zur Navigation zum Inhalt
 
Dermatologie 17. August 2005

„Die wirksame Kompressionstherapie wird nicht selten vernachlässigt!“

Das Ulcus cruris venosum ist eine häufige Erkrankung mit einer Prävalenz von rund einem Prozent in der Gesamtbevölkerung und vier bis fünf Prozent bei über 80-jährigen Menschen. Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer, Menschen mit stehenden Berufen erkranken öfter als solche, die einen sitzenden Beruf haben. Mit der richtigen Therapie ist das Ulcus cruris venosum in bis zu 70 Prozent aller Fälle allerdings heilbar. Voraussetzung: State of the Art-Therapie und gute Compliance des Patienten. Anlässlich der 9. Tagung der Gesellschaft für Dermopharmazie sprach Ärzte Woche Hautnah mit dem emeritierten Vorstand der dermatologischen Abteilung am Wilhelminenspital in Wien, Prof. Dr. Hugo Partsch, über die optimale Therapie der Erkrankung.

In welchem Alter und aus welchen Gründen tritt ein Ulcus cruris venosum vorwiegend auf?

PARTSCH: Definitionsgemäß handelt es sich bei einem Ulcus cruris venosum um eine Störung der Hautdurchblutung infolge einer venösen Zirkulationsstörung. Der Auslöser ist eine gestörte Funktion der Venenklappen der Unterschenkelvenen, welche dazu führt, dass das Blut aus dem Unterschenkel beim Gehen nicht mehr in Richtung des Herzens gepumpt wird, sondern nur noch auf und ab pendelt. Die daraus resultierende „ambulatorische venöse Hypertension“ führt zu einer Stauung im Bereich der Venolen und Blutkapillaren mit einer verstärkten Außenfiltration sowie zu einer lokalen Entzündungsreaktion in der Haut am Unterschenkel, die bis zum Gewebstod fortschreiten kann. Die Inzidenz für das Ulcus cruris venosum steigt mit zunehmendem Alter an.

Wie hoch ist die Inzidenz des Ulcus cruris venosum?

PARTSCH: Bis zu ein Prozent unserer erwachsenen Bevölkerung erleidet im Lauf des Lebens ein venöses Unterschenkelgeschwür. Bei über 80-jährigen Menschen steigt die Prävalenz auf vier bis fünf Prozent an.

Welche Personen sind besonders häufig von der Erkrankung betroffen?

PARTSCH: Patienten mit Krampfadern sowie Personen mit durchgemachter Thrombose sind Kandidaten für ein venöses Ulcus, wobei sich vor dem Aufbrechen eines Geschwürs typische Hautveränderungen am distalen Unterschenkel zeigen: Dazu gehört die Beinschwellung, dazu gehören auch die verstärkte Pigmentierung, ein Ekzem und Hautverhärtungen.

Worauf sollten die Risikopersonen besonders achten?

PARTSCH: Treten die genannten Hautveränderungen auf, ist eine Dauerkompression der Beine für den Alltag, am besten in Form von medizinischen Kompressionsstrümpfen, die wichtigste Basismaßnahme für Risikopersonen. Die Patienten sollten außerdem viel gehen, Übergewicht, Stuhlverstopfung und lange warme Sitzbäder vermeiden.

Wie hoch sind die jährlichen Behandlungskosten für PatientInnen mit Ulcus cruris venosum?

PARTSCH: Die jährlichen Behandlungskosten belaufen sich schätzungsweise auf 4.000 bis 5.000 Euro.

Wie lange bleibt ein Ulcus cruris venosum in Österreich durchschnittlich unterbehandelt?

PARTSCH: Zu einem beträchtlichen Teil wird der Schwerpunkt bei der Therapie der Erkrankung auf eine lokale Wundbehandlung gelegt und die wirksame Kompressionstherapie vernachlässigt.

Beschreiben Sie bitte kurz die State of the Art-Therapie des Ulcus cruris venosum?

PARTSCH: Entscheidend ist beim venösen Ulcus eine sachgerechte Therapie mit guten Kompressionsverbänden, wobei mehrschichtige Kurzzugbinden, die mit erheblichem Druck angelegt werden, zu bevorzugen sind. Der lokale Druck kann durch Auflage von Gummipolstern, so genannten Pelotten, erhöht werden. Bei unbehinderter arterieller Zirkulation sollte der Andruck einer Kurzzugbinde am distalen Unterschenkel mindestens 50 bis 60 mmHg betragen. Eine Ausschaltung von pathologischen Rückströmungen, also Refluxen in klappeninsuffizienten Abschnitten von oberflächlichen Venen, bevorzugt durch Operation oder Verödung, sollte in jedem Einzelfall überlegt werden. Eine wesentliche Entscheidungshilfe spielt dabei eine Ultraschall-Duplex-Untersuchung.

Wie können Rezidive verhindert werden?

PARTSCH: In erster Linie können Rückfälle beim Ulcus cruris venosum durch eine weitere Dauerkompression nach der Ulcusheilung verhindert werden. Bevorzugt sollten hier gute Kompressionsstrümpfe werden. Eine weitere Möglichkeit bietet gegebenenfalls die Refluxausschaltung durch Operationen oder Verödung.

Wo erhält ein betroffener Patient die bestmögliche Behandlung beim Auftreten eines Ulcus cruris venosum?

PARTSCH: In Österreich ist die Phlebologie eine Subspezialität der Dermatologie. Eine Reihe von niedergelassenen Hautärzten führt auch die Zusatzbezeichnung für Gefäßerkrankungen (Angiologie). Dort sind Patienten mit Ulcus cruris venosum sicherlich gut aufgehoben.

Sabine Fisch, hautnah 1/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben