zur Navigation zum Inhalt
© Archiv
Prof. Dr. Josef Auböck Präsident der ÖGDV, Leiter der Abteilung für Dermatologie und Venerologie, AKH Linz
 
Dermatologie 12. Mai 2011

„Wir müssen uns am Patienten messen“

Der neue ÖGDV-Präsident Prof. Dr. Josef Auböck im Gespräch

Seit der vergangenen Jahrestagung ist Prof. Dr. Josef Auböck Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV). Im Interview spricht er über seine Pläne, über den Stellenwert der österreichischen Dermatologie und verrät, was ihn persönlich an seinem Fachgebiet fasziniert.

Die Dermatologie ist ja sehr breit gefächert. Welche Bereiche werden speziell gefördert werden?

JOSEF AUBÖCK: Grundsätzlich besteht die Aufgabe der ÖGDV darin, die wissenschaftliche Entwicklung und die praktische Umsetzung des Faches zu unterstützen und voranzutreiben. Die ÖGDV ist eine relativ große Gesellschaft mit etwa 700 Mitgliedern, 48 Prozent davon Frauen. Die Dermatologie umfasst viele Spezialdisziplinen: von der Allergologie, Immundermatologie, Dermato-Histo-Pathologie, Genetik, Dermatochirurgie, Labordiagnostik, Psychodermatologie, Geschlechtskrankheiten, Onkologie und Umweltmedizin bis hin zur Vorsorge und Rehabilitation. Die meisten Subdisziplinen werden durch spezielle Arbeitsgruppen und Arbeitsgemeinschaften der ÖGDV repräsentiert. Es ist mein Ziel, die breite Entwicklung des Faches weiterhin zu fördern und durch Spezialisierung und Exzellenz zu festigen. Das ist wichtig für die Ausbildung und für die Wirkung des Faches nach außen. Heuer werden zwei neue Arbeitsgruppen aus der Taufe gehoben, eine für Photobiologie und eine für Psychodermatologie. Bei der ÖGDV-Jahrestagung im Herbst werden die Bereiche Photobiologie, Allergologie, Phlebologie und Genetik in den Vordergrund rücken.

 

Impliziert das auch Herausforderungen politischer Art?

AUBÖCK: Ja, die ÖGDV übt auch wichtige standespolitische Funktionen aus. Wir müssen uns bemühen, die Position der Dermatologie in der sich wandelnden Gesundheitslandschaft zu festigen und zu stärken. Das wird uns heuer noch einiges an Arbeit abverlangen. Ein konkretes Vorhaben ist, das Fach im Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) fest zu verankern. Dieser gesetzlich verbindliche gesundheitspolitische Rahmenplan für eine integrierte Gesundheitsvorsorge regelt die ambulante und stationäre Versorgung. Auch die Detailplanung für die Regionalen Strukturpläne (RSG) basieren darauf. Aktualisierung und Repräsentanz der Dermatologie im ÖSG ist deshalb ein vordringliches Thema. Dass die Dermatologie ein sehr breites Fach ist, schafft auch Spannungsfelder und wir könnten Gefahr laufen, dass uns die vielen Subdisziplinen über den Kopf wachsen. Es drohen Einschränkungen von vielen Seiten: Politik, Krankenhausträgern, Versicherungen, Gesundheitsbehörden, Patientenvertretungen, Ärztekammern und nicht zuletzt von anderen Fächern. Da muss man immer ein waches Auge drauf haben, das Fach und seine Teilbereiche gut zu positionieren und es vor Begehrlichkeiten anderer Fächer zu schützen. Wir müssen beispielsweise Flagge zeigen, wenn Plastische Chirurgen bestimmte Bereiche der Dermatochirurgie und ästhetischen Chirurgie plötzlich für sich allein reklamieren. Dasselbe trifft zu, wenn Hämatoonkologen ihren Führungsanspruch auf die Dermatoonkologie ausweiten wollen. Für diese Spannungsfelder gilt, stets das Beste für den Patienten zu tun und abzuwägen, wer die geforderten Qualifikation besitzt und wie man eine optimale interdisziplinäre Patientenversorgung gewährleisten kann.

Dennoch sehe ich zur Zeit keine Gefahr, dass die Dermatologie etwa die Zuständigkeit für das Melanom verlieren könnte. Die Diskussion der letzten Monate hat alle Organfächer wachgerüttelt, ihre onkologische Eigenständigkeit und Kompetenz zu bewahren. Im Übrigen ist die Dermatoonkologie unverrückbar im Ausbildungskatalog und im Rasterzeugnis verankert. Das gleiche gilt für die operative Dermatologie.

 

Einige Teilbereiche sind ja schon sehr gut etabliert.

