beachteten Aspekt chronischer Krankheiten auf: Seine Eltern kümmern sich nach wie vor intensiv um ihn, stehen quasi rund um die Uhr auf Abruf zur Verfügung. Auböck: „Im Falle dieses jungen Mannes tritt ein Phänomen auf, das ‚gelernte Hilflosigkeit‘ genannt wird. Der Patient gibt in überfordernden Situationen die Verantwortung einfach an seine Eltern weiter. So spannt er sie für seine Interessen ein und zieht indirekt aus seiner Krankheit Vorteile.“ Auch im Verlauf der Jahreszeiten kann an der Hautklinik Linz ein besonderes Phänomen beobachtet werden. Auböck: „Vor Beginn der Badesaison kommen zahlreiche Psoriatiker an unsere Ambulanz, um die störenden Hautläsionen therapieren zu lassen, weil sie die scheelen Blicke ihrer Mitmenschen fürchten, wenn sie sich im Bikini oder in der Badehose zeigen. Ein günstiger Umstand: Die Sonnenstrahlung ist für den Heilungsprozess der Psoriasis wichtig.“

Dr. Alexander Lindemeier, hautnah 3/2005

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