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Dermatologie 26. Jänner 2006

Die Esche war's, und nicht die Birke…

Während die meisten Menschen in uneingeschränkter freudiger Erwartung dem Frühling entgegensehen, ist das erwachende Liebesleben der Pflanzen, sich im Ausstoß riesiger Pollenmengen manifestierend, für andere unweigerlich mit der unangenehmen Begleiterscheinung tränender Augen und einer rinnenden Nase assoziiert. Pollenallergien sind die mit Abstand häufigsten Typ-1-Allergien überhaupt. Etwa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung sind gegen Pflanzenpollen sensibilisiert, und mehr als die Hälfte von ihnen speziell gegen die Pollen der so genannten Frühblüher.

Hauptverursacher: die Birke

Der klassische und wichtigste Auslöser der Frühjahrspollinosen ist nach wie vor die Birke (Betula verrucosa), deren Hauptblütezeit sich von Ende März bis Ende April erstreckt. Bei vielen Birkenpollenallergikern können bereits vorher und auch noch im Mai nach der Birkenblüte mehr oder weniger starke Symptome auftreten. Grund dafür sind die zu diesem Zeitpunkt freigesetzten Pollen nahe verwandter Arten, die wie die Birke der Pflanzenordnung der Fagales (Buchenartige) angehören und ähnliche Allergene enthalten. Den Anfang machen hierbei Hasel und Erle, deren Pollen bei milden Temperaturen (über fünf Grad Celsius) bereits Anfang Jänner fliegen können. Nach der Birkenblüte schließen sich im April bis Mai Buche, Eiche und Hainbuche an, die aber allgemein weniger stark allergen sind. Im Süden Österreichs kann mitunter die Blüte der Edelkastanie (Castanea sativa) im Juni und Juli nochmals Beschwerden auslösen.

Biochemische Grundlage der starken Kreuzreaktivität der genannten Arten mit der Birke ist ein gemeinsames Allergen, das mit dem Hauptallergen der Birke (Bet v 1) mehr oder weniger identisch ist. Interessanterweise finden sich dem Bet v 1 ähnliche („homologe“) Allergene auch – unabhängig von einer botanischen Verwandtschaft – in zahlreichen Nahrungsmitteln (zum Beispiel Kern- und Steinobst, Karotte, Haselnuss), die deshalb von vielen Birkenpollenallergikern nicht vertragen werden („Pollinose-assoziierte“ Nahrungsmittelallergie).

Zweitwichtigster Erreger: die Gemeine Esche

Der neben der Birke und ihren Verwandten zweitwichtigste Erreger von Frühjahrspollinosen ist die Gemeine Esche (Fraxinus excelsior), ein wie die Birke rein windbestäubter Baum aus der Familie der Ölbaumgewächse (Oleaceae), der insbesondere in Gebieten mit Laub-, Misch- und Auwäldern weit verbreitet ist (Abb. 1). Häufig finden sich Eschen in Parkanlagen, hier bisweilen auch verwandte Arten, wie die Blumenesche (Fraxinus ornus) oder die amerikanische Weißesche (Fraxinus americana), die ebenso allergen sind.
Die Esche blüht zeitgleich mit der Birke (Ende März/April), so dass sich Eschenpollenallergien nicht selten hinter einer Birkenpollenallergie „verstecken“. Die Esche wurde wohl auch deshalb lange Zeit nicht ausreichend als eigenständiges Allergen beachtet. Charakteristisch für die Esche ist, dass die Belastung durch ihre Pollen von Jahr zu Jahr beträchtlich schwankt. Während in manchen Jahren kaum nennenswerter Pollenflug zu beobachten ist, erstreckt sich die Saison in anderen Jahren über mehrere Wochen mit Pollenzahlen, die an jene der Birke heranreichen.

Im ostösterreichischen Raum nimmt die Esche neben Gräsern und den Fagales (Birke) knapp hinter dem Beifuß den vierten Platz unter den Pollenallergenen ein. Etwa 20 Prozent der Pollinotiker sind gegen Eschenpollen sensibilisiert, wobei bei den meisten dieser Patienten eine spezifische Sensibilisierung gegen das Hauptallergen der Esche (Fra e 1) besteht, welches keinerlei Kreuzreaktion mit Allergenen in Birken-, Gräser- oder Beifußpollen zeigt. Im Falle einer Hyposensibilisierungsbehandlung muss die Esche daher als eigenständiges Allergen berücksichtigt werden.

Starke Kreuzreaktionen

Sehr starke Kreuzreaktionen bestehen hingegen zwischen der Esche und anderen Ölbaumgewächsen, unter denen sich einige bekannte und weit verbreitete Zierpflanzen finden, nämlich die Forsythie (Abb. 2), der Flieder, der Echte Jasmin (nicht zu verwechseln mit dem nicht verwandten „Falschen Jasmin“ oder Pfeifenstrauch) sowie der Liguster. Insbesondere letzterer kann lokal zu einer relevanten Pollenbelastung führen, etwa beim Schnitt bereits blühender Ligusterhecken – ein willkommener Grund für Eschenpollenallergiker, diese Arbeit gegebenenfalls an andere zu delegieren.

Die wichtigste mit der Esche kreuzreagierende Pflanze ist aber der Namensgeber der Familie, der Öl- oder Olivenbaum (Olea europaea, Blühzeit April bis Juni), der im Mittelmeerraum zu den wichtigsten Heuschnupfenerregern zählt (Abb. 3). Patienten mit einer Eschenpollensensibilisierung müssen daher bei Urlaubsreisen im Frühsommer im gesamten Mediterranraum mit allergischen Beschwerden durch Olivenpollen rechnen. Assoziierte Nahrungsmittelallergien wie bei der Birkenpollenallergie bestehen nicht, auch Oliven können problemlos gegessen werden.

