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Dermatologie 16. November 2005

Die Basispflege ist wesentlich

Schlüssige epidemiologische Daten zur Häufigkeit von atopischer Dermatitis im Kindesalter fehlen in Österreich. Schwere Fälle sind jedenfalls seltener als immer wieder behauptet. Im Interview mit ÄRZTE WOCHE-hautnah erläutert Prim. Doz. Dr. Georg Klein, Leiter der Dermatologischen Abteilung im Krankenhaus derElisabethinen in Linz, was es mit der Hygienehypothese auf sich hat, dass Hypo­sensibilisierungen im frühen Kindesalter wenig sinnvoll sind und dass Kortison besser ist als sein Ruf.

Sollen Neurodermitis-Kinder auf Aller­gien getestet werden?
Klein: Grundsätzlich muss man zwischen drei Gruppen unterscheiden: Neurodermitis­kinder ohne Allergien, solche, die eine Nahrungsmittelallergie haben, und jene, die eine allergische Rhinitis und eventuell in der Folge allergisches Asthma entwickeln. Nirgends in der westlichen Welt ist die Datenlage hinsichtlich der Epidemiologie so schlecht wie in Österreich. Die Angaben, dass 30 bis 40 Prozent der Kinder mit atopischer Dermatitis eine Nahrungsmittelallergie haben, sind meiner Ansicht nach nicht korrekt, da sie an ausgewählten Populationen erhoben wurden. Bei milder Neurodermitis, etwa wenn nur Beuge- oder Lippenekzeme bestehen, spielt die Nahrungsmittelallergie aus meiner Sicht keine Rolle. Ein Test ist in diesen Fällen nicht notwendig. Außerdem ist die weitere Vorgangsweise, wenn sich durch Haut- oder Bluttests eine Sensibilisierung feststellen lässt, aufwändig: Es muss probiert werden, ob das Ekzem tatsächlich besser wird, wenn die verdächtigen Nahrungsmittel nacheinander weggelassen werden. Sinnvoll ist ein Test also nur in schweren Fällen.
Was die Rhinitis betrifft, so ist bei nachgewiesener Allergie eine Hyposensibilisierung nur bei starken Beschwerden und frühestens ab dem fünften Lebensjahr sinnvoll. Für die atopischen Ekzeme selbst bringt sie nichts. Die Rolle der Hausstaubmilbe bei Neurodermitis ist noch lange nicht geklärt. Vor einer Hyposensibilisierung sollte besser eine Milbensanierung durchgeführt werden – die allerdings auch einen fraglichen Wert hat.

Spielt die Hygienehypothese bei der Neurodermitis eine Rolle?
Klein: Eine gewisse Endoxinbelastung im frühen Kindesalter scheint einen Schutz zu bieten. Gezeigt hat sich, dass Kinder, die schon früh in Krabbelstuben kommen, weniger häufig Neurodermitis entwickeln. Auch wenn zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes ein Hund im Haushalt ist, wirkt sich das positiv aus – nach zwei Jahren jedoch nicht mehr. Es gibt auch Daten darüber, dass häufige Antibiotikagaben bei Kleinkindern Neurodermitis triggern können. Ein chronischer Stimulus von infektiösen Agenzien, die nicht notwendigerweise zu manifesten Infekten führen müssen, scheint also eine hemmende Wirkung zu haben – auf gut Deutsch: Der gesunde Dreck kann schützen. Spekulativ ist jedoch noch, wie dieser Dreck beschaffen sein muss.

Laktobazillen werden in letzter Zeit als Präventivmaßnahme propagiert.
Klein: Laktobazillen sind sicher ein Hoffnungsgebiet. Interessanterweise zeigen die Daten, dass es seltener zu atopischer Dermatitis kommt, wenn die Mütter in der Schwangerschaft Laktobazillen zu sich nehmen oder Säuglinge damit gefüttert werden, für Allergien trifft das allerdings nicht zu. Definiert ist auch noch nicht, welche Bakterienstämme diese schützende Wirkung haben. Für die klinischen Studien wurden ganz bestimmte Stämme genommen, die sicher nicht in den im Supermarkt erhältlichen Jogurts zu finden sind.

Der Dermatologe Lawrence F. Eichenfield, derzeit im Vorstand der American Academy of Dermatology, hat verschiedene Studien zu Wirkstoffen verglichen und dabei herausgefunden, dass 30 bis 35 Prozent der Neurodermitis-Kinder sechs Monate lang ohne Kortison auskommen, wenn bei den ersten Anzeichen konsequent wirkstofffreie Basis-Externa aufgebracht werden. Bei schwerer bis mittelschwerer atopischer Dermatitis ist damit in 27 Prozent der Fälle nach zwölf Wochen eine 50-prozentige Verbesserung zu erzielen.

Heißt das, die Mütter schmieren nicht genug?
Klein: Die Basispflege ist ein wesentlicher Punkt. In mehr als der Hälfte der Patienten lässt sich damit und im Bedarfsfall mit einer so genannten Kortison-„Wochenendtherapie“ – zwei Tage lang einmal täglich Kortison – das Ekzem ohne eine relevante Gefahr von Nebenwirkungen kontrollieren. Um die anderen Patienten muss man sich besonders intensiv kümmern, da sind dann weitere Maßnahmen notwendig. Die Immunmodulatoren können die Basispflege sicher nicht ersetzen, sind aber bei der Behandlung von empfindlichen Hautpartien hilfreich.

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Neurodermitis-Schulung die Lebensqualität und Compliance von Neurodermitikern bzw. auch von deren Müttern wesentlich erhöhen kann.
Klein: In Österreich besteht sicher noch ein Nachholbedarf, was Patientenschulungen betrifft. Wichtig ist jedenfalls auch für den niedergelassenen Arzt, sich genügend Zeit zu nehmen, um die Mütter und Väter über die Krankheit zu informieren, ihnen die Angst davor zu nehmen und begreiflich zu machen, dass Neurodermitis in den allermeisten Fällen gut behandelbar ist.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE

Elisabeth Tschachler-Roth, hautnah 4/2005

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