AUBÖCK: Man darf mit Stolz feststellen, dass der gesamte Querschnitt des Faches in Österreich recht gut aufgestellt und etabliert ist. Auf wissenschaftlicher Ebene gibt es eine sehr gute internationale Vernetzung. Angesehene Repräsentanten der ÖGDV bekleiden Schlüsselfunktionen in internationalen Gremien wie z. B. International League of Dermatological Societies, European Academy of Dermatology and Venerology oder European Dermatology Forum. Außerdem werden im Moment alle Anstrengungen unternommen, den Weltkongress für Dermatologie 2015 nach Wien zu holen. Dazu gibt es kräftige Schützenhilfe von mehreren dermatologischen Gesellschaften. Das Bidding-Komitee mit Beatrix Volc-Platzer an der Spitze lässt sicher nichts unversucht, um den Kongress nach Wien zu holen.

 

Gibt es Bereiche, wo die Dermatologie noch nicht da ist, wo sie sein könnte?

AUBÖCK: Österreich hat in der Dermatologie eine wesentliche Vorreiterrolle innegehabt und spielt noch immer noch eine sehr angesehene Rolle. Wir haben renommierte Repräsentanten in den verschiedensten Fachbereichen und sind als kleines Land enorm präsent. Die großen Mentoren der österreichischen Dermatologie Klaus Wolff, Peter Fritsch, Herbert Hönigsmann und Helmut Kerl haben die österreichische Dermatologie in die internationale Auslage gestellt.

Österreich hat enorm viel geleistet – etwa in der Allergologie, Entzündungsforschung, Genetik, aber auch in der Dermatoonkologie. Man darf nicht vergessen, dass wesentliche Impulse und Lösungsansätze zur HPV-Immunisierung aus Österreich gekommen sind. Ein internationales Vorzeigemodell ist unter anderem das Epidermolysis-Bullosa-Haus in Salzburg. Hier beschränkt man sich nicht auf die wissenschaftlichen Aufgaben, sondern leistet auch einen Beitrag zur Patientenbetreuung bis hin zur Versorgung der Eltern. Ich finde es besonders bemerkenswert, dass hier nicht nur wissenschaftliche Grundlagen erarbeitet werden, sondern auch die umfassende persönlich Betreuung mit einfließt.

 

Kommt das ganze Fachwissen, das eigentlich im Lande vorhanden ist, bei den niedergelassenen Kollegen auch an?

AUBÖCK: Dazu muss man sagen, dass die Dermatologen sich sehr eifrig weiterbilden. Sie gehören zu den fleißigsten Erwerbern von DFP-Punkten. Die Teilnahmefreudigkeit an unseren Fortbildungsveranstaltungen (der ÖGDV, der ÖADF, der Arbeitsgruppen und Arbeitsgemeinschaften) ist wirklich beachtlich. Bei den großen Kongressen kommen bis zu 500 Hörer – wenn man davon ausgeht, dass wir in Österreich rund 700 Dermatologen haben, ist das schon eine erkleckliche Anzahl. Dazu trägt sicher auch bei, dass unter den Dermatologen ein sehr gutes kollegiales und freundschaftliches Klima herrscht.

Wir bieten durch die ÖADF (Österreichische Akademie für Dermatologische Fortbildung) hochwertige dermatologische Fort- und Weiterbildung an. Dass diese in einer exzellenten „Verpackung“ angeboten wird, ist sicher mit ein Grund für die Fortbildungsfreude und in jedem Fall ein unschätzbares Verdienst von Norbert Sepp.

 

Sieht es mit dem dermatologischen Nachwuchs entsprechend gut aus?

AUBÖCK: Die Nachfrage nach dem Fach ist enorm. Es gibt weitaus mehr Interessenten als Ausbildungsplätze. Im Rahmen der Oberösterreichischen Spitalsreform, die gerade heftig verhandelt wird, droht allerdings die Schließung der bettenführenden Abteilung am AKH Linz. Das würde mit einem Schlag vier Facharztausbildungsstellen (ein Drittel der Ausbildungsstellen in Oberösterreich) vernichten, den Verlust von etwa 50 Ausbildungsplätzen jährlich für Turnusärzte bedeuten und den Ausfall zahlreicher Praktikumsplätze für Medizinstudenten.

 

Welche Aufgaben kommen in den nächsten Jahren auf das Fach zu?

AUBÖCK: Wir müssen die Position des Faches festigen. Dazu muss es uns gelingen, die Ausbildung in den vielen Teilbereichen sicherzustellen. Die Ausbildungsordnung, die im Ausbildungskatalog und im Rasterzeugnis verankert ist, halte ich für eine sehr gute Grundlage. Um möglichen Schwachstellen zu begegnen, werden wir in Zukunft vermutlich um zusätzliche Aus- und Fortbildungscurricula nicht herumkommen.

