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Dermatologie 26. Jänner 2006

Kosmetika sind sicher, aber nicht für jeden

Im Bereich der Schönheitspflege besteht eine große Widersprüchlichkeit zwischen den Behauptungen der Kosmetikindustrie und den Empfindungen der Konsumenten. Während sich die Hersteller der Schönheitsartikel überzeugt geben, dass ihre Produkte gut verträglich und sicher sind, häufen sich die Klagen von Verbrauchern. Ärzte vermuten, dass bereits ein Viertel der Kunden von Frisier- und Schönheitssalons schlechte Erfahrungen mit dort verwendeten Kosmetika machen musste. Hypoallergen, antiallergen, Allergie getestet, von Dermatologen empfohlen, für empfindliche Haut gemacht – all diese Begriffe sind dem Marketing der Kosmetikindustrie entnommen und laut Prof. Dr. Werner Aberer, Universitätsklinik Graz für Dermatologie und Venerologie, Abteilung für Umweltdermatologie und Venerologie, „absolut nichts sagend, da es keinerlei Kriterien für diese Behauptungen gibt“.

KLARE GESETZESLAGE VERSUS LEICHTFERTIGE ANWENDUNG

Der Gesetzgeber gewährleistet ein lückenloses Überwachungssystem. Das EU-Recht schreibt den Herstellern vor, dass kosmetische Mittel die Gesundheit nicht schädigen dürfen, allerdings unter der Voraussetzung einer vernünftigen und vorhersehbaren Verwendung. Der zweite Teil der Forderung wird jedoch von den Konsumenten allzu leichtfertig gehandhabt. Gebrauchsanweisungen werden kaum gelesen und die Präparate leichthin (über-)dosiert. Dabei hängt eine allergische Reaktion bei bestimmten Stoffen nicht nur von der Sensibilisierungspotenz des Allergens und der individuellen, genetischen Empfindlichkeit ab, sondern ebenso von Häufigkeit, Intensität und Dauer des Kontakts. So werden Substanzen wie Haarwuchsmittel, Haarsprays, Gesichtsmasken und Färbemittel beständig zu lange auf der Körperoberfläche belassen – mit bisweilen unangenehmen Folgen für die Gesundheit.
Bei einer allfälligen Hautreaktion muss prinzipiell zwischen Hautreizung und überschießender Immunreaktion unterschieden werden. Eine Hautreizung wird in den meisten Fällen durch falsche Handhabung des Präparates hervorgerufen. Bei einer Allergie reagiert der gesamte Organismus auf einen harmlosen Stoff überschießend durch Ausprägung verschiedener Unverträglichkeitsreaktionen. Ein typisches Merkmal ist das allergische Kontaktekzem, das etwa drei Tage nach dem Kontakt auftritt. Die Haut rötet sich, schwillt an und fängt schlussendlich zu nässen an. Die fachärztliche Diagnose und die genaue Identifizierung kann mit einem Epikutan- oder Pflaster-Hauttest getroffen werden. Dafür ist eine ausführliche Anamnese und Erfahrung notwendig. Aberer hält es außerdem für unbedingt notwenig, den Patienten danach ausführlich über mögliche Folgen und Vorsichtsmaßnahmen aufzuklären.

DIE MENGE MACHT DAS GIFT

Die Identifizierung der auslösenden Substanz ist mitunter schwierig. Denn oft stellt sich beim Gebrauchstest heraus, dass ein bestimmter allergen wirkender Stoff innerhalb des verwendeten Produktes keinerlei Probleme bereitet, da er extrem niedrig dosiert ist. Außerdem ist eine reine Stoffdiskussion, so Aberer, aus wissenschaftlicher Sicht problematisch. Eine Substanz kann allein stehend gesundheitsschädlich sein, im Verbund mit anderen Stoffen jedoch nützlich und brauchbar. So sind Konservierungsstoffe per se antimikrobiell wirksam und naturgemäß in größerer Menge auch für menschliche (Haut)-Zellen schädlich. So bewahrheitet sich in vielen Fällen der alte Leitsatz „Allein die Menge macht das Gift!“ von Paracelsus.
Strenge Grenzwerte gewährleisten den Schutz der Konsumenten. Nichtsdestotrotz lösen Konservierungsstoffe bei empfindlichen Menschen rasch Irritationen aus. Dies ist besonders deshalb unangenehm, weil sie zwangsläufig in nahezu allen Pflegeartikeln vorkommen müssen. „Auch in Biokosmetika finden sich, entgegen der gebräuchlichen Meinung, Konservierungssubstanzen. Diese Tatsache verdrängen viele Patienten, vor allem jene, die aufgrund ihrer Allergie die Bioläden aufsuchen“, warnt Aberer. Andererseits finden sich in vielen Biocremen vom Bauernmarkt unter Umständen weniger Konservierungsmittel, was wiederum die Gefahr von sensibilisierenden Kontaminanten und mikrobieller Verunreinigung deutlich erhöht. Aberer nennt noch ein Problem im Angebot von Biopflegeprodukten: Diese werden gerne als rein pflanzliche Mixturen angepriesen, dabei sind oftmals gerade pflanzliche Substrate starke Allergene. Selbst Schwermetalle sind in einigen Schönheitsprodukten, vor allem in billigen Augenkosmetika, zu finden. Diese sind häufig nicht deklariert, da nicht einmal die Produzenten ahnen, dass zugekaufte Ingredienzien die Metalle beinhalten.

