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Dr. Thomas Eberlein Wund-Kompetenz Zentrum, Linz

 
Dermatologie 1. Oktober 2011

Wounds at Risk

Einstufung von Risikowunden (W.A.R.-Score) und deren antimikrobielle Behandlung mit Polihexanid – eine praxisorientierte Expertenempfehlung

Bislang gibt es keine allgemein akzeptierte Definition für Risikowunden, die synonym auch als „Wounds at Risk“ oder „infektionsgefährdete Wunden“ bezeichnet werden.

Zur Abschätzung der Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich eine Wundinfektion entwickeln wird, wird der klinische W.A.R.-Score eingeführt. Er beruht auf einer klinisch orientierten Risikoerhebung unter Berücksichtigung der konkreten Patientensachverhalte.

Die Indikation für den Einsatz von Antiseptika ergibt sich aus der Addition unterschiedlich zu gewichtender Gefährdungsursachen, für welche Punkte vergeben werden.

Bei drei oder mehr Punkten ist eine antimikrobielle Behandlung zu rechtfertigen (Abbildung 1).

Abb1

 Abb. 1: Therapiestufen zur antimikrobielle Wundbehandlung

In Ermangelung klarer Vorgaben werden viele Wunden unkritisch als potentiell infektionsgefährdet eingestuft. Die zu häufige und/oder zu langzeitige Anwendung antiseptisch wirksamer Produkte ist daher oft Ausdruck eines nicht evidenzbasierten, empirischen Sicherheitsdenkens. Zudem ist es wichtig, gefährdete Patientengruppen oder kritische Wundverhältnisse zu erkennen, um in der Folge schwerwiegende Infektionen durch konsequentes Wundmanagement zu verhindern.

Auf der Basis von Expertengesprächen und dem aktuellen Wissen wurde ein Bewertungsscore entwickelt, welcher nun eingeführt wird (siehe Tabelle 1). Der Sinn dieses Wounds-at-Risk-Scores (W.A.R.-Scores) soll es sein, die Entscheidungsfindung für die Anwendung von Antiseptika auf der Basis von Polihexanid zu erlauben.

Insgesamt soll diese Empfehlung zur Begriffsklärung beitragen und Ent-scheidungshilfen zur sinnvollen Auswahl lokaler antimikrobieller Maßnahmen mit Fokus auf die Substanz Polihexanid bieten. Dies geschieht mit dem Ziel, Wundinfektionen zu verhindern.

Tabelle 1 Risikoeinteilung zu infektionsgefährdeten Wunden (Wounds at Risk)
RisikoklasseRisikodefinition (anhand von Risikozuständen und unterschiedlichen Indikationen)Scorepunkte (W.A.R.)
Klasse 1 a) erworbene immunsuppressive Erkrankung (z. B. Diabetes mellitus)

b erworbener Immundefekt durch medikamentöse Therapie wie Ciclosporin, Methotrexat, Glukokortikoide, Antikörper

c) Erkrankung mit soliden Tumoren

d) hämatologische Systemerkrankung

e) postchirurgische Wundheilungsstörung, welche zu (ungeplanter) Sekundärheilung führt

f) durch Lokalisation besonders keimbelastete Wunden (z. B. Perineum, Genitale)

g) problematische, hygienische Bedingungen durch soziales oder berufliches Umfeld (z. B. Landwirt, Lkw-Fahrer)

h) Lebensalter des Patienten > 80 Jahre

i) geringes Lebensalter des Patienten (Frühgeborene, Babys, Kleinkinder)

j) Bestandsdauer der Wunde > 1 Jahr

k) Wundgröße > 10 cm2

l) stationärer Langzeitaufenthalt des Patienten > 3 Wochen
Das Vorliegen einer Risikodefinition gibt jeweils einen Risikopunkt.
(Mehrfachnennungen möglich.)

Die Punkte werden summiert.
Klasse 2 a) chronische Wunden aller Kausalitäten mit einer Tiefe > 1,5 cm

b) schwere erworbene Immundefekte (z. B. HIV-Infektion)

c) stark verschmutzte Akutwunden

d) Biss-, Stich- und Schusswunden zwischen 1,5 und 3,5 cm Tiefe
Das Vorliegen einer Risikodefinition gibt jeweils zwei Risikopunkte.
(Mehrfachnennungen möglich.)

Die Punkte werden summiert.
Klasse 3 a) Verbrennungswunden mit Beteiligung von > 15 % KOF (Körperoberfläche)

b) Wunden, welche eine direkte Verbindung zu Organen oder Funktionsstrukturen aufweisen (z. B. auch Gelenke) bzw. körperfremdes Material enthalten

c) schwerste angeborene Immundefekte wie beispielsweise Gammaglobulinämie, schwere kombinierte Immundefekte (SCID) etc.

d) Biss-, Stich- und Schusswunden > 3,5 cm Tiefe
Das Vorliegen einer Risikodefinition gibt jeweils drei Risikopunkte.
(Mehrfachnennungen möglich.)

Die Punkte werden summiert.
Die Risikopunkte sind anschließend insgesamt zu summieren.
Ein Score ≥ 3 Punkte bedeutet das Vorliegen einer aus klinischer Sicht infektionsgefährdeten Wunde und bedingt somit die klinische Indikation zur Anwendung lokaler Antiseptika.
Hinweis: Von dieser Empfehlung unabhängig können weitere Behandlungsindikationen bestehen, die eine lokale antimikrobielle Behandlung per se erfordern, z. B. Erregerradikation bei Nachweis von multiresistenten Erregern gem. Vorgaben des RKI, kritisch-kolonisierte Wunde

 

 

Literatur

1 Dissemond J, Assadian O, Gerber V, Kingsley A, Kramer A, Leaper DJ, Mosti G, Piatkowski de Grzymala A, Riepe G, Risse A, Romanelli M, Strohal R, Traber J, Vasel-Biergans A, Wild T, T. Eberlein T (2011) Classification of wounds at risk (W.A.R. score) and their antimicrobial treatment with polihexanide – a practice-oriented expert recommendation. Skin Pharm Physiol 24/5. doi:10.1159/000327210

T. Eberlein, hautnah 3/2011

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