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Dermatologie 14. Juli 2005

Giftpfeilhagel und Raupendermatitis

Seit Beginn der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts sucht der Eichenprozessionsspinner (Thaumatopoea processionea Linnaeus), ein Forstschädling, der Eichen und Weißbuchen befällt, die westlichen Randbezirke von Wien heim. Die Larven des Eichenprozessionsspinners tragen Gifthaare (Setae), die auf der Haut und an den Schleimhäuten toxische und/oder allergische Reaktionen hervorrufen. 
Die Symptome reichen von heftig juckenden Hautausschlägen (Raupendermatitis) bis zu Asthmaanfällen. Da die mikroskopisch kleinen Gifthaare bis zu hundert Meter weit mit dem Wind vertragen werden können, stellen sie eine wichtige, bis jetzt allerdings wenig beachtete Ursache einer luft-übertragenen Krankheit (airborne disease) dar.
Thaumatopoea processionea ist in den meisten europäischen Ländern beheimatet. Unter besonderen Umweltbedingungen (warme, trockene Winter) kann es zur Massenvermehrung des Forstschädlings kommen. In Österreich wurde die erste Massenvermehrung (Massengradation) in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts beobachtet. Durch das Verhalten von Thaumatopoea, Bäume am Waldrand und einzeln stehende Bäume auch in Wohngebieten zu befallen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Menschen mit den Gifthaaren in Kontakt kommen. 

Gute Tarnung der Eigelege

Der Lebenszyklus der Schädlinge ist hervorragend an die Vegetationsphasen des Wirtsbaums angepasst. Die Eigelege finden sich an kleinen Ästen in der Baumkrone und sind so gut getarnt, dass sie vom Boden aus praktisch nicht entdeckt werden können. Ende April bis Anfang Mai schlüpfen die Larven (Abb. 1) gleichzeitig mit dem Austreiben der Blätter. 
Die Larven leben in großen Kolonien und durchlaufen sechs Stadien. Ab dem dritten Stadium entwickeln sich Setae, die das Eiweißgift Thaumatopoein enthalten. Den Namen Prozessionsspinner verdanken die Tiere ihrer Gewohnheit, in der Nacht aus ihren Nestern (Abb. 2) in die Baumkrone zu "prozessieren" um sich dort von den Blättern zu ernähren. Am Morgen kehren sie im "Gänsemarsch" wieder in ihre Behausung zurück. Nach dem letzten Larvenstadium verpuppen sich die Insekten und verlassen das Nest im Juli als unscheinbare, graubraune Motten. Nach der Befruchtung legt das Weibchen bis zu dreihundert Eier in einem Eigelege ab. 
Da die Eichenprozessionsspinner nur auf der Suche nach einem neuen Wirtsbaum am Boden anzutreffen sind, ist ein direkter Kontakt eher selten. Davon sind meistens Kinder betroffen, die mit den scheinbar so putzigen Tieren spielen wollen. 
Die wichtigste Übertragungsart ist die Vertragung von Setae mit dem Wind oder das Passieren befallener Bäume. Dabei werden die Patienten von den Setae wie von einem Giftpfeilhagel getroffen. Unmittelbar nach dem Kontakt entwickelt sich ein fast unerträglicher Juckreiz, dem ein Hautausschlag folgt. 

Die Raupendermatitis kann sich in drei verschiedenen klinischen Erscheinungsbildern zeigen: Kontakturtikaria, toxische irritative Dermatitis und persistierende Papeln, die an Insektenstichreaktionen erinnern (Abb. 3). 
Viel häufiger als in der Literatur beschrieben, entwickeln sich Allgemeinsymptome wie Schwindelgefühl, Fieber und Krankheitsgefühl, sowie Konjunktivitis, Pharyngitis und Asthma. Einzelne Fälle anaphylaktischer Reaktionen durch Kontakt mit Eichenprozessionsraupen wurden zwar aus anderen Ländern berichtet, in unserem Patientengut fand sich jedoch kein Fall.

Behandlungsmöglichkeiten

Bei den meisten Patienten genügt eine Behandlung mit externen Steroidzubereitungen (Salben, Cremen, Augentropfen) und oralen Antihistaminika. Bei respiratorischen Symptomen ist der Einsatz von Beta-Mimetika- und/oder steroidhältigen Dosieraerosolen angebracht. 
Personen mit einem hyperreaktiven Bronchialsystem sind besonders gefährdet. Eine systemische Steroidgabe ist nur bei sehr schweren Verlaufsformen erforderlich.

Viel schwieriger als die Behandlung der Krankheitssymptome ist deren Vorbeugung. Dazu ist die Zusammenarbeit verschiedener Stellen erforderlich. 
Sollten in einem Garten in einer Gegend mit Eichenprozessionsspinnerbefall Eichenbäume stehen, empfiehlt sich eine Inspektion durch einen Forstmann vor dem Schlüpfen der nächsten Raupengeneration. Die Eigelege können dann mit Insektiziden bekämpft werden. Nach dem Schlüpfen der Larven sollen die Nester so früh als möglich mit Pestiziden, die die Häutung verhindern, besprüht werden. Wege, die an befallenen Bäumen vorbeiführen, müssen abgesperrt werden. 
Während der Puppenruhe werden die Nester mit einem Sprühkleber von außen her "versiegelt", um die Vertragung der Gifthaare zu verhindern, anschließend mechanisch entfernt und in einem geschlossenen Verbrennungssystem vernichtet. 
Es empfiehlt sich, Spezialfirmen oder die Wiener Berufsfeuerwehr mit dieser Aufgabe zu betrauen, da eine Schutzbekleidung inklusive Atemschutzmaske erforderlich ist. 

Ein praktisch unlösbares Problem ist die lange Haltbarkeit der Gifthaare in der Natur. Setae können mehrere Jahre intakt und irritativ bleiben. Daraus erklärt sich, dass Personen, die in betroffenen Gebieten leben, auch außerhalb der Larven- und der Puppenperiode Krankheitssymptome entwickeln.
Die Erkrankungen durch Gifthaare der Eichenprozessionsspinner haben in den Bezirken Wiens, die direkt an den Wiener Wald angrenzen, ein epidemisches Ausmaß erreicht. Unter meiner Leitung hat sich daher eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe formiert, die sich mit den vielen offenen Fragen um den Eichenprozessionsspinnerbefall und seine gesundheitlichen Auswirkungen beschäftigt. 

Dr. Harald Maier, Ärzte Woche 28/2002

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