GEFÄHRLICHE TATOOS UND DUFTSTOFFE

Verbotene Farbstoffe sind auf einem anderen Gebiet in Österreich fast schon salonfähig. Aberer ironisch: „Eigentlich dürfte es in Österreich gar keine Tätowierungen geben. Denn kein einziger der verwendeten Farbtinten erfüllt die strengen, gesetzlichen Auflagen.“ Unschöne Hautreaktionen sind daher nicht selten. Weitere vielfach allergieauslösende Substanzen sind Duftstoffe. Daher wird die EU die Regel, aufgrund welcher alle Inhaltsstoffe nach der International Nomenclature of Cosmetic Ingredients (INCI) gekennzeichnet werden müssen, bis März 2005 auch auf jene 26 Duftstoffe ausweiten, die nach bisherigen Erfahrungen in Verdacht stehen, Unverträglichkeitsreaktionen auszulösen.
Irritative Dermatiden werden außerdem von Tensiden hervorgerufen, die für den modernen Reinigungsprozess mittlerweile unentbehrlich geworden sind. Shampoos, Pflegespülungen und Reinigungsmittel beinhalten die molekularen Reinmacher, die nicht nur den Schmutz lösen, sondern daneben als Emulgatoren zwei verschiedene Lösungen miteinander verbinden können. Dadurch verringert sich die Oberflächenspannung des Wassers, und es kann tief in die Spalten der Haut eindringen, um dort den lipophilen Schmutz heraus zu spülen. Zugleich wirken Tenside keimtötend. Meint man es mit der Exposition indes zu gut, greifen Tenside den natürlichen Fettfilm der Haut an, die dadurch austrocknet. So wird die Ekzembildung forciert. Andere Hautveränderungen wie Augenreizungen, Kontakturtikaria, Hyper- und Depigmentierungen sowie Nagelveränderungen aufgrund kosmetischer Einwirkungen treten seltener auf.

UNVERTRÄGLICHKEITEN WERDEN SELTEN GEMELDET

Eigentlich sind die Kosmetikfirmen dazu angehalten, gewissenhaft jede Art von Unverträglichkeit zu dokumentieren. Ein großes Hindernis stellt allerdings die Meldeproblematik dar. Einen Hinweis dazu liefert die Datenbank der Nahrungs- und Arzneimittelaufsicht (Food and Drug Administration – FDA) der Vereinigten Staaten, in der Meldungen über Kosmetiknebenwirkungen gesammelt werden. Aberer zeigt sich über die geringe Anzahl der gesammelten Ergebnisse erstaunt: „Dort werden pro Jahr nur rund 500 Meldungen registriert. Diese Zahl ist in Hinblick auf die Größe des Landes und der Summe der verkauften Artikel lächerlich. Zusätzlich verblüfft, dass keine einzige Beschwerde von einem Konsumenten direkt stammt! Das zeigt uns, dass die Verbraucher die zuständigen Beschwerdestellen gar nicht kennen. Die dort gesammelten Daten lassen keine absoluten Aussagen zu und sind daher nutzlos. Unsere verlässlichen Erkenntnisse begründen sich indessen auf die prognostische Arbeit der Industrietoxikologen und die diagnostische Treffsicherheit der Dermatologen.“
Und diese zwei Quellen widersprechen einander zum Teil massiv. Während die Industrie unerwünschte Reaktionen als minimal angibt, spürt die Datenlage der Dermatologen bedeutende Sicherheitsmängel auf. So vermuten die Ärzte, dass bereits ein Viertel der Kunden von Frisier- und Schönheitssalons schlechte Erfahrungen mit den dort verwendeten Kosmetika machen musste. Aberer hofft daher für die Zukunft auf verbesserte Datenerhebungen und lückenlosere Kontrollen des Gesetzgebers. Vor allem aber wünscht er sich mündigere Konsumenten: „Kosmetikprodukte sind sicher, aber nicht für jeden. Der Gebrauch wirksamer Kosmetika ist immer mit einem gewissen Maß an Risiko verbunden. Schönheitsprodukte sind in unserem täglichen Leben kaum noch wegzudenken, dennoch sollten die Menschen sich etwas kritischer fragen, ob sie wirklich jedes Präparat benötigen, nur weil es gerade am Markt zu haben ist. Außerdem ist Aufklärung angebracht, ohne dabei Ängste zu schüren, denn bei aller Vorsicht ist immerhin ein Großteil der Kunden zufrieden.“

Raoul Mazhar

Quelle: Kosmetikseminar „Wie sicher ist meine Creme?“, Risikobewertung bei kosmetischen
Produkten; 27. April 2004, Wien; Veranstalter: Kosmetik transparent.
Link: http:/www.bmgf.gv.at

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