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Dermatologie 17. November 2005

State of the Art beim Ulcus cruris venosum

Venenerkrankungen gehören zu den häufigsten Krankheitsbildern in der Bevölkerung. Die Tübinger Venenstudie aus dem Jahr 2003 gibt eine Häufigkeit des Ulcus cruris venosum von 0,7 Prozent unter den mehr als 3.000 Befragten zwischen 18 und 79 Jahren an. Europaweit wird eine Prävalenz von rund einem Prozent für ein solches Ulcus angegeben. Als State of the Art in der Therapie gilt heute der mit hohem Druck angelegte Kurzzugverband. „Der Großteil der Patienten mit einem venösen Unterschenkelgeschwür, bei denen das Grundleiden nicht durch Ausschaltung von oberflächlichen Refluxen mittels Operation oder Verödung heilbar ist, bedarf einer Dauerkompressionstherapie“, stellte der emeritierte Vorstand der dermatologischen Abteilung am Wiener Wilhelminenspital, Prof. Dr. Hugo Partsch, eingangs seines Vortrags im Rahmen der 9. Tagung der Gesellschaft für Dermopharmazie Mitte März 2005 in Wien fest. Bevorzugt zum Einsatz sollten dabei Kurzzugverbände kommen, die ausschließlich von geschultem Personal mit einem hohen Ausgangsdruck angelegt werden. Der Verbandswechsel erfolgt dabei wöchentlich. „Dies gilt besonders bei Ulcera, die einen Durchmesser von mehr als drei Zentimetern erreichen und eine Bestandsdauer von über drei Monaten aufweisen“, betonte Partsch. Nicht zu vernachlässigen ist nach Abheilung des akuten Ulcus die Erhaltungstherapie mit Hilfe von elastischen Binden und/oder Kompressionsstrümpfen. „Wird der Erhaltungstherapie nach der Ulcus-Abheilung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, kann es zu Rezidivraten von bis zu 30 Prozent kommen“, warnte Partsch.

Korrekte Kompression hilft heilen

„Die Heilraten von ambulant behandelten, konsekutiven Patienten mit venösen Geschwüren liegt nach eigenen Erfahrungen bei bis zu 70 Prozent innerhalb von zwölf Wochen“, gab Partsch an. Heilraten von unter 50 Prozent, wie sie in der Literatur häufig gefunden werden, seien in erster Linie auf eine unzureichende Kompressionsbehandlung zurückzuführen. Die unelastische Kurzzugbinde gilt heute als optimal in der Behandlung von Unterschenkelgeschwüren. Vor Beginn der Therapie muss mittels Doppler-Knöchelarteriendruckmessung die unbehinderte arterielle Zirkulation festgestellt werden. Danach sollte der Kurzzugverband angelegt werden. „Der Andruck unmittelbar nach Anlage des Verbandes sollte dabei am distalen Unterschenkel ungefähr 50 bis 60 mmHg betragen. „Bereits in der ersten Stunde nach Anlage des Verbandes fällt der Druck regelmäßig um 25 bis 30 Prozent ab. Dies ist Ausdruck einer sofortigen Entstauung des Beins und führt dazu, dass der Verband von den Patienten auch im Liegen gut toleriert wird“, erläuterte Partsch weiter.

Auf die Stiftness achten

Aufgrund des größeren Drucks der Kurzzugbinde ergibt sich ein wesentlich stärkerer Massageeffekt, der vor allem beim Gehen und Stehen zum Tragen kommt. Dieser Effekt beeinflusst die Venenepithelien und führt zu einer stärkeren Auspressung der Gefäße, mithin zu einer natürlichen dynamischen Kompression. Ein wichtiger Parameter bei der dynamischen Kompression ist dabei die so genannte „Stiftness“. „Darunter verstehen wir den Druckanstieg unter einer Kompressionsbinde bezogen auf die Umfangzunahme des Beinsegments auf Grund der muskulären Anspannung beim Stehen und Gehen“, erklärte Partsch. Kurzzugbinden mit einer Dehnbarkeit unter 40 Prozent weisen höhere Stiftness-Indices auf als Langzugbinden.

Ambulante Versorgung meistens möglich

Der überwiegende Teil der Patienten mit einem Ulcus cruris venosum kann heute durchaus ambulant behandelt werden. Wichtig ist dabei allerdings die gute Ausbildung des Pflegepersonals. „Die Verbände sollten unbedingt von geschultem Fachpersonal angelegt werden und gehören nicht in die Hände von Angehörigen oder Patienten selbst, da diese die Verbände meist nicht mit dem notwendigen Druck anlegen“, betonte Partsch. Wenn Ulcera trotz State of the Art-Therapie mit Kompressionsverbänden nur schlecht abheilen, ist vor allem an eine arterielle Begleitkomponente oder andere Ursachen, wie etwa eine internistische Grunderkrankung zu denken. Partsch: „In solchen Fällen erweist sich eine kurzzeitige stationäre Aufnahme zur Ursachenforschung als sinnvoll.“

Zusammenfassung

Ein idealer Kompressionsverband weist für den Patienten gut erträgliche Drucke im Liegen auf, die beim Aufstehen und Gehen beträchtlich ansteigen sollten, um dem hydrostatischen Druck in den Venen entgegenzuwirken. Der Verband sollte vom Patienten als nicht zu warm empfunden werden. Besonders bewährt haben sich Verbände, die nur einmal wöchentlich gewechselt werden müssen. Vom ökonomischen Standpunkt her sollten die Verbände wasch- und wieder verwendbar sein. „Ein guter Kompressionsverband sollte wirksam sein, seinen Druck über mehrere Tage aufrechterhalten, gut reproduzierbar und leicht anzulegen sein und unerwünschte Nebenwirkungen vermeiden“, resümierte Partsch.

Sabine Fisch, hautnah 1/2005

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