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Dermatologie 26. Jänner 2006

KONGRESSBERICHT: Mechanismen der Pigmentstörungen

Zehn bis 20 Prozent aller erworbenen Dunkelfärbungen der Haut (mit oder ohne Schleimhaut-, Haar- und Nagelbeteiligung) werden durch Medikamente hervorgerufen. Berichte über Pigmentstörungen unter neueren in der Onkologie angewandten Therapieformen wurden auf dem EADV seitens dermatologischer Spezialisten mit Interesse verfolgt, da sie auch einen Einblick in die Steuerung von Teilungsverhalten und Stoffwechsel der Melanozyten erlauben.
Medikamente können die Melanogenese stimulieren oder an Melanin binden und so eine Farbveränderung induzieren. Unter manchen Substanzen reichern sich auch Nicht-Melanin-Pigmente an. Die Nebenwirkungen können unterschiedliche Pigmentstörungen wie Morbus Addison oder durch Stoffwechselstörungen hervorgerufene Hautveränderungen imitieren – die Aufdeckung der Ursache ist nicht immer leicht. „In manchen Fällen kann eine Biopsie weiterhelfen“, so Prof. Dr. Jean-Paul Ortonne, Universitäts-Hautklinik Nizza. „Aber letztlich wird die Diagnose nur durch das Verschwinden der Verfärbung nach Absetzen des verdächtigten Wirkstoffs bestätigt.“

Stammzellfaktor SCF

Unter einer Chemotherapie, insbesondere mit alkylierenden Substanzen oder Antibiotika, ist Hyperpigmentierung ein verbreitetes Phänomen. In jüngerer Zeit wurde mehrmals auch über zum Teil kosmetisch auffällige Hypermelanosen in der Folge von Injektions-Sequenzen mit dem Wachstumsfaktor für Knochenmark-Stammzellen SCF (stem cell factor) berichtet. Dieser Wachstumsfaktor wird in der Therapie verschiedener hämatologischer Erkrankungen eingesetzt.
Schon länger weiß man, dass der SCF/KIT-Signaltransduktionsweg (siehe Abb.) eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung normaler wie anormaler Hautfarbe spielt, berichtete Ortonne: „Wenn dieses Signalsystem aktiviert wird, indem SCF an den so genannten c-KIT-Rezeptor auf den Melanozyten bindet, werden reife menschliche Melanozyten stimuliert.“ Erhöhte Konzentrationen des Liganden SCF gehen somit – über eine gesteigerte Proliferation der Melanozyten und vermehrte Melaninproduktion – mit Hyperpigmentierungen einher. Hohe endogene Serumspiegel liegen nach heutigem Wissen bei auffälligen Hautfärbungen zum Beispiel im Rahmen eines Dermatofibroms vor. Außerdem ist bekannt, dass der Faktor auch an der Pathogenese der aktinischen Lentigo beteiligt ist: UV-B stimuliert die Produktion von SCF durch epidermale Keratinozyten. SCF wiederum kurbelt Melanogenese und Melanozyten-Proliferation an.

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Neue Tyrosinkinase-Hemmer

Spannend sind in diesem Zusammenhang aktuelle Beobachtungen unter einer Therapiestrategie, auf die man seit kurzem bei verschiedenen onkologischen und hämatologischen Krankheiten setzt: Einer der wirksamsten Hemmstoffe spezifischer Tyrosinkinasen, das zur Behandlung chronisch myeloischer Leukämien zugelassene Imatinib, hemmt nämlich auch die Rezeptor-Tyrosinkinase c-KIT, greift also in den gleichen Signalübertragungsweg ein.
Offenbar hat der geblockte Reaktionsweg eine wichtige Funktion für das Melanozyten-Überleben. So verlor eine Frau mit chronisch myeloischer Leukämie unter der Behandlung mit Imatinib ihre ursprünglich fleckige Pigmentverteilung im Gesicht: 15 Tage dieser Medikation hatten zu einer dramatischen Progredienz ihrer Vitiligo geführt, erklärte Ortonne. Weitere in der Literatur veröffentlichte Fälle verliefen ähnlich. Was jeweils als „skin lightening“, Hypomelanose oder Depigmentierung beschrieben wird, sei „ganz klar eine Vitiligo“, so der Experte. Andererseits wurde bei manchen Behandelten eine Repigmentierung von grauem Haar beobachtet, die offenbar von Dauer war.

„Eine sehr interessante Story“

Immer mehr Indizien tragen so zu der Erkenntnis bei, dass der in therapeutischer Hinsicht relevante Signalweg SCF/c-KIT in enger Beziehung zu Haar- und Hautfarbe steht. Für Hypermelanosen wird ein Zusammenhang zum Beispiel mit Lentigo/Naevi, Sonnenbräunung, Mastozytose, Sklerodermie sowie Dermatofibrom postuliert. „Ich bin überzeugt, dass wir in der nahen Zukunft mehr über die Beteiligung dieses Wegs sowohl am Ergrauen beziehungsweise Weißwerden des Haars als auch an der Vitiligo hören werden. Das dürfte noch eine sehr interessante Story werden!“, versprach Ortonne.

Symposium „Drug reactions“ auf dem
Kongress der EADV, Barcelona, Oktober 2003

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