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Dermatologie 30. Juni 2005

Hauterkrankungen nehmen zu - die Therapie zieht mit

Die ÄRZTE WOCHE im Interview mit Prof. Dr. Friedrich Gschnait, Vorstand der dermatologischen Abteilung, Krankenhaus Lainz, Wien, und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie.

Welche Hauterkrankungen haben in den letzten Jahren in den Prävalenzen besonders zu- oder abgenommen?

GSCHNAIT: Hautkrankheiten haben generell stark zugenommen. Das maligne Melanom zeigt in den westlichen Industriestaaten gegenwärtig eine jährliche Steigerung von 3 bis 7 Prozent. Das Melanom hat somit die zweithöchste Inzidenzsteigerung aller Krebsarten und liegt direkt hinter dem Anstieg des Larynxkarzinoms bei Frauen. Andere maligne Hauttumore zeigen eine ausgeprägte Altersabhängigkeit, wie zum Beispiel das Plattenepithelkarzinom und das Basaliom. Diese Tumore nehmen daher aufgrund der steigenden Lebenserwartung ebenfalls an Häufigkeit zu. Auch die atopischen Hautkrankheiten wie Neurodermitis werden immer häufiger beobachtet, die Inzidenz liegt hier derzeit bei etwa elf Prozent. Vermehrter Medikamentengebrauch, mitbedingt auch durch das durchschnittlich höhere Lebensalter, führt zum vermehrten Auftreten von toxisch-allergischen Exanthemen, die derzeit etwa 5 bis 15 Prozent aller Patienten mit Hautkrankheiten ausmachen.

Stellen Erkrankungen im venösen Bereich zunehmend ein Problem dar?

GSCHNAIT: Von großer volksgesundheitlicher Bedeutung ist der Anstieg in der Inzidenz von Venenerkrankungen wie Varikosis, Thrombophlebitis, Phlebothrombose oder Ulcus cruris. So leiden bereits etwa die Hälfte aller Menschen im Alter von 50 Jahren an Krampfadern, ein Viertel hat zu dieser Zeit eine Thrombophlebitis durchgemacht, etwa jeder zwölfte eine tiefe Beinvenenthrombose erlitten.

Ist ein vermehrtes Auftreten von "sexually transmitted diseases" zu verzeichnen?

GSCHNAIT: Tatsächlich sind auch bei den Geschlechtskrankheiten Inzidenzsteigerungen festzustellen: nicht nur bei AIDS, sondern auch bei den klassischen Geschlechtskrankheiten. Besonders die Frühsyphilis wird in den letzten Jahren häufiger gesehen. Möglicherweise ist hierfür die Öffnung des Ostens mitverantwortlich. Die schon ausgestorben geglaubte konnatale Syphilis, die Manifestation bei Neugeborenen, wird zudem wieder beobachtet.

Welche neuen Behandlungsstrategien haben sich in letzter Zeit etabliert?

GSCHNAIT: Die Retinoide in lokaler und systemischer Applikation haben die Therapie der schweren Akne, der Psoriasis und anderer Hauterkrankungen mit gestörter Keratinisierung revolutioniert. Immunmodulatoren wie Interferone und Interleukine haben zu bedeutenden Fortschritten in der Therapie von Lymphomen und beim metastasierenden Melanom geführt. Die Bestrahlungsbehandlung von Hautkrankheiten durch Photochemotherapie, Bade-PUVA und 311-Nanometer-Therapie konnte verbessert werden. Auch die antimykotische Therapie hat sich durch neue, wirksamere und nebenwirkungsärmere Medikamente vereinfacht und verbessert, ebenso wie die Lokaltherapie durch Entwicklung potenterer und besser verträglicherer Kortikosteroide. Die Lasertherapie ist von der Dermatologie ausgegangen. Seit einiger Zeit gibt es erstmals wirksame lokale und systemische Medikamente gegen Haarausfall. Aber auch im operativen Bereich wurden bedeutende Neuerungen vollzogen, wie zum Beispiel die in den letzten Jahren an Melanomzentren geübte "Sentinel-Lymph- knotenoperation" bei malignen Tumoren wie etwa dem Melanom. Es gibt kaum ein Gebiet in der Dermatologie, auf dem nicht jährlich therapeutische Fortschritte erzielt werden, wie die Fachkongresse belegen.

Welche therapeutischen Ansatzpunkte könnte es in näherer Zukunft geben?

GSCHNAIT: Die Erforschung der Pathogenese der Psoriasis könnte zu einer verbesserten systemischen Medikation führen. Immunologische Therapieansätze beim Melanom werden bereits an der Universitätshautklinik in Wien bei Prof. Dr. Stingl erprobt. Neue Ansätze bei der Immunsuppression auch in Verbindung mit der Stammzelltherapie lassen Verbesserungen bei immunologisch bedingten Hautkrankheiten erwarten. Eine gezielte therapeutische Beeinflussung der epidermalen Langerhanszelle könnte epikutane Allergien revolutionieren. Für die Neurodermitis stehen in Kürze neue therapeutische Ansätze zur Verfügung.

Wo liegen die Grenzen der Behandlung auf dem Gebiet der Dermatologie für den Arzt für Allgemeinmedizin oder den niedergelassenen Dermatologen?

GSCHNAIT: Die Antwort ist einfach und gilt für die gesamte Medizin und für jeden Arzt. Die Grenzen jeder Behandlung liegen dort, wo eine prätherapeutische Diagnostik nicht mit ausreichender Sicherheit möglich ist und wo nicht genügend therapeutisches Wissen, Können oder Erfahrung vorhanden sind. Mehr denn je ist heute ärztliches Zusammenwirken zwischen dem Allgemeinmediziner und dem Facharzt gefragt. Nur bei optimaler Kooperation zwischen diesen beiden wird der Patient maximal gut betreut sein.

Ist die dermatologische Versorgung in Österreich flächendeckend?

GSCHNAIT: Die dermatologische Versorgung in den Städten ist ausgezeichnet, am "Land" gibt es aber noch immer weiße Flecken, die gefüllt werden sollten. Es nicht unbedingt einzusehen, dass die ländliche Bevölkerung teilweise 50 Kilometer oder länger zum Hautarzt anreisen muss.

Was könnte in der allgemein- medizinischen Praxis, die Dermatologie betreffend, verbessert werden - was würden Sie den Kollegen gerne ins "Stammbuch" schreiben?

GSCHNAIT: Ich möchte allen Ärzten ins Stammbuch schreiben: Verbessert auf allen Ebenen die Kommunikation! Nehmt dazu die neuen Medien wie Internet oder E-mail an! Gebt die Kollegialität nicht auf wegen kurzfristiger Interessenskonflikte oder scheinbarer Vorteile! Wir Ärzte werden medizinisch, ökonomisch und politisch nicht als "Einzelkämpfer" bestehen, sondern nur gemeinsam die Zukunft meistern können.

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