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Dermatologie 17. August 2005

INTERVIEW: Neueste Trends bei der Behandlung von Vitiligo

Vitiligo, auch Weißfleckenkrankheit genannt, ist eine relativ häufig auftretende Pigmentierungsstörung der Haut, der eine Zerstörung der Melanozyten zugrunde liegt. Prof. Dr. Adrian Tanew, Klinische Abteilung für Spezielle Dermatologie und Umweltdermatosen, Universitätsklinik für Dermatologie, AKH Wien, berichtet im Gespräch mit ÄRZTE WOCHE hautnah über den neuesten Erkenntnissstand zu dieser Krankheit.

Wie hoch ist die Prävalenz der Vitiligo in der Weltbevölkerung?
TANEW: Sie liegt zwischen 0,1 und 2,0 Prozent, betroffen sind Männer und Frauen in etwa gleich häufig. Der durchschnittliche Erkrankungsbeginn liegt bei 24 plus/minus 16 Jahren, vereinzelt jedoch auch erst in hohem Alter. Zumeist ist weniger als ein Viertel der Körperoberfläche befallen, größerer Befall wird häufiger bei früherem Auftreten beobachtet. Es besteht keine Korrelation zwischen Dauer und Ausmaß der Erkrankung.

Wie groß ist die Erblichkeit von Vitiligo?
TANEW: Die Inzidenz liegt bei Verwandschaftsverhältnissen ersten Grades bei 7,0 Prozent (Geschwister 6,1 Prozent, Eltern 7,8 Prozent). Geschwister von Patienten mit frühem Erkrankungsbeginn (bis zum 30. Lebensjahr) haben ein zweifach erhöhtes Erkrankungsrisiko. Bei monozygoten Zwillingen wurde eine Konkordanz in 23 Prozent festgestellt. Diese Fakten lassen auf ein multifaktorielles, polygenes Vererbungsmuster schließen.

Welche pathogenetischen Hypothesen werden aktuell diskutiert?
TANEW: Diskutiert werden drei Möglichkeiten der Entstehung: 1. Die Autoimmunhypothese bezieht sich auf eine humorale und zelluläre Autoimmunreaktion. 2. Die neurale Hypothese beruht auf der Annahme toxischer neurochemischer Substanzen. 3. Die biochemische Hypothese macht autozytotoxische Metaboliten der Melaninsynthese als Krankheitsursache verantwortlich. Bei der so genannten Konvergenzhypothese wird davon ausgegangen, dass alle drei pathogenetischen Faktoren bei der Manifestation der Vitiligo zusammenspielen.

Wie wird Vitiligo diagnostiziert?
TANEW: Vitiligo ist primär eine klinische Diagnose, welche in den meisten Fällen leicht zu stellen ist. Bei der Erstuntersuchung sollten neben der Familienanamnese und dem Vorliegen anderer Autoimmunerkrankungen (Autoimmunthyreoiditis, Lupus erythematodes…) auch der Vitiligo-Typ, die Ausdehnung der Depigmentierung bezogen auf die Gesamtkörperoberfläche und die Krankheitsaktivität festgehalten werden. Eine eingehende Labordiagnostik ist bis auf den Ausschluß einer Autoimmunthreoiditis (Schilddrüsen-Auto-antikörper, T3, T4, TSH) nicht erforderlich.

Welche Therapien stehen derzeit zur Behandlung von Vitiligo zur Verfügung?
TANEW: Systemisch werden in ausgesuchten Fällen Steroide in Form einer mehrmonatigen Stoßtherapie, wobei das Steroid nur an zwei Tagen pro Woche verabreicht wird, eingesetzt. Dadurch kann die Krankheitsprogredienz gestoppt werden, allerdings kommt es nur bei zirka zehn bis 15 Prozent der Patienten zu einer nennenswerten Repigmentierung. Für systemisch verabreichte Vitamine und Antioxidantien fehlt der Wirksamkeitsnachweis. Topisch angewandt werden Steroide, Phototherapien, Vitamin-D-Analoga, (Pseudo)Catalase, Calcineurin-Inhibitoren und chirurgische Methoden. Die Anwendung topischer Kortikosteroide der Klasse III und IV führt zu einer über 75-prozentigen Repigmentierung bei 55 Prozent aller Patienten mit lokalisierter Vitiligo. Hautatrophien, die früher bei zirka 14 Prozent aller Patienten nach mehrmonatiger Anwendung von Klasse-IV-Kortikosteroiden auftraten, werden bei den neueren Steroiden, die ein wesentlich geringeres atrophogenes Potenzial aufweisen, kaum mehr beobachtet.
Als phototherapeutischer Goldstandard gilt heutzutage die Schmalband-UVB-Therapie (NB-UVB), welche zweimal wöchentlich durchgeführt wird. Die Behandlungsdauer richtet sich nach Typ, Ausdehnung und Lokalisation der Vitiligo und beträgt im Schnitt viele Monate. Eine neue therapeutische Entwicklung ist der 308nm Xenon-Chlorid Excimer Laser, dessen Domaine in der Behandlung umschriebener Vitiligoherde liegt. Alternative phototherapeutische Verfahren sind die Photochemotherapie (PUVA), Khellin-UVA-Therapie (KUVA), Phenylalanin-UVA-Therapie (PAUVA) und Heliotherapie. Ein neuer, erfolgversprechender Therapieansatz ist die Anwendung von Pseudocatalase (welche in den bisher vorliegenden klinischen Studien jedoch kontroversielle Ergebnisse erbrachte) oder Catalase plus Superoxiddismutase (Vitix®) in Kombination mit NB-UVB. In einer sechsmonatigen Halbseitenvergleichsstudie von Ortonne und Mitarbeitern wurde bei 30 Patienten NB-UVB entweder mit Vitix® oder Placebo kombiniert. Dabei ergab sich ein signifikanter Vorteil für die Vitix®-Gruppe bei völligem Fehlen von Nebenwirkungen. Es sind die Ergebnisse weiterer, größerer Studien abzuwarten, um den Stellenwert dieses neuen Therapieprinzipes bei der Behandlung von Vitiligo realistisch einschätzen zu können. Calcineurininhibitoren (Tacrolimus, Pimecrolimus) wurden bisher nur in kleinen, zumeist unkontrollierten Studien bei Vitiligo eingesetzt. Demzufolge sind sie etwas schwächer wirksam als topisch applizierte Steroide mit dem Vorteil (nach heutigem Wissen) fehlender Langzeitnebenwirkungen. Abgesehen von den unterschiedlichen und individuell abzustimmenden Behandlungsmöglichkeiten sollten Vitiligo-Patienten auch darüber informiert werden, dass es spezielle Camouflage-Produkte gibt, die sich durch hervorragende Abdeck- und Hafteigenschaften auszeichnen und Betroffenen im Einzelfall eine große Hilfe im Umgang mit ihrer Erkrankung bieten können.

Wir danken für das Gespräch.

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