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Dermatologie 26. Jänner 2006

Hämangiom: Abwarten oder Handeln?

Die beunruhigten Eltern konsultieren mit ihrem Neugeborenen den Kinderarzt: Seit zwei Wochen findet sich ein kleiner roter Fleck an der kindlichen Wange, der täglich größer wird. Nun liegt es am Geschick der Pädiater - meist die erste Anlaufstelle in solchen Fällen - die vielen harmlosen Läsionen von vaskulären Missbildungen oder komplexeren Hämangiomen zu unterscheiden und, wenn nötig, eine weiterführende Diagnostik oder eine rasche Therapie einzuleiten.
Die Herangehensweise von einer einzelnen Fachrichtung kann allerdings mitunter ein weites Spektrum an Möglichkeiten ausblenden. Und so ist die Etablierung interdisziplinärer Spezialambulanzen ein oft gewünschtes Ziel, wie die Kinderärztin Dr. Eva Frey, Hämato-Onkologische Ambulanz, St. Anna Kinderspital, auf einer multidisziplinären Fortbildungsveranstaltung im Wiener Billrothhaus Anfang Juli 2004 berichtete.

DIFFERENZIERUNG VASKULÄRER ANOMALIEN

Nach heutiger Nomenklatur lassen sich vaskuläre Anomalien in neoplastische Hämangiome und angeborene vaskuläre Malformationen unterscheiden (Abb.). Diese auch histologisch sehr verschiedenen Formen bedürfen eines unterschiedlichen therapeutischen Zuganges. In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um klassische Hämangiome, die vor allem oberflächlich lokalisiert sind. Jede dritte Malformation ist bereits bei der Geburt sichtbar, zu 70 Prozent geben sich die Hämangiome in der ersten bis vierten Lebenswoche zu erkennen. Mädchen sind eher betroffen, eine Häufung tritt zudem bei Frühgeborenen und oft nach ei ner Chorionzottenbiopsie auf. "Möglicherweise hängt dies mit einer Freisetzung gefäßprolife rativer Substanzen bei einer Verletzung der Plazenta zusammen", erklärte Frey. 83 Prozent der Hämangiome treten im Kopf-Halsbereich auf. Der Verlauf ist typisch: Nach einer Proliferationsphase zwischen dem 8. und 12. Lebensmonat über eine frühe Involutionsphase kommt es zur späten Involutionsphase im 5. bis 6. Lebensjahr. Zwei Drittel der Hämangiome heilen voll ständig und ohne Residuen ab. "Insofern kommt der Beobachtung der Läsion ein wesentlicher Stellenwert zu, engmaschige Kon trolluntersuchungen sind sinnvoll", so Frey. Befindet sich ein vaskulärer Tumor in Rückbildung, wird therapeutisch Zurückhaltung geübt. Vor allem die Lokalisation ist für die Entscheidung zwischen Beobachtung und therapeutischem Eingreifen von großer Bedeutung: Auch bei tiefliegenden oder gemischt lokalisierten klassischen Hämangiomen sind Eingriffe aufgrund der betroffenen Strukturen vorerst zu überdenken.

SONDERFORMEN IDENTIFIZIEREN

Wichtig ist laut Frey auch, Sonderformen von Hämangiomen herauszufiltern und einer weiterführenden Diagnostik zuzuführen. So können ausgedehnte Hämangiome im kraniofaszialen Bereich auch mit viszeralen Beteiligungen etwa der Leber assoziiert sein. Der klinische Verlauf ist hier sehr unterschiedlich. Auch an eine Kombination mit Fehlbildungen innerer Organe muss gedacht werden: So sind bei lumbosakralen Hämangiomen mögliche Anomalien im urogenitalen Bereich abzuklären, bei Lokalisationen im Gesicht ist eine ZNS-Diagnostik etwa auf eine Posterior-Fossa-Malformation sinnvoll. Die wichtigsten Untersuchungsschritte (Tabelle) umfassen neben der Bestimmung der Art der vaskulären Anomalie auch die Lokalisation. Besonders bei kritischen Stellen im Bereich der Sinnesorgane oder der oberen Atemwege ist die Indikation zum Eingriff naturgemäß eher zu stellen. Oft gehen die Hämangiome allerdings - auch an heiklen Stellen - rasch von selbst zurück, ohne Schäden zu hinterlassen. "Vor allem die Erfahrung des betreuenden Arztes ist hier gefragt", so Frey.

INTERDISZIPLINÄRE KOMPETENZZENTREN

Die Etablierung interdisziplinärer Kompetenzzentren ist daher eine Forderung vieler in diesem Forschungsbereich tätigen Kollegen. In einer Spezialambulanz würden nicht erst die Therapie, sondern bereits die diagnostischen Schritte von den verschiedenen Fachrichtungen gemeinsam geplant. Eine solche interdisziplinäre Kooperation wird zurzeit von den Klinikabteilungen der plastischen und wiederherstellenden Chirurgie, der Radiodiagnostik, der Angiologie und interventionellen Radiologie, der speziellen Dermatologie, des Zentrums für Medien in der Medizin und des St. Anna Kinderspitals gebildet.

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Dr. Ronny Teutscher, hautnah 5/2004

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