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Mit Hochspannung lässt sich die Wirkung einer Chemotherapie verbessern.
 
Dermatologie 20. Juli 2016

Mit 1.000 Volt gegen Hautkrebs

Elektrochemotherapie begünstigt Eintritt der Zytostatika in die Zelle.

Hochspannung in Kombination mit einer Chemotherapie bekommt Hauttumoren im Kopf- und Halsbereich nicht gut: Eine Studie zeigte, dass mehr als drei Viertel schrumpfen oder ganz verschwinden.

Hauttumoren im Kopf- und Halsbereich stellen Chirurgen gelegentlich vor große Herausforderungen: Eine Operation ist nicht immer möglich, wenn Augen, Nase oder der Mundbereich betroffen ist – zum einen, weil diese Strukturen dabei irreparablen Schaden nehmen können, zum anderen, weil die Patienten von dem zu erwartenden kosmetischen Ergebnis nicht begeistert sind. Ähnliche Überlegungen können auch zum Verzicht auf eine Radiochemotherapie führen. Es sind für solche kritischen Bereiche also dringend bessere Therapieverfahren nötig.

Seit einiger Zeit prüfen Ärzte die Elektrochemotherapie zur lokalen Tumorkontrolle. Die Idee dahinter: Werden Tumorzellen unter hohe Spannung gesetzt, begünstigt dies den Eintritt von Zytostatika in die Zellen (Elektroporation). Die Wirkung einer Chemotherapie lässt sich damit verbessern. Das Verfahren hat den Vorteil, umliegendes Gewebe kaum zu schädigen. Studien ergaben Ansprechraten zwischen 70 Prozent und 80 Prozent bei gutem kosmetischem Ergebnis, berichten HNO-Ärzte um Dr. Giulia Bertino von der Universität in Padua, Italien.

Das Team um Bertino interessiert sich in einer eigenen Studie für den Nutzen des Verfahrens speziell im Kopf- und Halsbereich. Für ihre Studie konnten sie 105 Patienten gewinnen, die für eine Operation oder eine Radiochemotherapie nicht infrage kamen oder diese nicht wünschten. Die Patienten hatten alle progrediente oder metastasierende Hauttumoren mit einem Mindestdurchmesser von 1 cm, bei knapp der Hälfte handelte es sich um Plattenepithelzellkarzinome, ein Drittel hatte ein Basalzellkarzinom, zehn der Teilnehmer zeigten ein malignes Melanom.

Die Ärzte behandelten die Teilnehmer zunächst mit Bleomycin. Die Substanz wurde abhängig von der Tumorgröße und der Zahl der Läsionen entweder intratumoral oder intravenös appliziert. Anschließend legten die HNO-Spezialisten Nadeln oder Plattenelektroden an die Tumoren und jagten unter Lokal- oder Allgemeinanästhesie Strompulse mit 1.000 bis 1.300 Volt Spannung ins Gewebe.

Waren die Tumoren nach zwei Monaten nur partiell verschwunden, wurden die Teilnehmer erneut mit dem Verfahren behandelt. Dies war bei 18 Patienten der Fall. Zeigte die Therapie keine Wirkung, suchten die Ärzte nach anderen Methoden. Den Therapieerfolg beurteilten sie anhand der „Response Evaluation Criteria in Solid Tumors“ (RECIST).

Erfolgreiche Ergebnisse

Danach war die Behandlung bei Patienten mit Basalzellkarzinom am erfolgreichsten: Hier verschwanden 31 von 34 Läsionen (91 %) komplett, zwei sprachen partiell an und bei einer tat sich nichts. Eine komplette Remission wurde auch bei 55 Prozent der Plattenepithelzellkarzinome beobachtet, eine partielle Remission immerhin bei einem Viertel. Ähnliche Erfolgsraten waren bei den Patienten mit malignem Melanom zu beobachten: Fünf von neun Tumoren verschwanden komplett und zwei partiell.

Generell sprachen kleinere Tumoren (unter 3 cm) besser auf das Verfahren an als größere (88 % versus 68 %), auch zogen sich primäre Geschwulste eher zurück als sekundäre oder metastatische (70 % versus 55 %). Am besten sprachen zudem Tumoren an, die zuvor noch keine Radio- oder Chemotherapie erduldet hatten (78 %versus 43 %).

Im Laufe der einjährigen Nachbeobachtungszeit entwickelten 10 der 62 Patienten mit kompletter Remission ein Rezidiv im behandelten Areal, vier davon hatten ein Basalzellkarzinom und sechs ein Plattenepithelzellkarzinom. 76 Prozent aller Patienten waren nach einem Jahr noch am Leben. Von den Patienten mit Basalzellkarzinom hatten alle überlebt, von denen mit Plattenepithelzellkarzinom 64 Prozent, und 89 Prozent waren es bei den wenigen Melanomkranken.

Vorteile überwiegen

Als Nebenwirkungen traten gehäuft Ulzerationen (bei 14 Patienten) sowie andere Formen von Hautreizungen und -veränderungen auf. Die Krustenbildung wurde als Teil des Heilungsprozesses betrachtet. Ein Patient mit einem großen ulzerierenden Tumor starb an einem septischen Schock, der auf die Behandlung zurückgeführt wurde. Auf der anderen Seite verbesserte sich die Lebensqualität bei den meisten Patienten deutlich.

Die HNO-Ärzte schließen aus den Daten, dass die Elektrochemotherapie vor allem bei Basalzellkarzinomen und primären, zuvor nicht behandelten Läsionen gut wirksam ist.

Originalpublikation: Giulia Bertino et al. European Research on Electrochemotherapy in Head and Neck Cancer (EURECA) project: Results of the treatment of skin cancer

DOI:10.1016/j.ejca.2016.05.001

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