zur Navigation zum Inhalt
 
Dermatologie 13. Dezember 2005

Atopische Dermatitis: Geißel der Haut

Neben einer permanenten Hautpflege brauchen Betroffene aufgrund der divergierenden Beschwerdebilder eine Individualtherapie. Für eine effektive Betreuung ist die enge Zusammenarbeit von Haus- und Kinderarzt, Allergiespezialist, Hautarzt und Angehörigen gefragt.

Die Neurodermitis oder atopische Dermatitis (AD) ist eine multifaktoriell bedingte, chronische Haut­erkrankung, die auf eine genetische Prädisposition zurückzuführen ist. Die Krankheitsschübe werden nicht nur durch exogene Umwelteinflüsse, sondern auch durch endogene und psychosoziale Einflüsse getriggert.
Die Neurodermitis kann zwar in jedem Alter auftreten, jedoch tut sie dies in zwei Drittel aller Fälle bereits im ersten Lebensjahr. Dies war wohl mit ein Grund für Prof. Dr. Josef Smolle von der Grazer Universitätsklinik für Dermatologie, ein Kinderbuch über dieses Thema zu schreiben. Am 36. Kongress für Allgemeinmedizin Ende November in Graz referierte er aber durchwegs vor erwachsenem Publikum. Dabei räumte Smolle mit dem Gerücht auf, dass ein frühes Erscheinen der Erkrankung besser für die Prognose sei – vielmehr wäre das Gegenteil der Fall.
Das Erscheinungsbild der Hautveränderungen ist nicht nur individuell bestimmt, es ändert sich meist mit fortschreitendem Alter. So finden sich bei Säuglingen die Hautveränderungen eher am Kopf und auf der Streckseite der Extremitäten (Ekzemtyp). Während der Kindheit herrscht der Lichenifikationstyp (Ellenbeugen und Kniekehlen) vor, im Erwachsenenalter der Prurigotyp (Stamm, Extremitäten). Smolle nannte in diesem Zusammenhang auch die typischen neurodermitischen Stigmata: Weißer Dermographismus, doppelte Unterlidfalte, schüttere und laterale Augenbrauen, kräftige Rhagaden am Ohrläppchen und verstärkte Handlinienzeichnung. Außerdem erscheinen häufig therapieresistente, hypopigmentierte Flecken, die sich bei vermehrter Sonnenexposition ausbilden (Pityriasis alba) sowie Rhagaden an Zehen- und Fingerspitzen (Pulpitis sicca).
Neben diesen Hautveränderungen ist der starke Juckreiz ein klassisches Kennzeichen der AD. Dabei sieht Smolle das Kratzen als fast unabdingbare Voraussetzung für die Erkrankung. Es verdrängt den Juckreiz vorübergehend, indem der ausgelöste Schmerz das unangenehme Jucken überdeckt. Das Kratzen beschädigt die intakte Haut­oberfläche, die sich dadurch entzündet. Dieser inflammatorische Prozess bewirkt einen noch stärkeren Juckreiz. So entsteht ein Circulus vitiosus, der sich nur durch eine adäquate, antiinflammatorische Therapie durchbrechen lässt.

Keine 0815-Therapie

Neben einer permanenten Hautpflege brauchen Betroffene aufgrund der divergierenden Beschwerdebilder eine Individualtherapie. Akute Schübe werden mit lokal aufgetragenem Kortison effektiv behandelt. Smolle empfiehlt aufgrund der Nebenwirkungen wie Hautatrophie oder Teleangiektasiebildung eine Intervalltherapie: „Steroide sollten nur an drei aufeinander folgenden Tagen verabreicht werden. An den übrigen Wochentagen herrscht Pause. Derart werden Nebenwirkungen und Gewöhneffekte vermieden.“
Neue Möglichkeiten bieten die Calcineurin-Antagonisten Pimecrolimus und Tacrolimus, die gut in die Haut penetrieren und tief ins Entzündungsgeschehen eingreifen. Tacrolimus ist vor allem bei der Behandlung der mittelschweren bis schweren AD geeignet. Pimecrolimus hat eine etwas schwächer ausgeprägte Wirkung, dafür weniger systemische Nebeneffekte. Letzteres empfiehlt sich bei leichten bis mittelschweren Dermatitiden. Beide Präparate erweisen sich bei der Langzeittherapie als verträglich und zeigen keinerlei atrophogene Effekte.

Wollkleidung vermeiden

Für Neurodermitiker stehen weitere flankierende Maßnahmen zur Verfügung. Beispielsweise die richtige Kleidung. Die atopische Haut ist aufgrund ihrer Läsionen besonders empfindlich gegenüber exogenen Noxen und Keimen. Die Kleidung sollte daher besonders weich sein. Baumwolle und Seide sind in dieser Hinsicht eher angenehm, während Wolle zu vermeiden ist. In Spezialverfahren hergestellte antimikrobielle Textilien mit entbasteter Seide oder silberbeschichteten Fasern haben sich in Studien bei schwerer AD als vorteilhaft erwiesen.
Die Nahrung wird laut Smolle bei der AD oft überbewertet. Sie mag bei kleinen Kindern mit schwerer Neurodermitis eine Rolle spielen, nicht jedoch bei Erwachsenen. Es sollte auf eine ausgewogene, gemischte Kost geachtet werden. Ein allzu sprunghafter Wechsel der Nahrungszusammensetzung sei zu vermeiden, kohlehydratreiche, allergenarme Nahrung sowie Obst und Gemüse aus heimischem Anbau zu bevorzugen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben