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Dermatologie 17. Oktober 2005

Stoßwellen heilen Haut und Herz

Die extracorporale Stoßwellentherapie (ESWT) wird seit knapp 30 Jahren erfolgreich zur Zertrümmerung von Nierensteinen eingesetzt und hat in den letzten Jahren in Orthopädie und Traumatologie weltweit eine rasche und erfolgreiche Entwicklung genommen. Neueste Studiendaten zeigen nun eindrucksvoll, dass die ESWT auch in der Behandlung frischer und chronischer Wunden sowie bei Durchblutungsstörungen des Herzmuskels sensationelle Ergebnisse erzielen kann.

Präsentiert wurden die brandaktuellen Weltneuheiten im Rahmen des 8. Internationalen Stoßwellenkongresses der International Society für Musculosceletal Shockware Therapy (ISMT) Ende Mai 2005 in Wien. Prof. Dr. Hildegunde Piza, Vorstand der Universitätsklinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie in Innsbruck, berichtete über Untersuchungen von Lappendurchblutungen und Verbrennungsmodellen an Ratten: „Im Tierexperiment hat die Stoßwelle alle bisher angewendeten Verfahren deutlich übertroffen.“ Sie bewirkt eine signifikant bessere Durchblutung der behandelten Körperregion und führt damit zu einer schnelleren Heilung, wobei das entstehende Narbengewebe besonders weich und elastisch ist.

Pilotstudien mit mehr als 100 Patienten

Ermutigt durch die Beobachtung, dass die Stoßwellenbehandlung septischer Pseudoarthrosen neben der knöchernen Konsolidierung in vielen Fällen eine besonders rasche Abheilung von Hautläsionen bewirkt, wurden von September 2004 bis Jänner 2005 im Unfallkrankenhaus Meidling der AUVA, Wien, und im Zentrum für extracorporale Stoßwellentherapie, Berlin, Pilotstudien mit mehr als 100 Patienten zur Behandlung von Hautläsionen mit ESWT durchgeführt. OA Dr. Wolfgang Schaden, AUVA-UKH Meidling: „Über 80 Prozent der Hautläsionen konnten durch die Behandlung mit der Stoßwelle zur vollständigen Abheilung gebracht werden. Bei weiteren elf Prozent der Patienten konnte eine mehr als 50-prozentige Abheilung der Wundoberfläche erzielt werden.“ Es kam bei keinem einzigen Patienten zu einer Verschlechterung.

Behandlungserfolge ohne Nebenwirkungen

Nebenwirkungen wurden subjektiv und objektiv nicht beobachtet. Sogar bei chronischen Unterschenkelwunden (Ulcus cruris) konnten deutliche Verbesserungen erzielt werden: Innerhalb von vier bis acht Wochen konnten 53 Prozent der Patienten vollständig geheilt werden. Bei weiteren 28 Prozent konnte eine mehr als 50-prozentige Verbesserung beobachtet werden. Derzeit wird die Behandlung im Rahmen von Studien in Österreich im Meidlinger Unfallkrankenhaus, in der Innsbrucker Universitätsklinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie und ab Herbst 2005 im Wiener Wilhelminenspital durchgeführt. Nach diesen Erfolgen werden die Forschungen international fortgesetzt. Piza wird zum Beispiel eine Studie für Patienten mit diabetischen Füßen durchführen.

Verbesserte Durchblutung des Herzmuskels

Nach Ausschöpfen aller konservativen und operativen Therapien (Bypässe) sind die Prognosen bei minderdurchblutetem Herzmuskel schlecht. Die mangelnde Durchblutung verschlechtert zunehmend die Herzleistung mit Kurzatmigkeit, Leistungseinbußen und Herzattacken mit Vernichtungsgefühl (Angina pectoris). Durch die Anwendung der Stoßwellentherapie konnten japanische Forscher im Tierversuch an Schweinen überraschende Ergebnisse erzielen: Die Neubildung von Blutgefäßen im Herzen mit folgender deutlicher Verbesserung der Herzleistung konnte nachgewiesen werden.

Erste klinische Anwendungen erbrachten positive Resultate

Erste klinische Anwendungen am Menschen in Deutschland und in der Schweiz haben diese Ergebnisse bestätigt. Auch hier zeigten sich nach der Stoßwellenbehandlung eine deutliche Verbesserung der Durchblutung des Herzmuskels sowie eine signifikante Besserung des Allgemeinzustandes und eine Verminderung der Herzattacken. Sowohl in Ruhe als auch unter Stress konnte die Versorgung des Herzens wesentlich verbessert werden. Derzeit wird diese Therapie im Rahmen von Studien im Inselspital Bern, im Universitätsklinikum Essen, in den Segeberger Kliniken in Deutschland sowie in der Kyushu University Graduate School of Medical Sciences in Japan angeboten. Aufgrund der bisherigen Ergebnisse gehen die Forscher davon aus, dass sich die Erfolge in der Herzbehandlung weiter bestätigen und in Zukunft noch weitere Anwendungsmöglichkeiten für die ESWT gefunden werden. Die biochemischen Effekte der Stoßwelle ermöglichen nicht nur eine neue Blutgefäßversorgung, sondern leiten durch die Freisetzung von Wachstumsfaktoren eine unmittelbare Heilung des chronisch geschädigten Gewebes ein. Im Labor gelang es außerdem, eine antibakterielle Wirkung der Stoßwelle nachzuweisen. Breiten Raum widmete der 8. Internationale Stoßwellenkongress in Wien auch den inzwischen „klassischen“ Anwendungsgebieten der Stoßwelle zur Behandlung von nicht oder schlecht heilenden Knochenbrüchen und schmerzhaften Sehnenansatzerkrankungen wie Tennisarm, Fersensporn und Schulterschmerzen („Kalkschulter“). Nachdem die Stoßwelle unter Patronanz der AUVA im Unfallkrankenhaus Meidling vor knapp zehn Jahren erstmals systematisch bei Knochenheilungsstörungen angewandt wurde, hat sie sich nun auch international durchgesetzt und wird in Österreich bereits als Verfahren erster Wahl angesehen.

Weitere Studien sind bereits im Anlaufen

Bevor die ESWT bei Herz- und Hautleiden breit eingesetzt werden kann, werden noch einige Jahre lang klinische Daten gesammelt werden müssen. Wie hoch die Behandlungskosten liegen werden, lässt sich nur ungefähr schätzen. „Für eine Wundheilungstherapie wäre unser Ziel ein Betrag zwischen 200 und 300 Euro, also soviel wie zwei bis drei Verbände“, so Schaden. Allerdings seien die derzeit verfügbaren Geräte Prototypen mit viel Entwicklungspotenzial, sodass die Kosten möglicherweise noch gesenkt werden könnten. Langfristig könnte die extracorporale Stoßwellentherapie eine effektive Behandlungsoption für viele Indikationen darstellen, die in manchen Bereichen wenigen Spezialzentren vorbehalten bleiben wird. Andere Krankheitsbilder werden jedoch durchaus vorwiegend im niedergelassenen Bereich durchgeführt werden können, wie es derzeit bereits bei der Weichteilstoßwellentherapie der Fall ist.

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