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Dermatologie 26. Jänner 2006

Häufige Krankheitsbilder bei Kindern und Jugendlichen

Auch kleinere Mädchen können schon mit Symptomen am äußeren Genitale – zum Beispiel einer Vulvovaginitis – beim Kinderarzt vorstellig werden. Trotz des meist uniformen klinischen Bildes können die Ursachen mannigfaltig sein. Gynäkologische Symptome und Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter sind immer im Zusammenhang mit dem jeweils aktuellen endokrinologischen Entwicklungsstand des Mädchens zu sehen. Nur im Kontext des Symptoms zum Entwicklungsstand ist es möglich, altersabhängige Normvarianten von echter Pathologie zu unterscheiden. Sonst besteht die Gefahr, gesunde Mädchen unberechtigt zu gynäkologischen Patientinnen zu machen beziehungsweise durch eine verspätete Diagnostik und Therapie irreparable körperliche und psychische Schäden zu setzen. Die Aufgabenstellung der Kinder- und Jugendgynäkologie ist somit sehr umfassend (Tabelle 1). Symptome am äußeren Genitale sind mit 40 bis 60 Prozent die häufigsten Konsultationsgründe in kinder- und jugendgynäkologischen Sprechstunden, gefolgt von Störungen in der Pubertät (20 bis 40 Prozent), die sich meist als Menstruationsstörungen bemerkbar machen. Eine Aufstellung der Häufigkeitsverteilungen aus einer somatisch orientierten kinder- und jugendgynäkologischen Sprechstunde sind der Tab. 2 zu entnehmen.

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Häufigstes Symptom: Vulvovaginitis

Klinik: Das klinische Bild einer Vulvovaginitis ist meist uniform mit Rötung der Vulva, Fluor und evtl. Dysurie.Ätiologie: Die Ätiologie ist vielfach abhängig vom hormonalen Entwicklungsstand (Tabelle 3). Das atrophische, nicht östrogengeschützte Vaginalepithel junger Mädchen ist besonders empfänglich gegenüber unspezifischen bakteriellen Infektionen. In der Kindheit dominiert die Begleitvulvovaginitis, die sich infolge einer Infektion der oberen Luftwege, im Zusammenhang mit klassischen Kinderkrankheiten oder bei Harnwegsinfekten manifestiert. Auch der durch Darmparasiten verursachte Fluor oder die äußerst fötide vaginale Sekretion bei intravaginalem Fremdkörper ist bevorzugt bei sehr jungen Mädchen zu finden. In der Präpubertät und Pubertät gehen die unspezifischen Infektionen zurück. Als Folge der noch instabilen Achse Hypothalamus-Hypophyse-Ovar und diskontinuierlicher ovarieller Östrogenproduktion resultieren zahlreiche Übergangsbilder im vaginalen Abstrichbild, die in der Präpubertät durch einen dysfunktionellen Östrogenmangelfluor und in der Pubertät durch einen dysfunktionellen hyperöstrogenen Fluor (physiologischer Fluor) symptomatisch werden können (Abb. 1). Die spezifischen Infektionen nehmen zu (Abb. 2).
Diagnostik: Auch bei sehr jungen Mädchen muss, wenn Fluor festzustellen ist, das Vaginalsekret immer aus dem hinteren Scheidengewölbe entnommen werden, wobei ein Kontakt des Entnahmetupfers mit der Vulva zu vermeiden ist. Die Art der kulturellen Untersuchungen und damit die Anzahl der vaginalen Abstriche hängt wesentlich davon ab, welche Ursache der erfahrene „klinische Blick“ vermutet. Trotz des relativ uniformen klinischen Bildes der Vulvovaginitis können die Beschaffenheit des Fluors und die Art der Beschwerden Verdachtsmomente liefern, die mikrobiologische Untersuchungen notwendig machen (Tabelle 4). Bestätigen diese den Verdacht nicht und bestehen die Beschwerden weiterhin, ist im Zweifelsfall die gesamte Untersuchungspalette erforderlich.
Therapie: Die unspezifische bakterielle Vulvovaginitis bei Mädchen im Kindesalter erfordert meist keine besondere Therapie. Eine Veränderung der Hygienegewohnheiten bringt vielfach Beschwerdefreiheit. Zu empfehlen sind tägliche Reinigungen ausschließlich mit Wasser. Bei sekundär bedingter unspezifischer Vulvovaginitis ist immer die Grunderkrankung zu behandeln. Lauwarme Sitzbäder mit schwach gefärbter Kaliumpermanganat-Lösung von drei bis maximal fünf Minuten Dauer oder die lokale Anwendung von drei Prozent wässrig gelöstem Propolis können akute Symptome lindern.
Vaginale Infektionen durch hämolysierende Streptokokken der Gruppe A sind im Kindesalter entsprechend des Resistenztests systemisch zu behandeln. Spezifische Infektionen in der Pubertät und Adoleszenz, insbesondere durch Sexually Transmitted Diseases (STD), werden entsprechend den Richtlinien der Erwachsenen-Gynäkologie behandelt. Infektionen des inneren Genitale infolge einer Keimaszension aus der Vagina treten erst nach der Menarche auf. Unterbauchschmerzen bei sehr jungen Mädchen sind meist durch chirurgische oder urologische Erkrankungen, möglicherweise auch durch einen gynäkologischen Tumor, bedingt. Eine Adnexitis durch Keimaszension kommt im Kindesalter nicht vor. Umso mehr ist sie in die differenzialdiagnostischen Überlegungen bei Jugendlichen einzubeziehen (STD).

Dr. Marlene Heinz, MedizinZentrum am Krankenhaus Lichtenberg, Kinder- und Jugendgynäkologie,
Frankfurter Allee 231 A, D-10365 Berlin; ph 1/2004;
Auf Österreichrelevanz dankenswerterweise überprüft von Dr. Martin Imhof, Universitätsklinik für Frauenheilkunde,
AKH Wien, Währinger Gürtel 18-20, 1090 Wien,
Tel. 01/40400-2816,
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