Unverändert wichtig ist die Prävention. Die Bevölkerung ist zwar hinsichtlich Hautkrebs und Hautkrebsvorsorge gut aufgeklärt, dennoch müssen wir die Aufmerksamkeit unvermindert wach halten. Denn sonst werden die Risiken allzu schnell wieder vergessen. Nachholbedarf sehe ich bei den Berufsdermatosen. Die Prävention spielt bei der beruflichen Exposition mit Schadstoffen und Allergenen eine entscheidende Rolle. Das Thema ist nicht nur für den Patienten oder für uns Hautärzte von enormer Bedeutung. Es ist auch für die Krankenkassen wichtig, weil das viel Geld kostet. Weiters ist es für die Pensionsversicherungen interessant, denn oftmals können Betroffene nicht mehr in den Arbeitsprozess eingegliedert werden. Hier sind noch viele Initiativen notwendig. Gegen den Hautkrebs richten sich bereits zahlreiche erfolgreiche Aktionen wie beispielsweise „Sonnen ohne Reue“. Ein weiterer Erfolg und eine gelungenes Beispiel für erfolgreiche Prophylaxe ist es auch, dass Jugendliche unter 18 Jahren nicht mehr ins Solarium dürfen.

Auch den chronischen Hautkrankheiten, der Neurodermitis und der Psoriasis, müssen wir uns intensiv widmen. Ebenso den Patienten mit Orphan Diseases. Denn wenn die Patienten mit seltenen Krankheiten keine Lobby haben, werden sie nicht wahrgenommen.

Eine grundsätzliche Herausforderung ist auch die Frage, wie sich das österreichische Gesundheitssystem entwickeln wird. Es wir dabei viel darüber diskutiert, Bettenzahlen zu reduzieren und Abteilungen zu verkleinern, aber die sind wichtige Ausbildungsorte. Ich hoffe, dass die Politiker Augenmaß bewahren werden.

Die Patienten sind der Maßstab, an dem wir uns messen lassen müssen. Die Haut ist ein fühlendes Organ und wir müssen danach trachten, unsere Patienten durch unser „Be-handeln“ im wahrsten Sinne zu berühren. Hautkrankheiten sind keine Bagatellen und erzeugen vielfach einen immensen Leidensdruck. Stigmatisierung, sozialer Rückzug und Depression sind mögliche Folgen. So fühlt sich ein Psoriatiker in seiner Lebensqualität drastischer eingeschränkt als ein Herz- oder Krebspatient. An Psoriasis oder Akne Erkrankte sind nicht selten auch suizidgefährdet.

 

Wird sich der Stellenwert der niedergelassenen Dermatologen verändern?

AUBÖCK: Es wäre die vordringliche Aufgabe einer Gesundheitsreform, zu klären, welcher Anteil der Versorgung dem Niedergelassenen zukommt und welcher dem Kliniker. Die Sozialversicherungen sehen es lieber, wenn die Patienten an die Klinikambulanzen gehen, denn dort kostet der Patient weniger, da die Beiträge gedeckelt sind. Das überlastet die Spitäler. Der Gesetzgeber sieht vor – und das halte ich für vernünftig – dass erst der praktische Arzt, dann der Facharzt und zuletzt erst die Klinik aufgesucht wird. Es kann im Rahmen einer Gesundheitsreform also durchaus zu einer Aufwertung der Niedergelassenen kommen. Hier wünsche ich mir eine klare politische Entscheidung, damit das Zusammenspiel zwischen extramuraler und intramuraler Medizin optimal abgestimmt werden kann.

 

Was fasziniert Sie persönlich eigentlich an der Dermatologie?

AUBÖCK: Die unglaubliche Breite und Vielfalt des Faches. Die Dermatologie ist ein Querschnittsfach, ein integratives Fach und dadurch eine Drehscheibe im Diagnose- und Therapieprozess kranker Menschen.

Faszinierend ist auch der medizinische Fortschritt: Als ich zur Dermatologie kam, konnte man Infektionen mit dem Herpes simplex und Varicella-Zoster-Virus noch nicht mit Medikamenten behandeln. Heute ist das eine Selbstverständlichkeit. Viele neue, hochwirksame Medikamente sind in den letzten drei Jahrzehnten dazugekommen: Antibiotika, Antimykotika, Virustatika, die HPV-Impfung, spezifisch wirksame Antitumor-Medikamente und nicht zuletzt die Biologika.

Dass viele dieser Medikamente einfach anwendbar sind, ist zweifellos ein Segen, aber für das Fach auch eine gewisse Bedrohung. Denn das ermöglicht es auch anderen Fachbereichen – Internisten, Pädiatern und sogar Allgemeinmedizinern – die Behandlung von Hautkrankheiten zu übernehmen. Gerade deshalb halte ich es für unerlässlich, dass wir Dermatologen vor allem im medizinischen Alltag – in der Praxis, in der Klinik – mit wissenschaftlich-medizinischem Können und Empathie unsere Patienten überzeugen.

Das Gespräch führte Patricia Herzberger

Patricia Herzberger, hautnah 2/2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben