zur Navigation zum Inhalt
 
Dermatologie 26. Jänner 2006

Verordnung von Antacida nur nach exakter Indikation

Magensäure-Hemmer spielen in der Entstehung von Nahrungsmittelallergien gegen Haselnuss eine wachsende Rolle. Von Dr. Isabella Schöll, Dr. Eva Untersmayr und Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim, Wien*

In den industrialisierten Ländern steigt die Zahl der Menschen, welche auf Nahrungsmittel allergisch reagieren, ständig an und betrifft derzeit etwa zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Die Induktion einer Nahrungsmittelallergie wird zurzeit zwei grundsätzlichen Mechanismen zugeschrieben:

  • Einerseits kann eine Sensibilisierung mit einem Nahrungsmittel direkt über den oralen Weg erfolgen. Dafür werden verdauungsstabile Proteine verantwortlich gemacht, die als „echte“ oder „Klasse I“-Nahrungsmittelallergene bezeichnet werden. Durch ihre Stabilität erreichen die Proteine unverdaut den Gastrointestinaltrakt, und können auf diese Art immunkompetente Zellen erreichen und die Bildung von IgE-Antikörpern stimulieren.
  • Andererseits kann ein Patient nach einer Sensibilisierung mit inhalativen Allergenen IgE-Antikörper bilden, welche in der Folge Kreuzreaktionen mit Allergenen in der Nahrung bewirken (Abb.). Die Liste der dokumentierten Kreuzreaktivitäten wächst ständig (Tabelle 1). Beinahe klassisch wird auch die Haselnussallergie auf eine erste Sensibilisierung über Pollen zurückgeführt. Dabei werden IgE-Antikörper zuerst gegen das Hauptallergen Bet v 1 der Birke gebildet, und reagieren dann auch mit seinem Homologen in der Haselnuss, Cor a 1.

 detail

 detail

Magensaft als Allergen-Killer

Allerdings mehren sich in jüngster Zeit Berichte über echte Haselnussallergien, die auch als Monosensibilisierung auftreten können. Dabei zeigen Patienten Symptome nach dem Genuss von Haselnüssen, ohne gleichzeitig gegen verwandte Baumpollenallergene zu reagieren. Im Gegensatz zu den pollenassoziierten Kreuzreaktionen mit oft leichter Symptomatik (wie zum Beispiel orales Allergiesyndrom), werden bei diesen Patienten vermehrt schwer wiegende Symptome beobachtet. Für diese Patientengruppe wurden vor allem IgE-Bindungen gegenüber Proteinen mit einem Molekulargewicht von 8-12 und 30-50 Kilodalton in Extrakten von Haselnuss festgestellt.
Interessanterweise werden Proteine im Haselnussextrakt binnen weniger Sekunden in simulierter gastrischer Flüssigkeit abgebaut, und sollten daher kein Potenzial für eine orale Sensibilisierung haben. Dies gilt allerdings nicht, wenn die Verdauung im Magen-Darm-Trakt aus verschiedenen Gründen behindert ist, beispielsweise, wenn Pepsinogen im Magen nicht zum aktiven Pepsin konvertiert wird. Diese Konvertierung erfordert einen niedrigen pH-Wert (pH<3.0). Wird jedoch der pH im Magen über längere Zeit angehoben, wie dies unter einer Ulkus-Behandlung als Therapieziel angestrebt wird, dann kann der Proteinabbau nur mehr eingeschränkt erfolgen. Zu diesen Magensäure-hemmenden Medikamenten zählen unterschiedlich wirkende Substanzen (Tabelle 2), die weltweit zu den am meisten verkauften Medikamenten gehören: 19,5 Milliarden US-Dollar wurden 2001 weltweit ausgegeben, seit elf Jahren führen Anti-Ulkusmedikamente diese Hitliste an .
In einer Beobachtungsstudie an einer ungarischen Klinik entwickelten Patienten, die wegen gastrischer Probleme (Dyspepsie, Gastritis, Ulkus) in Behandlung waren, eine Sensibilisierung gegen eine Reihe von Nahrungsmitteln, darunter drei Prozent eine genuine Haselnussallergie ohne begleitende kreuzreaktive Allergien. Um diese Situation im Labor nachzustellen, kann der pH im In-vitro-Verdauungsexperiment von 2,0 auf 5,0 angehoben werden. Tatsächlich werden die Haselnussproteine unter erhöhten pH-Bedingungen (pH 5,0) nicht mehr regulär verdaut.
Füttert man Mäuse mit Haselnussextrakt unter gleichzeitiger Gabe von anti-aziden Medikamenten, so entwickeln sie schon nach zwei bis drei Fütterungen Haselnuss-spezifische Antikörper der IgG1-Klasse. Diese gelten in der Maus als Indikatoren einer allergischen Immunitätslage mit Dominanz der Th2-Lymphozyten. Zusätzlich reagieren Säure-supprimierte Mäuse auch im Hauttest positiv auf Haselnussextrakt, wohingegen die Kontrollgruppe, die nur mit Haselnussextrakt alleine gefüttert wird, negativ bleibt.

der Magen verliert seine „gate-keeping“-Funktion

Die In-vitro-Verdauungsversuche, In-vivo-Tierexperimente und klinische Daten deuten daher darauf hin, dass ein erhöhter pH-Wert im Magen die Proteinverdauung beeinträchtigt. Damit verliert der Magen seine „gate-keeping“-Funktion, und Proteine, die normalerweise der Verdauung nicht widerstehen, erhalten allergenes Potenzial (Abb.). Erhöhte Stressbelastung, ungesunde Ernährung und zu rasche Nahrungsaufnahme sowie Alkoholkonsum führen zu häufigem Auftreten von Sodbrennen, Gastritis und anderen Beschwerden des Magen-Darm-Traktes, die oft vom Patienten selbst kuriert werden. Besonders in den USA ist der freie Verkauf von H2-Blockern und seit kurzem auch von Omeprazol erlaubt, und diese Medikationen unterliegen nicht mehr der ärztlichen Kontrolle. Dies führt zu unkontrolliert hohen Einnahmen dieser Substanzen in der Bevölkerung. Unter den Gesichtspunkten, dass harmlose Proteine unter Hypoazidität zu potenten Allergenen werden können, scheint jedoch eine restriktivere Handhabung von Magensäure-supprimierenden Medikamenten unter ausdrücklicher ärztlicher Verordnung bei eindeutiger Indikation notwendig.

*Dr. Isabella Schöll, Dr. Eva Untersmayr und Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim, Abteilung für Pathophysiologie, Medizinische Universität Wien, www.allergology.at

Literatur bei den Verfasserinnen

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben