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Dermatologie 17. August 2005

Neue Lebensmittel-Allergene aus dem Supermarkt

AIlthergebrachte Proteinstrukturen ändern sich und neue Nahrungsmittel drängen auf den Markt und lösen unbekannte Allergien aus. Auf dem Wörther See-Symposium 2004 präsentierten Prim. Doz. Dr. Georg Klein (Dermatologische Abteilung, KH der Elisabethinen, Linz) und Prof. Dr. Heimo Breitene der (Institut für Pathophysiologie, AKH Wien) einige interessante Allergiefälle der jüngsten Zeit. Schon allein aufgrund ihrer Molekülstruktur birgt ein Großteil der Proteine die Gefahr, im menschlichen Organismus eine Sensibilisierung mit nachfolgender Allergie auszulösen. Eine Voraussage, welche neuen Eiweiße in Lebensmitteln oder Gebrauchsgegenständen allergen wirken können, scheint selbst mithilfe von Experimenten und Tierversuchen unmöglich.

VERÄNDERTE NAHRUNGSMITTEL

Neuartige Proteine können auf mannigfaltige Art in unsere Umgebung beziehungsweise in unser Essen gelangen. Vor allem gentechnisch veränderte Lebensmittel erfreuen sich ob ihrer Robustheit gegenüber Schädlingen in erster Linie bei den transatlantischen Herstellern außerordentlicher Beliebtheit. Doch nicht allein die Gentechnik erschafft neue Proteinstrukturen. Auch neu gezüchtete Pflanzensorten und erneuerte Verarbeitungsverfahren verändern unsere Nahrung. Außerdem drängen immer mehr exotische Frucht- und Gemüsesorten sowie Zierpflanzen in unsere Kaufhausregale. Daher sind eine permanente Beobachtung des Marktes und die lückenlose Dokumentation neuer Allergiefälle wichtige Aufgaben der Allergologen. Die Birkenfeige, in unseren Breiten eher als Zimmerpflanze Ficus ¤Benjamin³ bekannt, schmückt nicht nur private Haushalte, sondern auch öffentliche Gebäude, Büros und Krankenhäuser. Bei einer in Österreich durchgeführten Studie zeigten von 4.930 Probanden 2.662 zumindest eine positive Reaktion auf ein Allergen, davon 66 (rund 2,5 Prozent) auf Ficus benjamina. Eine weitere Testung dieser Personen mittels Prick/Prick-Test zeigte eine signifikante Kreuzreaktion zu frischen (83 Prozent) und getrockneten (37 Prozent) Feigen. Dieses Ficus-Fruchtsyndrom lässt sich in schwächerer Ausprägung auch bei Allergenen der Kiwi (28 Prozent) und Papaya (22 Prozent) feststellen. Eine Latexallergie wurde, wider Erwarten, kaum erhoben. Und das, obwohl Ficusarten in ihrem Saft Kautschuk enthalten und aus dem Mark eines nahen Verwandten (Ficus elastica) Gummi gewonnen wird.

GEFAHRENQUELLE ERDNUSS

Im Vergleich zu transatlantischen Ländern haben sich Erdnussprodukte in unseren Breiten noch nicht wirklich etabliert, angesichts ihrer allergischen Potenz zum Glück nicht. Denn in den USA werden geschätzte 50 bis 100 Todesfälle pro Jahr einer Erdnussunverträglichkeit zugeschrieben. Die Erdnussallergie tritt familiär gehäuft auf. In einer groß angelegten britischen Studie mit 14.000 Kindern wurden die bedeutungsvollsten Risikofaktoren bestimmt: Der Genuss von Sojaprodukten, klinische Symptome bei einer atopischen Dermatitis und schwere atopische Dermatitis mit bereits nässenden Läsionen erwiesen sich als wichti ge Risiko-Marker. Doch der wesentlichste Desensibilisator scheint, unabhängig von allen anderen Einflüssen, die lokale Anwendung von Erdnussöl auf der Haut zu sein. Die Forscher fanden heraus, dass bei Kindern eine Sensibilisierung auf Erdnussproteine durch Applikation von Erdnussöl auf die entzündete Haut hervorgerufen werden kann. Dies ist besonders deshalb von Bedeutung, weil dieses Öl oft als Schmiermittel in Salben verwendet wird. Sojaprodukte sind in diesem Zusammenhang ebenso als Risiko zu nennen, da das Sojaprotein jenem der Erdnuss ähnelt. Somit kann es zur Sensibilisierung beitragen. Daher sind Sojamilch oder Sojaöl ebenfalls mit einem gewissen Risiko assoziiert.
Natürlich sind die Bestrebungen in den USA besonders hoch, die Erdnussallergie in den Griff zu bekommen. Amerikanische Forscher konnten schon gute Ergebnisse mit einem injizierten, mono klonalen Anti-IgE-Antikörper (TNX-901) erzielen. So wird verhindert, dass sich das Allergen an das spezifische IgE bindet und so mit basophile Granulozyten und Mastzellen aktiviert. Im Durchschnitt stieg während einer Studie (Leung et al.) bei den Probanden mit der höchsten TNX-901-Dosis die Empfindlichkeitsschwelle von 178 mg Erdnussmehl auf 2.805 mg, was ungefähr einer Menge von neun Nüssen entspricht.

