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Dermatologie 18. Mai 2016

Schüren Apotheker die Angst vor Kortison?

Bei Kindern mit atopischer Dermatitis kann die kurzfristige Anwendung einer Kortisonsalbe durchaus Sinn  machen. Doch Kortikosteroide sind verrufen und viele Eltern sind skeptisch. Ärzte und Apotheker müssen daher entsprechend informieren und die Sinnhaftigkeit der Therapie erklären. Doch Letztere scheinenmindestens in Frankreich  selbst große Vorbehalte zu haben. 

Eine  Therapie  kann  nur  wirken,   wenn  sie  wie  verordnet  befolgt  wird.   Doch  mit  der  Compliance  ist  es  nicht   weit  her,  wenn  Eltern  für  ihre  Kinder   mit  atopischer  Dermatitis  Kortison­ salben  verschrieben  bekommen.  Die  Angst  vor  möglichen  Nebenwirkun­gen  ist  groß  und  kann  sich  zur  regel­rechten Phobie auswachsen. Gegen die  oftmals irrationalen Ängste hilft nur die  entsprechende Aufklärung seitens der Ärzte und Apotheker. Doch eine aktu­elle  Erhebung  aus  Frankreich  hat  ergeben, dass Apotheker selbst nicht so  ganz  an  die  Sinnhaftigkeit  einer  loka­len Kortikosteroidtherapie bei Kindern  mit  atopischer  Dermatitis  zu  glauben   scheinen  und  in  vielen  Fällen  falsch   beraten.

Die  Umfrage  haben  Dermatologen   und  Pharmakologen  von  der  Universität  in  Tours  initiiert  und  insgesamt   500  Apothekern  in  ganz  Frankreich   einen  Fragebogen  zugeschickt,  um   deren  Wissen,  Ansichten  und  Beratungspraxis  bezogen  auf  die  lokale  Kortikosteroidtherapie  bei  Kindern  zu   evaluieren.

Wenig Vertrauen in die lokale Therapie

Wie  die  Auswertung  der  195  Rücksen dungen zeigte, standen die Apotheker  einer  topischen  Kortisontherapie  bei  Kindern mit atopischer Dermatitis eher  skeptisch  gegenüber  und  gaben  ihr  Vertrauen in den Nutzen einer solchen  Therapie auf einer Skala von 0 bis 10 im Durchschnitt  mit  4,46  (95   %­KI  4,11– 4,82)  an.  Dabei  machte  es  keinen  Unterschied, ob die Apotheker vom Land  oder  aus  der  Stadt  stammten,  jünger   oder  älter  als  40  Jahre  waren  und  ob   sie vor oder nach 2005 ihren Abschluss  gemacht hatten. Männliche Apotheker waren  jedoch  im  Durchschnitt  überzeugter von der Therapie als ihre weiblichen Kolleginnen (4,90, 95­KI 4,45–5,3  vs 3,65, 95  %­KI 3,04–4,25;  p  = 0,002).

» Mehr als drei Viertel der Befragten  glaubten, dass Feuchtigkeitscremes  bei milder bis moderater atopischer  Dermatitis ein besseres Nutzen­Risi­ko ­Verhältnis aufweisen als Kortison­ salben

Die  Ansichten  zu  Indikation,  Sicherheit  und  Behandlungsmodus  wiederum  gingen  auseinander:  So  waren   27,7   %  der  Befragten  überzeugt,  lokale  Kortikosteroide  sollten  nur  bei  schwerer   Symptomatik   eingesetzt    werden.  Hingegen  beurteilten  46   %   ihren Einsatz auch bei moderatem Erkrankungsverlauf  als  gerechtfertigt   und  17,6   %  sogar  bei  milder  Symptomatik.  Allerdings  glaubten  24,5   %,  dass  eine  lokale  Kortikosteroidthera­pie für Kinder unter zwei Jahren kom­plikationsträchtiger sei als eine orale.  Das  sahen  20,6   %  auch  bei  Kindern   zwischen 2 und 18 Jahren so.

Mehr  als  die  Hälfte  (65,1 %)  war   überzeugt, dass topische Kortikosteroi­de bei Neugeborenen überhaupt nicht  infrage  kommen.  Und  mehr  als  drei   Viertel (79,5  %) der Befragten glaubten, dass  Feuchtigkeitscremes  bei  milder   bis  moderater  atopischer  Dermatitis  ein  besseres  Nutzen­Risiko ­Verhältnis  aufweisen als Kortisonsalben. Mehr  als  die  Hälfte  (62,9   %)  wie derum  war  überzeugt,  dass  topische   Kortikosteroide  nicht  länger  als  vier  Tage  angewendet  werden  sollten.   82,9  % raten gänzlich davon ab, Kortikosteroidsalben im Gesicht der Kinder einzusetzen, 82,3  % sehen das ähnlich  für die Hände und 14,4 % für den Po.

» Fast alle Apotheker informieren  oft ausführlich über mögliche  Nebenwirkungen

In  einem  Punkt  aber  herrschte  Einig­keit:  Fast  alle  Apotheker  (93,1%)  in­ formieren  oft  oder  immer  ausführlich  über  mögliche  Nebenwirkungen.  Da­bei geht mehr als die Hälfte (52,8  %) so  weit,  die  Verschreibung  des  Arztes  zu   modifizieren und eine kürzere Behandlungsdauer zu empfehlen. 84,3  % wiederum  raten,  die  Salbe  möglichst  gut   zu  verteilen,  um  die  Kortisondosis  so  gering wie möglich zu halten. Ein Viertel  (25,4 %)  empfiehlt  den  Eltern,  die   Behandlung  so  lang  wie  möglich  hin­auszuzögern.

Nach wie vor zu viele Vorbehalte

Zumindest  in  Frankreich  scheinen   die  Apotheker  nicht  viel  von  der  lokalen Kortikosteroidtherapie bei Kindern  mit  atopischer  Dermatitis  zu  halten,  resümieren  die  Studienautoren,  verweisen  aber  gleichzeitig  auf  die  niedrige  Rücklaufquote  von  39  %.  Die  größte  Angst  bestehe  offenbar  vor  möglichen  Nebenwirkungen, wie einem erhöhten Infektionsrisiko, einem Dünnerwerden der Haut, Gewichtszunahme  und  Wachstumsretardierung.  Dabei  werden  die  Risiken  der  systemischen  und  topischen   Behandlung  auch  von  Apothekern   gerne  vermischt,  wie  die  Studienautoren betonen. Immerhin  glauben  20  %,  dass  die  lokale Therapie gefährlicher sei als die  topische.  Besonders  kritisch  beurtei­len die Studienautoren, dass mehr als  die Hälfte der Apotheker das ärztliche Rezept  abwandeln  und  dabei  den  El­tern  Therapieempfehlungen  geben,  die nicht mit den französischen Leitli­nien übereinstimmen. Da der Apotheker ein wichtiges Bindeglied zwischen behandelndem Arzt und Eltern ist, sind  nach  Ansicht  der  Studienautoren  regelmäßige Schulungen für Apotheker  zu  dieser  Thematik  unbedingt  angezeigt. Rückschlüsse auf die Beratungs­ praxis  in  österreichischen  Apotheken   lässt diese Erhebung aber nicht zu. 

Quelle: Dr. Dagmar  Kraus, SpringerMedizin.de, basierend  auf: Raffin D et al.  Corticosteroid Phobia Among Pharmacists Regarding  Atopic Dermatitis in  Children: A National  French Survey. Acta  Derm Venereol 2016; 96:177–180

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