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Dermatologie 17. August 2005

Allergieauslösende Insekten abseits von Biene und Wespe

Die Insekten sind sowohl hinsichtlich der Individuen als auch der Artenzahl (über 750.000 Species) die erfolgreichste Tiergruppe der Erde. Kontakt mit Insektenproteinen ist indoor wie outdoor möglich und kann auf vielfältige Weise erfolgen: Stiche durch Giftstachel, hämatophage Ektoparasiten sowie Inhalation und Ingestion.

Seltene Hornissenstiche

Unter den Stechinsekten (Hymenopteren) sind Bienen und Wespen die bei uns bekanntesten und häufigsten Auslöser von Allergien. Stiche durch Hornissen, die eng mit den Wespen verwandt sind, kommen nur gelegentlich vor, da diese Insekten wenig aggressiv sind. In fast allen Fällen liegt bei allergischen Reaktionen nach einem Hornissenstich eine primäre Wespengiftallergie vor. Wespengift ist deshalb sowohl für die Diagnose als auch für eine eventuelle Immuntherapie bei den betroffenen Patienten geeignet. Hornissenstiche könnten aber mit einem höheren Risiko besonders schwerer Reaktionen verbunden sein, möglicherweise wegen der größeren Menge an injiziertem Gift. Entgegen einem verbreiteten Irrglauben sind Hornissenstiche nicht wesentlich giftiger als Wespen- oder Bienenstiche, wo lebensbedrohliche toxische Reaktionen bei Erwachsenen erst bei etwa 200 bis über 1000 Stichen zu erwarten sind. Es ist dokumentiert, dass Erwachsene über 2000 beziehungsweise Kinder über 800 Stiche überlebt haben.

Wespen und Hummeln

In Mittelmeerländern sind auch Vertreter der Gattung Polistes (Feld- oder Papierwespen) als Allergieauslöser wichtig. Ihr Gift kreuzreagiert mit dem der Wespen (Gattung Vespula) nur begrenzt und Polistes-spezifische Sensibilisierungen kommen regelmäßig vor. In Österreich sind Stiche durch Feldwespen, die nur kleine Staaten bilden und ausgesprochen wärmeliebend sind, eher selten. Auch Hummeln, nahe Verwandte der Honigbiene, können stechen, wenngleich sie dies nur selten tun. Spezifische Hummelallergien wurden in den letzten Jahren vermehrt bei Glashausgärtnern beobachtet, da Hummeln häufig zur Bestäubung in Grünhäusern eingesetzt werden. Die Kreuzreaktivität mit Bienengift ist begrenzt oder überhaupt fehlend, sodass nur Hummelgift selbst zur Diagnostik und Therapie geeignet ist.

Ameisen-Gefahr in Übersee

Die nahe mit den Wespen verwandten Ameisen sind bei uns, abgesehen von wenigen Fallberichten, allergologisch nicht relevant. Es soll aber – auch angesichts des zunehmenden Massentourismus – nicht unerwähnt bleiben, dass stechende Ameisen in anderen Ländern als Allergieauslöser mitunter wichtiger als Bienen und Wespen sind. Die Feuerameise (red imported fire ant, Solenopsis invicta), Anfang der 30er-Jahre aus Südamerika in die USA eingeschleppt und mittlerweile trotz intensiver Bekämpfungsmaßnahmen über die gesamten südlichen Bundesstaaten verbreitet, kann sowohl schwere toxische Hautreaktionen (oft hunderte simultane Stiche!) als auch potenziell fatale Anaphylaxien auslösen. Zusätzlich verursachen die Tiere jährlich Sachschaden in Höhe von mehr als drei Milliarden US-Dollar. 2001 wurde die Feuerameise nach Kalifornien verschleppt, kürzlich wurde sie erstmals auch aus Australien gemeldet.
Von ihren ökologischen Ansprüchen her könnte die Feuerameise theoretisch auch im Mittelmeerraum überleben. Da die Phospholipase des Feuerameisengiftes (Sol i 1) eine gewisse Strukturähnlichkeit mit der Phospholipase im Wespengift zeigt, sind klinisch relevante Kreuzreaktionen nicht ganz auszuschließen. Allergische Reaktionen europäischer Wespengiftallergiker nach Erstkontakt mit Feuerameisen wurden zumindest anekdotisch beschrieben. In den letzten Jahren sind auch andere Ameisenarten als Auslöser anaphylaktsicher Reaktionen bekannt geworden. In Ostaustralien und Tasmanien spielt die „jack jumper ant“ (Myrmcia pilulosa) eine wichtige Rolle, mit lokalen Prävalenzen klinisch manifester Allergien von bis zu drei Prozent und mehreren dokumentierten Todesfällen. Im asiatischen Raum (Korea, China, Japan) wurden verschiedene Arten der Gattung Pachycondyla als Allergieauslöser erkannt. Weitere neue Arten wurden aus Südamerika und dem Nahen Osten gemeldet.

