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Dr. Emad Arbab Universitätsklinik für Dermatologie der Medizinischen Universität Graz
 
Dermatologie 29. April 2009

Neurodermitisschulung

In Kursen werden Patienten interdisziplinär informiert und unterstützt.

Um eine individuell angepasste Therapie und Krankheitsaufklärung bei atopischer Dermatitis gewährleisten zu können, werden zunehmend Patientenschulungen angeboten, wie seit März in Graz.

Das atopische Ekzem ist eine häufig vorkommende, chronisch-rezidivierende, ekzematöse Hauterkrankung mit typischer Morphe und Lokalisation sowie typischem Verlauf. Unter Atopie versteht man die genetisch determinierte Bereitschaft, gegen Substanzen der Umwelt Überempfindlichkeitsreaktionen zu entwickeln, die sich im Bereich der Atemwegsschleimhäute als allergische Rhinitis und/oder als allergisches Asthma und am Zielorgan Haut als atopisches Ekzem manifestieren können.

Die kumulative Inzidenz des atopischen Ekzems hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen und liegt nach neueren Untersuchungen in westlichen Industriestaaten für Kinder bei 15 bis 20 Prozent. Für die starke Zunahme scheinen Veränderungen von Umwelt- und Lebens- stilfaktoren, insbesondere in westlichen Industriestaaten, verantwortlich zu sein. Was diese spezifischen Umwelt- oder Lebensstilfaktoren sind, die im Einzelfall zur Verschlechterung des Leidens führen, ist oft nur schwer oder gelegentlich auch gar nicht zu ermitteln. Es können psychische, klimatische oder mikrobielle Faktoren sein. Nahrungsmittel können genauso wie Inhalationsallergene die Ekzeme verstärken. Besonders schwer zu beantworten sind diese Fragestellungen bei Kleinkindern, wo Rückschlüsse oft nicht zu ziehen sind und oft Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten als Verstärker der Neurodermitis vermutet werden, gelegentlich zu recht, meist aber ungerechtfertigterweise.

Da bei vielen Patienten die notwendige individuell angepasste Therapie und Krankheitsaufklärung auf große zeitliche und ökonomische Probleme stößt, wurden bereits vor über 50 Jahren erste Programme zur Schulung von Patienten mit atopischem Ekzem entwickelt, um die häufig mangeln- de Zeit für die Aufklärung im Einzelfall durch ein Gruppenprogramm auch ökonomisch zu verbessern. Hierbei wurde versucht, sowohl die individuellen und subjektiven Aspekte der Neurodermitis als auch die ökonomische Situation der ärztlichen Praxis zu berücksichtigen. Es war daher naheliegend, Gruppenprogramme zu entwickeln, die mehrere Patienten an einem Termin gemeinsam erfassen und eine aus- reichende individuelle Bearbeitung der jeweiligen Probleme ermöglichen. International wurden entsprechende Schulungsprogramme für Neurodermitiker entwickelt und die Effektivität bereits in prospektiven randomisierten Studien belegt.

Die Schulung stellt ein wichtiges Element in der Betreuung von Patienten mit atopischem Ekzem dar. Strukturierte Gruppenschulung nutzt dabei den Austausch und die Gruppendynamik, um Eigeninitiative zu fördern, Verständnis für therapeutische Maßnahmen zu wecken und eine effektivere Therapiemitarbeit in Krisensituationen und bei Ekzemschü-ben zu bahnen.

Der 2006 publizierten deutschen Multicenterstudie zur ambulanten Neurodermitisschulung bei Kindern und Jugendlichen folgend, wollen wir unsere Patienten in Gruppen standardisiert auf ambulanter Ebene adäquat schulen. Beispiele für die Inhalte des Schulungsprogramms sind in der Tabelle angeführt: Die sechs Sitzungen dauern jeweils zwei Stunden und sollten in Abständen von ein bis zwei Wochen stattfinden, um Zeit für Beobachtungen anhand des Wochenbogens und für Hausaufgaben zu haben. Die Zeit der Selbstbeobachtung und Selbsterfahrung ermöglicht es dem Patienten bzw. seinen Eltern, äußere und innere Einflussfaktoren selbst zu realisieren.

