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Dermatologie 25. November 2014

Wie gefährlich ist Aluminium in Kosmetika?

Über Gesundheitsrisiken durch aluminiumhaltige Antitranspiranzien wird schon länger spekuliert. Vor Kurzem hat das Bundesinstitut für R isikobewertung (BfR) eine gesundheitliche Beeinträchtigung als „möglich“ eingestuft. Die Kosmetikwissenschaftlerin Dr. Meike Streker von der Universität Hamburg erläutert den Stand der Erkenntnisse. 

Welche Gesundheitsschäden werden mit aluminiumhaltigen Antitranspiranzien in Zusammenhang gebracht?
Streker: Aluminiumhaltige Antitranspiranzien werden immer wieder mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko und auch mit Alzheimer-Demenz in Verbindung gebracht. Bisher sind solche Zusammenhänge aber nicht nachgewiesen.

Worauf gründet sich der Verdacht, aluminiumhaltige Deos könnten Brustkrebs begünstigen?
Streker: Es gibt Daten, dass Brustkrebspatientinnen mehr Aluminium im Brustgewebe einlagern. Wegen der Nähe zwischen Brustdrüsen und Achselhöhlen sind aluminiumhaltige Antitranspiranzien unter Verdacht geraten. Ob das Aluminium wirklich daher kommt, ist unklar. Es kann auch sein, dass die Anreicherung einfach dadurch zustande kommt, dass das Gewebe an dieser Stelle vermehrt ist.

Was weiß man sonst über das Brustkrebsrisiko durch Aluminium?
Streker: Es gibt bis heute keine relevanten Studien, und die vorliegenden Untersuchungen widersprechen einander. Es fehlen vor allem In-vivo- Daten, mit denen eine Brustkrebs begünstigende Wirkung von Aluminium bewiesen oder ausgeschlossen werden könnte. Bisher gibt es keine Evidenz für ein erhöhtes Brustkrebsrisiko.

Wie steht es mit der Datenlage zur Alzheimer-Demenz?
Streker: Auch hier fehlen wissenschaftliche Belege. Aluminium kann zwar die Blut-Hirn-Schranke passieren, und es sind auch neurotoxische Effekte beschrieben – aber die wurden nur bei sehr hohen Dosierungen und nur im Tierversuch beobachtet. Solche hohen Konzentrationen werden durch Kosmetika nicht erreicht. Aluminium wird vor allem über Leitungswasser und bestimmte Lebensmittel aufgenommen.

Kommt es bei Anwendung von Antitranspiranzien überhaupt zu einem relevanten systemischen Eintrag?
Streker: Aus meiner Sicht ist das die Kernfrage für zukünftige Forschungsarbeiten. Ob Aluminiumkonzentrationen von 7–12 % , wie sie in Deodorants aus der Drogerie enthalten sind, überhaupt systemisch wirken, ist bisher nicht untersucht. Das BfR geht in seiner Risikoanalyse von Konzentrationen von etwa 20 % a us. Solche Dosierungen sollten heute aber nur bei starker Hyperhidrose und nach Rücksprache mit einem Dermatologen und für begrenzte Zeit eingesetzt werden. Sobald sich ein Erfolg einstellt, werden diese Präparate nicht mehr täglich, sondern nur noch nach Bedarf angewendet.

Wie viel Aluminium aufgenommen wird, hängt ja auch vom Hautzustand ab ...
Streker: Man muss darauf achten, aluminiumhaltige Antitranspiranzien nur auf gesunde Hautareale aufzutragen – und nicht direkt nach der Rasur. Dann ist die Haut gereizt und weist Mikroverletzungen auf, sodass Aluminium leichter eindringen kann. Ob ein Spray, ein Roll-on oder eine Creme verwendet wird, ist dabei nicht relevant. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat für Aluminium eine tolerierbare wöchentliche Aufnahme – kurz TWI – von 1 mg/kg KG definiert.

