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Dermatologie 30. Juni 2005

Juckende Striemen auf der Haut - Ursache war ein Speisepilz

Berlin. Der Speisepilz Shiitake, das Zytostatikum Bleomycin und Geißeln haben eines gemeinsam: Sie können rote striemenartige Hautreaktionen hervorrufen. Bisher ist die durch den Pilz ausgelöste Dermatitis vorwiegend in Japan beobachtet worden. Doch da Shiitake inzwischen der zweithäufigste Zuchtpilz weltweit ist, könnte diese in Europa noch seltene Toxikodermie künftig häufiger zu sehen sein.

Privatdozent Norbert Haas von der Charité in Berlin berichtete über einen 67-jährigen Patienten mit einer Shiitake-Dermatitis. Er kam in die Notaufnahme mit starkem Juckreiz und striemenförmigen erythematösen Streifen besonders am Rücken und an den Hüften. Am Tag zuvor hatte er in einem Chinarestaurant ein Gericht gegessen, das auch Pilze enthielt.

Zunächst nahmen die behandelnden Ärzte eine Urtikaria an und gaben dem Patienten 100 Milligramm Prednisolon intravenös und H2-Blocker oral. Doch der Juckreiz wurde unerträglich und das Ekzem breitete sich aus. 

- Als ich ihn sah, dachte ich sofort, dass er Bleomycin bekommen hat-, hat sich Haas in einem Gespräch mit der -Ärzte Zeitung- erinnert. So typisch sahen die entzündlichen Streifen in paralleler Anordnung aus, die durch Kratzen entstanden waren. Bleomycin ist ein Pilzextrakt, der aus Streptomyces verticillus gewonnen wird. Die durch ihn selten verursachte Dermatitis erinnert an Verletzungen durch Selbstgeißelung, wie sie sich etwa Büßer im Mittelalter zufügten.

Doch der Berliner Patient war nicht mit dem Zytostatikum behandelt worden. Durch eine fast kriminalistische Spurensuche in der Literatur und mit Scratch- und Epikutantesten sowie Biopsie fand Haas schließlich die Ursache der Dermatitis, den Speisepilz Shiitake. Der Patient wurde mehrfach mit Kortikosteroiden lokal und H2-Blockern oral behandelt, und die so genannte Flagellantendermatitis heilte innerhalb von einigen Wochen.

Doch warum ist diese Pilz-Toxikodermie bislang in Europa so selten beschrieben worden, obwohl Shiitake auch hier ein begehrter Speisepilz geworden ist? -Vielleicht ist bisher nicht so darauf geachtet worden-, so Haas. Aber auch europäische Essgewohnheiten, nämlich Pilze überwiegend nur gegart zu essen, könnten von Bedeutung sein. Das die Dermatitis auslösende Toxin ist nämlich hitzelabil.

In Japan dagegen kommen die Pilze oft roh oder halbroh auf den Tisch. Auch könnten Kofaktoren zu ihrer Entstehung beitragen, meint Haas. Zum Beispiel sind in Japan etwa 40 Prozent der Erkrankten lichtempfindlich. Das traf auf den Berliner Patienten allerdings nicht zu. Eventuell können auch Medikamente einen Einfluss haben.

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