Blutsaugende Insekten

Zahlreiche blutsaugende Insekten, wie Stechmücken , Bremsen, Kriebelmücken und Gnitzen, können mehr oder weniger starke Lokalreaktionen auslösen. Die verantwortlichen Allergene sind im Insektenspeichel enthalten, der während des gesamten Stichaktes in die Wunde sezerniert wird und vasodilatorisch sowie gerinnungshemmend wirkt. Zumindest für Stechmücken wurde die gute Wirksamkeit einer prophylaktischen Medikation mit H1-Rezeptorantagonisten bezüglich Größe und Persistenz der Hautläsionen (insbesondere der kutanen Soforttypreaktion) sowie des assoziierten, oft quälenden Juckreizes belegt. In jüngsten vergleichenden Studien erwies sich Cetirizin in der normalen Tagesdosis von 10 mg anderen Substanzen in äquivalenter Dosierung überlegen. Bei Loratadin scheinen höhere Dosen (2x10 mg) für eine vergleichbare Wirkung notwendig zu sein. Möglicherweise sind Antihistaminika auch bei Stichreaktionen durch andere hämatophage Insektengruppen wirksam, da teilweise ähnliche Pathomechanismen vorliegen dürften. Kontrollierte Studien dazu stehen aber aus.
Systemische Reaktionen auf blutsaugende Insekten sind sehr selten, aber beispielsweise für Bremsen und Stechmücken gut dokumentiert. Vergleichsweise häufig treten schwere anaphylaktische Reaktionen in den südlichen USA und Mittelamerika nach Stichen von Raubwanzen auf. Der Stich der ein bis drei Zentimeter großen Tiere erfolgt hauptsächlich nachts während des Schlafes („nocturnal anaphylaxis“) und ist absolut schmerzlos, was den Tieren den Namen „kissing bugs“ eingebracht hat.

Gefahr in Beruf und Hobby

Zahlreiche Insekten sind regelmäßig im Lebensraum des Menschen zu finden und stellen somit auch ein Reservoir an potenziellen Inhalationsallergenen dar, dessen klinische Bedeutung erst ansatzweise beleuchtet wurde. Die berufliche Exposition gegenüber Insekten, etwa im Bereich der wissenschaftlichen Forschung, der biologischen Schädlingsbekämpfung und der Futtertierzucht, ist mit einem erheblichen Sensibilisierungsrisiko verbunden. Bis über 50 Prozent der Belegschaft können von allergischen Symptomen (Rhinitis, Conjunctivitis, Kontakturtikaria, Asthma, Anaphylaxie) betroffen sein. Heuschrecken, Grillen (Heimchen), zahlreiche Fliegenarten, Schmetterlinge, Käfer und andere sind als Auslöser dokumentiert.
Berufsbedingte Inhalationsallergien gegen Insektenproteine finden sich gelegentlich bei Bäckern, die über durch Vorratsschädlinge (Mehlmotten, Reismehlkäfer, Kornkäfer, Brotkäfer) kontaminierte Rohstoffe sensibilisiert wurden. Selbst Stubenfliegen (Musca domestica) können Ursache einer spezifischen Inhalationsallergie sein. Kurios sind die zunehmenden Probleme in den USA mit dem um 1980 zur biologischen Schädlingsbekämpfung aus Japan eingeführten Marienkäfer Harmonia axyridis (multicoloured asian lady beetle). Die Tiere haben sich mittlerweile über weite Teile des Landes verbreitet und die Gewohnheit, in Ermangelung anderer geeigneter Überwinterungsquartiere zu tausenden kollektiv in Wohnhäusern zu überwintern. Neben Verschmutzung und erheblicher Geruchsbelästigung treten zunehmend spezifische Allergien auf.
Auch der Kontakt mit Insektenlarven, welche häufig als Tierfutter (zum Beispiel Mehlwürmer) oder Fischköder (Fliegenmaden) Verwendung finden, ist eine gut dokumentierte Ursache für kontakturtikarielle Reaktionen, Rhinoconjunctivis und Asthma, etwa bei Terrarianern beziehungsweise Hobbyanglern. Für Aquarianer stellen Zuckmückenlarven (Chironomidae, „Rote Mückenlarven“), die sowohl als Lebendfutter als auch tiefgekühlt oder als Pulver erhältlich sind, eine hochpotente Allergenquelle dar. Das verantwortliche Hauptallergen ist ein Hämoglobin und wurde schon in den 80er-Jahren identifiziert. Auch wenn Sensibilisierungen gegen diese Insekten vergleichsweise selten sind, sollte in der allergologischen Anamnese bei der Frage nach Haustieren auch die Haltung von Reptilien und Fischen berücksichtigt werden.