Worauf beruht die Grenzziehung, wenn bisher keine Beweise für ein Gesundheitsrisiko vorliegen?
Streker: Die TWI bezieht sich auf die Aluminiumaufnahme über Lebensmittel. Diese Dosis gilt als sicher im Hinblick auf mögliche DNA-Schäden und kanzerogene Effekte von Aluminiumverbindungen, die bisher nur bei sehr hohen Dosen und nur in vitro bzw. in Tierstudien festgestellt wurden. Die Ergebnisse lassen sich daher nur schwer auf den Menschen projizieren.

Laut BfR wird die TWI möglicherweise schon durch die tägliche Benutzung eines aluminiumhaltigen Antiranspirants erschöpft ...
Streker: Das BfR ist bei seinen Berechnungen von einer
Konzentration von 20 % a usgegangen. In Drogerieprodukten ist Aluminium aber deutlich niedriger dosiert. Und wie viel davon überhaupt systemisch aufgenommen wird, muss erst erforscht werden.

Halten Sie eine Kennzeichnung aluminiumhaltiger Kosmetika trotzdem für sinnvoll?
Streker: Aluminiumchlorid und Aluminiumhexachlorat als Inhaltsstoffe von Antitranspiranzien sind auf der Produktrückseite nach der Internationalen Nomenklatur für kosmetische Inhaltsstoffe angegeben. Bei Antitranspiranzien sind die Verbraucher heute wahrscheinlich entsprechend sensibilisiert und schauen daher vermutlich auf die Angaben. Dennoch ist es für den Verbraucher irritierend, welche Deodorants Aluminiumsalze enthalten und welche nicht. Vielen ist sicher nicht bewusst, dass die schweißhemmenden Kosmetika, also Antitranspiranzien heute den Markt dominieren. Außerdem gibt es noch mehr Kosmetika, die Aluminium enthalten. Das betrifft einzelne Zahnpasten, aber vor allem dekorative Kosmetik, insbesondere Lidschatten und Lippenstifte. Die darf man als mögliche Aluminiumquellen nicht außer Acht lassen.

Was würden Sie verunsicherten Patienten raten: Sollen sie auf aluminiumhaltige Kosmetika verzichten?
Streker: Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Allerdings reden wir hier über ein kosmetisches Problem. Wenn jemand sehr ängstlich ist, dann sollte er vielleicht zu einem klassischen Deodorant ohne Aluminium greifen. Wenn aber jemand unter seinen Schweißflecken leidet, dem kann man sicher weiterhin Antitranspiranzien empfehlen. Man sollte dann darauf achten, dass die Aluminiumkonzentration nicht allzu hoch ist. An der Uni Hamburg haben wir in Studien mit Hyperhidrose-Patienten mit Präparaten mit 12 % A luminium eine sehr gute Wirkung beobachtet. Bei normalem Schwitzen und heißem Wetter sind Konzentrationen von 7 % a usreichend. Wer nicht so stark schwitzt, benutzt eben eher das Deodorant. Das ist das, was ich empfehlen würde. Ich persönlich verwende auch weiter ein Antitranspirant, obwohl ich gerade schwanger bin.

Welche Untersuchungen sollten jetzt gemacht werden, um das Gesundheitsrisiko durch aluminiumhaltige Kos etika besser beurteilen zu können?
Streker: Am wichtigsten ist die Frage nach der Aufnahme. Spannend wäre es, wenn sich Dermatologen und Gynäkologen zum Thema Brustkrebs zusammenschließen würden. Wissenschaftlich solide Untersuchungen werden aber viele Jahre dauern. Um den Verbrauchern die Unsicherheit zu nehmen, ist es wichtig zu klären, inwieweit Aluminium aus Kosmetika überhaupt systemisch wirken kann und ob bei gesunder Haut Aluminium in den Körper aufgenommen wird – oder ob wir hier nur spekulieren.

Frau Dr. Streker, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Beate Schumacher.

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