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Dermatologie 1. September 2015

Quälendes Mitbringsel nach Sex in den Tropen

Offenbar lässt sich eine Tinea genitalis sexuell gut übertragen – Schweizer Ärzte berichten über eine Häufung der Dermatophytose bei Südostasien-Reisenden. Eine Genitalrasur scheint die Infektion zu erleichtern.

Auf dieses Urlaubsandenken hätte die 18-jährige Schwedin sicher
gerne verzichtet: Als sie sich im Züricher Triemli-Hospital vorstellte, überzogen stark schmerzende gerötete und schuppende Plaques sowie follikuläre Pusteln ihre großen Schamlippen und den Venushügel. Die Blutuntersuchung ergab eine ausgeprägte Leukozytose und erhöhte Werte für C-reaktives Protein. Hautproben offenbarten unter dem Mikroskop eindeutig Pilzhyphen; in selektiven Agar-Kulturen ließ sich Trychophyton interdigitale als Übeltäter nachweisen.

Anamnese

Interessant an dem Fall ist nach Ansicht der Ärzte um Dr. Isabelle Luchsinger vor allem die Art und Weise, wie die  junge Frau den Pilz erworben hat. Die  Anamnese ergab, dass sie sich offenbar bei einem Touristen während eines  Thailandurlaubs angesteckt hatte. Die  Frau hatte nach eigenen Angaben mit  dem Mann mehrfach geschützten Geschlechtsverkehr. Eine Woche nach  dem ersten Sexualkontakt zeigten sich  rote schuppende Läsionen im Genitalbereich. Ihr Sexualpartner hatte zuvor offenbar über ähnliche Symptome  ebenfalls im Genitalbereich berichtet.  Zunächst versuchten beide, sich mit  einer Clotrimazol-Salbe selbst zu behandeln, was zumindest bei der Frau  wenig erfolgreich war – die Tinea dehnte sich immer weiter aus.

Fulminanter Verlauf mit ulzerierenden Knoten

Die Schweizer Ärzte um Luchsinger  konnten die Patientin zwei Wochen  nach Symptombeginn untersuchen  und begannen sofort eine systemische Therapie mit Terbinafin 250 mg/d  sowie eine Antibiose mit Amoxicillin/ Clavulansäure, da sie eine bakterielle  Superinfektion vermuteten. Aufgrund  der starken Schmerzen wurde sie erst  einmal in der Klinik behalten und analgetisch behandelt. Die Antimykose schlug zunächst jedoch nicht an: Nach zwei Tagen kam  es zu einer starken Entzündungsreaktion mit ulzerierenden Knoten und serös-eitrigem Ausfluss. Die Ärzte stellten nun auf Itraconazol 100 mg dreimal  täglich um und verabreichten zusätzlich Prednison. Aufgrund der starken Schmerzen  wurde die Patientin zwei Wochen hospitalisiert. Nach drei Wochen Prednison und sechs Wochen Itraconazol heilten die Läsionen langsam ab, hinterließen jedoch markante Narben.

Kein Einzelfall

Die junge Frau war jedoch kein Einzelfall. Insgesamt sieben Patienten – zwei  Frauen und fünf Männer – kamen zwischen März und Juli 2014 mit ähnlichen  Beschwerden ins Triemli-Hospital und  die Züricher Uniklinik. Alle hatten in  Südostasien Urlaub gemacht und sich  dabei offenbar angesteckt – vier der  Männer bei Prostituierten. Die Symptome waren bei allen ähnlich: Die Patienten zeigten meist erythematöse schuppende Läsionen im Bereich des Mons pubis, die Frauen auch  zusätzlich an den Labia majora, die  Männer um den Penisschaft und zum  Teil am Skrotum. Bei einigen der Patienten waren auch andere Körperregionen  betroffen. Alle hatten jedoch berichtet,  dass die Infektion im Genitalbereich  begonnen hatte. Bei sechs von sieben  ließ sich T.  interdigitale nachweisen,  beim Siebten erachteten die Ärzte eine  solche Infektion als wahrscheinlich, jedoch konnten sie den Erreger hier nicht  mehr nachweisen, da der Patient zuvor  schon eine antifungale Therapie begonnen hatte.  

Rasur ebnet Erregern den Weg

Die Infektion kann, wie im beschriebenen Beispiel, sehr schwer und schmerzhaft verlaufen. Drei der Patienten benötigten eine zusätzliche Antibiose, fünf  auch eine Behandlung mit Analgetika.  Der Grund für den fulminanten Verlauf  offenbarte sich in genetischen Analysen: Sämtliche nachgewiesenen Erreger gehörten zum Typ III und IV von  T. interdigitale. Diese Stämme bevorzugen eigentlich Tiere, bei Menschen verursachen sie aber meist gravierende Infekte. Wie die Pilze den Weg zu den sieben Patienten gefunden haben, ließ  sich aber nicht mehr nachvollziehen. Ein weiterer Grund für die ausgeprägten Läsionen offenbarte sich in der  Anamnese: Die vier Patienten mit den  schlimmsten Beschwerden hatten sich  vor der Infektion regelmäßig den Genitalbereich rasiert. Da eine solche Rasur  die epidermale Barriere schädigt, gehen die Dermatologen davon aus, dass  dies den Eintritt der Erreger erleichtert  hat. Als weiteren Faktor sehen sie die  tropischen Temperaturen in Südostasien: Das feuchte Klima scheint den  Pilzen zu gefallen.

Übertragungsweg bisher unterschätzt

Insgesamt seien sexuell übertragene  Dermatophytosen in der Literatur bislang kaum beschrieben worden. Die  Häufigkeit der Tinea genitalis bei Tropenurlaubern deute aber darauf hin,  dass dieser Übertragungsweg bislang unterschätzt wurde, berichten die  Schweizer Dermatologen. Möglicherweise werde die Infektion zunächst  auch häufig als bakterielle Follikulitis, Ekzem oder Psoriasis fehlgedeutet.  Eine gute Diagnose und schnelle antimykotische Therapie seien jedoch notwendig, um den fulminanten Verlauf zu  bremsen und eine Vernarbung zu verhindern. 

Quelle:  springermedizin.de/ Thomas Müller, basierend  auf: Luchsinger I et al  (2015) Tinea genitalis: a  new entity of sexually  transmitted infection?  Case series and review of  the literature. Sex Transm  Infect Online 12. Juni 2015;  doi:10.1136/sextrans-2015-052036

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