Ubiquitäre Haushaltsinsekten

Die klinische Bedeutung ubiquitärer Haushaltsinsekten (z.B. Silberfischchen, Fliegen, Motten) in der Allgemeinbevölkerung ist unklar. Routinetestungen mit diversen Insektenextrakten bei Atopikern ergaben Sensibilisierungsprävalenzen von bis zu 30 Prozent. In vielen, aber nicht allen Fällen dürfte dies Folge einer Kreuzreaktivität mit dem Hausstaubmilbenallergen Der p 10 (Tropomyosin) sein, das in sehr ähnlicher Form in praktisch allen Insekten vorkommt. Untersuchungen an Hausstaubproben haben ergeben, dass der Gehalt an Tropomyosin nicht allein von der residenten Hausstaubmilbenpopulation stammen kann, sondern offensichtlich auch wesentlich von Insekten stammt. Patienten mit einer Tropomyosinsensibilisierung reagieren im Allergietest in der Regel mit vielen verschiedenen Insektenextrakten („Insekten-Panallergie“) und weisen außerdem häufig eine Unverträglichkeit von Shrimps, Schnecken und Muscheln auf, die ebenfalls dieses Allergen enthalten.
Schaben sind in den USA und zahlreichen Entwicklungsländern ein sehr wichtiges Inhalationsallergen und eng mit niedrigem sozialen Status und schwerem Asthma assoziiert, aus Europa liegen aber nur wenige diesbezügliche Untersuchungen vor. Lediglich aus Polen wurden relative hohe Sensibilisierungsprävalenzen berichtet, bei uns dürften Schaben keine wesentliche Rolle als Auslöser von Respirationsallergien spielen.

Honig und Gelee royale

Die orale Aufnahme von Insektenallergenen ist bei der Konsumation von Honig gegeben. Obwohl Honigallergien meist durch Pollenallergene verursacht sind (Kreuzreaktion Sonnenblume – Beifuß/Ragweed!), dürften auch bienenspezifische Allergene beteiligt sein. Möglicherweise besteht über diese Allergene eine direkte Querverbindung zur Gelée royale-Allergie. Gelée royale (Königinnensubstanz, royal jelly) wird in speziellen Kopfdrüsen junger Arbeiterbienen produziert und dient primär als Larvenfutter. Es existieren etliche Fallberichte über teils schwere allergische Reaktionen nach Einnahme von Gelée royale (Bronchospasmus, Urtikaria, Angioödem), auch Todesfälle sind bekannt geworden. Epidemiologischen Studien zufolge könnten etwa fünf Prozent der Gelée royale-Konsumenten allergisch reagieren, wobei insbesondere Asthmatiker aller Altersgruppen betroffen sind. Reaktionen bei Erstkontakt sind möglich. Ein weiteres gut dokumentiertes oral aufgenommenes Insektenallergen ist Carmin (Cochenillerot). Cochenillerot wird aus Schildläusen gewonnen und als Farbstoff in Kosmetika (Lippenstifte, Rouge) und diversen Lebensmitteln (zum Beispiel Campari, Seafood, Eis) eingesetzt. Die Reaktionen verlaufen mitunter dramatisch, und zahlreiche Patienten (meist Frauen! Kosmetika als Sensibilisierungsquelle?) zeigen wiederholte Episoden bis zur erfolgreichen Diagnose.

Dr. Wolfgang Hemmer, hautnah 3/2004

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