Etwa zeitgleich mit Birke und Esche blühen auch die Weiden, Pappeln und Ulmen, die aber trotz erheblicher Pollenmengen kaum allergologische Bedeutung haben. Wenig untersucht ist der Stellenwert von Walnuss (Juglans regia) (Abb. 4, Seite 19) und Eschenahorn (Acer negundo), einer bei uns mittlerweile weit verbreiteten aus Nordamerika stammenden Ahornart mit sekundärer Windbestäubung, die im April und Mai blühen. Eine gewisse allergologische Bedeutung hat die wegen ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber Umweltschadstoffen insbesondere im städtischen Bereich gerne als Park- und Alleebaum angepflanzte Platane (Platanus spp., Blütezeit: April bis Mai). Andernorts (zum Beispiel in Madrid) spielen Platanenpollen eine vorrangige Rolle als Auslöser von Frühjahrspollinosen. Bei uns ist ihre Relevanz hauptsächlich auf jene fünf bis zehn Prozent der Pollenallergiker beschränkt, die multiple Pollensensibilisierungen aufweisen und vermutlich primär im Zuge von Kreuzreaktionen auf Platanenpollen reagieren.

Lokale Relevanz: der Raps

Ähnliches gilt für den Raps (Brassica napus, Blühzeit: Ende April bis Mai), der einzigen krautigen Pflanze mit allergologischer Relevanz unter den Frühjahrsblühern (Abb. 5). Parallel zu der in den letzten Jahrzehnten zum Teil drastisch angestiegenen Anbaufläche ist es auch zu einem entsprechenden Anstieg der Pollenbelastung gekommen. Da Rapspollen primär von Insekten übertragen und vom Wind nur über kurze Strecken verfrachtet werden, besteht außerhalb der Anbaugebiete keine nennenswerte Belastung. In der Nähe von Rapsfeldern kann es aber zu sehr hohen Pollenkonzentrationen kommen. Auch hier sind insbesondere hochgradige Atopiker mit multiplen Pollensensibilisierungen betroffen, da die Allergene im Rapspollen nachweislich großteils so genannte Panallergene mit starker Kreuzreaktivität zu anderen Pollenallergenen sind. Spezifische Sensibilisierungen gegen Raps sind hingegen ungewöhnlich. Allerdings wird vermutet, dass die von Rapspflanzen in erheblichen Mengen emittierten VOCs (volatile organic compounds) klinisch relevant sein könnten, indem sie zu einer unspezifischen Reizung der nasalen und bronchialen Schleimhäute führen und auf diese Weise allergische Symptome vortäuschen beziehungsweise sich mit solchen überlagern. Endgültig gesicherte Daten dazu liegen aber nicht vor.

Unklare Rolle: die Nadelbäume

Eine unklare Rolle bei den Frühjahrspollinosen spielen die Koniferen (Nadelbäume). Während die Kieferngewächse (Pinaceae), zu denen Fichte, Tanne, Lärche und Föhre zählen, trotz der enorm großen Pollenmengen als Ursache von Frühjahrspollinosen nachweislich wenig relevant sind, könnten Vertreter der botanisch nahe verwandten Familie der Zypressenartigen (Cupressaceae), zu denen unter anderem die Echten Zypressen (Cupressus), die Scheinzypressen (Chamaecyparis) und Wacholderarten (Juniperus) gehören, eine gewisse Bedeutung haben. Allergien gegen Zypressen, zwischen denen generell eine ausgeprägte Kreuzreaktivität besteht, stellen im gesamten Mittelmeerraum, in den südlichen USA sowie in Japan und China ein zunehmend ernstes Problem dar.

Die höchsten Pollenkonzentrationen finden sich im Februar und März, manche Arten blühen aber erst später oder bereits im Dezember. In Österreich kommt es bisweilen in Westösterreich durch Windverfrachtungen aus dem Süden zu relevanten „natürlichen“ Pollenbelastungen. Es ist aber durchaus vorstellbar, dass auch die zahlreichen in Parkanlagen und Privatgärten als Zierpflanzen kultivierten Zypressen für eine relevante autochthone Belastung sorgen. Hier ist insbesondere an die unzähligen „Lebenden Zäune“ aus Scheinzypressen (Chamaecyparis spp.) und den ebenfalls zu den Zypressen gehörenden Thujen (Thuja spp.) zu denken, deren männliche Blüten wegen ihrer Unscheinbarkeit meist kaum wahrgenommen werden (Abb. 6). Tatsächlich existieren Einzelberichte über Thujenhecken oder in Parkanlagen kultivierte Zypressen als Ursache von Frühjahrspollinosen. Der Stellenwert dieser Zierpflanzen als Allergieauslöser wurde aber bislang noch kaum systematisch untersucht.

Fazit
In Summe zeigen die Erkenntnisse der letzten Jahre, dass sich die Diagnostik der Frühjahrspollinose keineswegs nur auf die Birke und ihre Verwandten beschränken darf. Insbesondere die Esche spielt neben der Birke als unabhängiges Allergen eine wichtige Rolle. Beim klinischen Bild einer typischen Frühjahrspollinose und negativen Testergebnissen mit Birken- und Eschenpollen sollte auch an weniger häufige Auslöser, wie Platane, Walnuss oder Zypresse, gedacht werden.

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