Eine Neurodermitisschulung ersetzt jedoch weder die Diagnostik und medizinische Therapie noch eine eventuell psychotherapeutische Einzelintervention, und nicht jeder Neurodermitiker benötigt alle Stufen der therapeutischen Intervention. An der Universitätsklinik für Dermatologie in Graz werden seit März 2009 Neurodermitisschulungen in Kooperation mit der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie bzw. mit einer Diätologin abgehalten.

Literatur beim Verfasser Bei Interesse oder für nähere Informationen: Dr. Emad Arbab Neurodermitis-Ambulanz, Universitätsklinik für Dermatologie der MedUni Graz E-Mail:
Tabelle Inhalte der Neurodermitisschulung (Beispiel: Kurs für Erwachsene)
Inhalte Ziele Methodenauswahl Berufsgruppe
1. Einheit
Medizinische Grundlagen
Juckreizkratzzirkel
Diagnostik
Vorhandenes Hintergrundwissen über Neurodermitis vertiefen Gespräch, Folien Wochenbogen und Rückmeldung Kinder- oder Hautarzt, Psychologe oder Arzt für psychotherapeutische Medizin
2. Einheit
Kratzreduktion
Kratzalternativen
Belastung und Schlafdefizite
Krankheitsverständnis des Kindes
Stressbewältigung
Positives Verhalten des betroffenen Kindes betonen/wahrnehmen
Entstigmatisierung
Eigene Stressbewältigungsstrategien kennen lernen/erweitern
Gespräch
Stressmodell, Folien
Wochenbogen und Rückmeldungen
Kratzalternativen selbst ausprobieren (Teeumschläge, Coldpacks, „SOS-Cremes“, Entspannungsübung)
Psychologe oder Arzt für psychotherapeutische Medizin
3. Einheit
Hautbild bei Neurodermitis
Umgang mit Juckreiz
Kleidung, Hygiene
Topische Therapie
(Stufenplan Teil 1)
Selbstwirksamkeit in Bezug auf Juckreizbewältigung steigern
Wissenserweiterung bezüglich Salbentherapie
Gespräch Wochenbogen und Rückmeldung Stufenplan und Folien Kinder- oder Hautarzt
4. Einheit
Nahrungsmittelallergien und Unverträglichkeiten
Wissensvermittlung
Neue Alternativen bei Eliminationsdiät kennen lernen, Verhaltensmodifikation in Esssituationen
Gegebenenfalls Indikation zur Ernährungsberatung
Gespräch
Beispiele für Packungsanalysen
Wochenbogen und Rückmeldung
Verschiedene Nahrungsmittel
Diätassistentin oder Ökotrophologin
5. Einheit
Allgemeine Therapie bei Neurodermitis
Behandlungsstufenplan (Teil 2)
Fototherapie/Cyclosporin
Tacrolimus, Pimecrolimus, Ascomycin u. a.
Andere neue Therapieverfahren
Komplikationen
Alternative Heilmethoden
Stadiengerechte Anpassung der Salbentherapie lernen
Wissensvermittlung über weitere Therapieformen
Sich das Thema alternative Therapien gemeinsam erarbeiten und eigene Bedürfnisse offen äußern können
Gespräch Wochenbogen Stufenplan
Rollenspiel Arzt-Patienten-Verhältnis
Kinder- oder Hautarzt
6. Einheit
Auswertung
Verbliebene Fragen
Ausblick
Festigung des Erarbeiteten Selbstmanagement Therapie der kleinen Schritte fördern/verinnerlichen Gespräch Wochenbogen und Rückmeldungen Brief an sich selbst Kinder- oder Hautarzt, Psychologe oder Arzt für psychotherapeutische Medizin
Quelle: Neurodermitisschulung – Konzept und aktueller Stand der German Randomized Intervention Multizentre Study. T. L. Diepgen, et al. Hautarzt 2003, 54:946–51

Dr. Emad Arbab, Graz, hautnah 2/2009

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