RISIKO BEI FERNREISEN

Doch nicht immer kommen die Allergene zu uns. Unser Immunsystem wird auch bei Reisen in exotische Länder mit unbekannten Proteinen konfrontiert. So wird von einem bis dahin völlig gesunden, siebenjährigen Mädchen berichtet, das nach einem dreiwöchigen Badebesuch an einem See in den USA Kontakturtikaria an den Beinen entwickelte. In der vierten Woche schluckte die junge Patien tin eine kleine Menge des Seewassers und ent wickelte binnen weniger Minuten eine generalisierte Urtikaria, ein Larynxödem und einen Bronchospasmus. Als Ursache wurden die im Süßwasser stark vertretenen Cyanobakterien (Blau algen) entlarvt. Dies ist somit der erste dokumentierte Fall einer systemischen Anaphylaxie Ficus ¤Benjamin³ wurde eine Kreuzreaktivität mit Salat- und Platanen-LTP ermittelt. Daher ist die Diskussion, ob sich die Primärsensibilisierung nicht nur über die Nahrung, sondern inhalativ über die Pflanzensporen entwickeln könnte, noch heftig im Gange. Breiteneder präsentierte außerdem ein sowohl bezüglich des Herkunftslandes als auch punkto Vorkommen exotisches Allergen: ¤Äußerst interessant und ungewöhnlich ist ein pflanzlicher Allergieauslöser, der weder im Blütenstaub noch in der Nahrung extrahiert werden konnte, sondern ein besonders sel auf Blaualgen.
Die Welt der Pollen ist ein schier unendliches Reservoir von Allergenen. Arbeitsgruppen rund um den Globus entdecken fast täglich neue Unverträglichkeit auslösende Pollenstrukturen. Als Beispiel eines erst kürzlich gefundenen Eiweißes nannte Breiteneder ein lipid transfer protein (LTP) der Platane. Dies ist deshalb bemerkenswert, da die LTPs wichtige Nahrungsmittelallergene sind und ursprünglich in Pfirsich, Marille und anderen Obstsorten beschrieben wurden. Nun ist das Platanenpollenkorn bereits der dritte Blütenstaub, aus dem LTPs extrahiert werden konnten. Tatsächlich wurde eine Kreuzreaktivität mit Salat- und Platanen-LTP ermittelt. Daher ist die Diskussion, ob sich die Primärsensibilisierung nicht nur über die Nahrung, sondern inhalativ über die Pflanzensporen entwickeln könnte, noch heftig im Gange.
Breiteneder präsentierte außerdem ein sowohl bezüglich des Herkunftslandes als auch punkto Vorkommen exotisches Allergen: "Äußerst interessant und ungewöhnlich ist ein pflanzlicher Allergieauslöser, der weder im Blütenstaub noch in der Nahrung extrahiert werden konnte, sondern ein besonders seltener Fall eines westafrikanisches Holzallergens ist: das Obeche-Holz, welches als Saunaauskleidung verwendet wird und inhalativ sensibilisiert. Für Allergiker kann ein Saunagang dieser Art fatale Folgen haben!"

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